Inhalt

"Faust I" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 4. März 2019

Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!“ Der Weimarer Theaterdirektor Goethe wusste, wie es zugeht auf den Bühnen seiner Zeit, und so gibt er denn im „Vorspiel auf dem Theater“ seines „Faust“-Dramas allerlei praktische Tipps für eine angemessene Aufführung. Sein moderner Pforzheimer Kollege Thomas Münstermann hat sich in seiner Inszenierung des Werks, die jetzt vom Premierenpublikum ausgiebig gefeiert wurde, an diesen gefährlichen Ratschlägen des Prinzipals orientiert.

Der Pforzheimer „Faust“ ist kein Stück aus einem Guss – und will es auch nicht sein. Vielmehr mischt der Regisseur in schöner „Sturm & Drang“-Manier Elemente des vollsaftigen Volkstheaters mit der anrührenden Gretchen-Tragödie zu einem bunten Kosmos zwischen Erkenntnisdrang und Beziehungsdrama, der gegen Ende hin immer mehr das individuelle Geschehen in den Vordergrund rückt und den verhängnisvollen Deal, den Mephisto im Prolog mit dem „Herrn“ schließt, zur Nebensache macht.

Die Figur des Faust zerfällt in Pforzheim in ganz unterschiedliche Facetten zwischen grotesker Albernheit, greinendem Missmut, glühender Emphase und heroischem Pathos, für die die Inszenierung gleich fünf sehr verschiedene Darsteller aufbietet. (...)

Erst nach diesem Bruch erhält die fahrige Aufführung endlich Spannung und Gewicht. Wo zuvor grelle Gaudi, banale Zotereien und parodistischer Übermut herrschten, treten nun das Wort und die Tragödie in den Vordergrund, nur selten durchbrochen von burlesken Szenen wie der anarchischen Walpurgisnacht, die zum unverständlichen Klamauk gerät. Wie es scheint, hat die Regie gerade zu den betont turbulenten „Volksszenen“ unter der Mitwirkung der ungelenken Statisterie keinen Zugang gefunden und auch in der Figurenzeichnung der Nebenrollen kaum mehr als Karikaturen entworfen. (...)

Münstermann hat sich für zügige Szenenwechsel ein bewegliches, variables Bühnengerüst gebaut, das mit den Videos von Philippe Mainz für eindrückliche Bilder sorgt, aber auch vom Ensemble ständigen Einsatz fordert. Zentrale Figur des wechselvollen Treibens ist Jens Peter, der den Mephisto im Zusammenspiel mit immer neuen Faust-Typen weniger als diabolischen Anstifter zwischen Triumph und Scheitern spielt denn als vulgären, durchaus irdischen Strippenzieher,.

Unter den diversen Faust-Darstellern bleibt vor allem Lars Fabian in der packenden Kerkerszene im Gedächtnis, und Lilian Huynen steuert als humorvoll akzentuierte Frau Marthe ein prägnantes Porträt bei. Den wohl schlüssigsten Eindruck jedoch hinterlässt Steffi Bauer als unglückliche Margarete, die in ihrer aufgewühlten Selbstbezichtigung im „Dom“ einen grandiosen Höhepunkt setzt.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 4. März 2019

Im Anfang war nicht das Wort, sondern ein Feld von Lauten und Silben, die erst nach und nach zu Wörtern und Versen zusammenwuchsen. Nicht ein einzelner bejahrter Gelehrter sitzt in seinem engen gotischen Zimmer; vielmehr stehen jüngere und ältere Männer und Frauen vor vorüberziehenden Wolken und wogenden Menschenmengen und stellen fest, dass sie viel gelernt haben und die Welt immer noch nicht verstehen.

So beginnt die Tragödie des nach Erkenntnis strebenden Menschen am Theater Pforzheim. Intendant Thomas Münstermann hat „Faust I“ neu inszeniert. Er schafft zunächst Distanz zum allseits bekannten Goethe-Text, indem er ihn vorübergehend sprachlich verfremdet, und stellt damit überkommendes Buchwissen infrage. (...) Nicht nur der Wissenschaftler, sondern wir alle suchen nach Wahrheit, Sinn und Glück. Sind wir nicht alle ein bisschen Faust?

Die Rolle ist auf mehrere Schauspieler verschiedenen Alters und beiderlei Geschlechts verteilt (...) Ein langer dunkler Mantel, den der jeweilige Darsteller angezogen bekommt, dient als Kennzeichen des Sinnsuchers. Demgegenüber wechselt Mephisto laufend die – von Alexandra Bentele gestalteten – Kostüme, wobei er seine kleinen roten Hörner meist unter einer Kopfbedeckung versteckt. Fast scheint es, als sei auch der Teufel, den Jens Peter mit irritierend gebrochener Geschmeidigkeit verkörpert, auf der Suche – nicht als Durchschnittspersönlichkeit, sondern als Außenseiter ohne festen Platz. Seinen eigentlichen Widerpart findet Mephisto denn auch nicht in dem einen oder anderen Faust, sondern in Gretchen. Steffi Baur spielt sie weniger naiv als vielmehr empathisch, als eine erwachsene, selbstbewusste Frau, auf die das Diminutiv nicht so recht passen will.

Insgesamt bietet die Inszenierung von Thomas Münstermann, von dem auch das schlichte, die Theatersituation zitierende Bühnenbild stammt, mit ihrem Fokus auf zeitlosen Fragen eine breite Identifikationsfläche für Zuschauer von heute, wobei sie trotz vereinzelter Verfremdungen den gut 200 Jahre alten Text respektiert. Das alles miteinander zu vereinbaren, zeugt von echter Kreativität.