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Pforzheimer Zeitung

Freitag, 19. April 2019

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„Es gibt nur eine Wahrheit: Feuer – und wir sind die Glückshüter“, so einer der ersten Sätze der etwas anderen Feuerwehr in „Fahrenheit 451“ – eben der Temperatur, bei der Papier, also auch Bücher, Feuer fangen. Und damit ist auch schon die Grundkonstellation beschrieben, auf der das gesamte Stück basiert. Dabei könnte das Stück kaum aktueller sein als in diesem Tagen, da Intellekt und Wissen abgelöst werden durch alternative Wahrheiten und Anti-Intellektualismus.

Die Bühnenfassung des gleichnamigen Romans von Ray Bradbury aus den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eingerichtet von Hannes Hametner für das Theater Pforzheim, kommt schnörkellos daher mit seinem schlichten, geradlinigen Bühnenbild und einem dementsprechend kühlen sprachlichen Ausdruck. (...)

In die düstere Szenerie der militant-bedrohlichen, ganz in Schwarz gehüllten Feuerwehrtruppe bricht sie ein, die junge, schwärmerische Clarisse. Erfrischend frühlingshaft im passend grünen Kleid, gespielt von Steffi Baur, bringt sie den bislang linientreuen Feuerwehrmann Guy Montag (Clemens Ansorg) gehörig durcheinander mit ihrer sensiblen, heiteren Art. Tag für Tag trifft er sie – das Bild vom gefühllosen Monolith beginnt zusehends zu bröckeln. Dies prägnant zu zeigen, dafür reicht, dass Guy nur einmal kurz den Kopf nach hinten wirft, um den Regen in den Mund prasseln zu lassen.

Den traurigen Kontrast zu dieser sinnenfrohen Szenerie mit Clarisse: die Szenen einer Ehe von Guy mit seiner Frau, der tablettensüchtigen Mildred (authentisch enervierend Konstanze Fischer) – dümmlich, verzweifelt gleich ihr Einstand mit einem Fast-Selbstmord mithilfe von Tabletten. Am nächsten Tag erinnert sie sich an nichts. Immerzu hockt sie vor der Glotze, mit einbezogen in einem geschlossenen Soap-Kosmos, über dem der (virtuelle) Clown (Markus Löchner) thront, überlebensgroß eingespielt und fies lächelnd.

Das seelische Gleichgewicht von Guy gerät vollkommen ins Wanken, als die Feuerwehrtruppe um Feuerwehrhauptmann Beatty, Guys Vorgesetzten – eiskalt und seelenlos Lars Fabian, Markus Löchner, Bernhard Meindl – das mit Büchern befrachtete Haus einer alten Dame (Anne-Kathrin Lipps) in Flammen aufgehen lässt und die leidenschaftliche Bücherleserin gleich mit verbrennt. „Es muss etwas dran sein an den Büchern“, beginnt Guy zu zweifeln – und fängt an selbst Bücher zu lesen. Der Baum der Erkenntnis beginnt zu sprießen und das Drama nimmt seinen Lauf. Schließlich kommt Feuerwehrhauptmann Beatty durch Montags Hand in den Flammen um. Ein schmerzhafter und leidvoller Weg der Erkenntnis mittels Büchern, wie auch immer der Verzicht der Menschen darauf ein freiwilliger ist – und nicht von der Obrigkeit obstruiert.

Viel Applaus nach 90 Minuten vom Premierenpublikum, das alles andere als seichten Stoff geboten bekam.(...)

Badische Neueste Nachrichten

Freitag, 19. April 2019

Im Bann der flimmernden Bilder

(...) In dieser Dystopie ist das Lesen von Büchern verboten, weil es eigenständiges Denken fördert. Versteckte Bücher zu finden und zu vernichten, ist Aufgabe der Feuerwehrleute, die nicht Brände löschen, sondern Brände legen.(...) Geballte Macht, inkarniert in Feuerwehrhauptmann Beatty. Am Theater Pforzheim, das nun eine von Hannes Hametner und dem Ensemble eingerichtete Bühnenfassung von „Fahrenheit 451“ zeigt, ist Beatty verdreifacht (Lars Fabian, Markus Löchner, Bernhard Meindl). Die Multiplikation dient
nicht etwa dazu, die Komplexität der Figur zwischen Problembewusstsein und Systemtreue aufzuschlüsseln – diese Chance hat die Inszenierung von Hannes Hametner leider verschenkt –, sondern lässt Beatty schlicht übermächtig wirken, vor allem gegenüber seinem Untergebenen Guy Montag (Clemens Ansorg), der zentralen Figur. Dieser Feuerwehrmann identifiziert sich mit dem totalitären System, bis zwei Ereignisse ihn destabilisieren: Er lernt die unkonventionelle Nachbarin Clarisse (Steffi Baur) – „siebzehn und von Sinnen“ – kennen, die sich lieber an der Natur erfreut als mit elektronischen Medien zerstreut, und er erlebt den Suizid einer Frau, die lieber mit ihren Büchern verbrennt, als diese aufzugeben. Die „verbrannte Frau“ (Anne-Kathrin Lipps) kehrt in traumartigen Passagen wieder und erinnert an den Wert der Kultur und des autonomen Handelns. (...)
Obwohl auf rund 90 Minuten begrenzt, nimmt sich die Inszenierung Zeit, Guy Montags Entwicklung zu zeigen: Immer öfter tanzt er aus der (Vierer-)
Reihe der Feuerwehrleute. Seine zunächst harten und verkniffenen Züge wirken bald, in Projektionen vergrößert, weich und aufgeschlossen. Die Videos von Philippe Mainz veranschaulichen die Allgegenwart des Fernsehens, beispielhaft verkörpert vom grotesk expandierten malignen Weißen Clown (Markus Löchner), aber auch die Diskrepanz zwischen Realität
und medialer Illusion, besonders bei Montags Ehefrau Mildred (Konstanze Fischer) und ihren Freundinnen Helen (Katja Thiele) und Alice (Mira Huber). Wie stumme Mimik und Gestik wortreiche Reden begleiten, wie sich die leuchtend farbigen Videos von dem kantigen weiß-grauen Bühnenbild von Jörg Brombacher abheben, ist allemal eindrucksvoll. Dass ein Stück, dass die flimmernden Bilder kritisiert, sich ihrer so großzügig bedient, stimmt jedoch nachdenklich – und Denken ist jetzt und hier ja nicht verboten.