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Die Zofen - Pressestimmen

"Pforzheimer Zeitung"

"Die Manie gilt wohl aber vielmehr dem unreinen Gewissen und dem Zwang, seine Hände in Unschuld waschen zu wollen. Denn was die beiden Schwestern Claire und Solange als Zofen ihrer Herrin treiben, verheißt nichts Gutes: Wenn die Madame fort ist, spielen beide ihre – wie sie es nennen – Zeremonie. Im Rollenspiel nehmen sie die widerlichen Machtstrukturen des Haushalts auf, in dem sie leben und in dem sie, wie in der Pforzheimer Inszenierung von Marek S. Bednarsky offensichtlich, gefangen sind. Die Wände sind hier, was nach dem Beiseiteziehen der weißen Gardinen zu sehen ist, alles überragende Maschendrahtzäune. Claire, vielseitig in den wechselnden Charakteren dargestellt von Nika Wanderer, gibt in der Zeremonie die herrische Madame, die per Fingerschnippen die Schwester lustvoll herumkommandiert. Und Michaela Fent verleiht der Solange die sehnsüchtige Ergebenheit, die dem ganzen Stück innewohnt: Eigentlich will man gesellschaftlich aufsteigen und von der Zofe selbst zur Madame werden – selbst wenn Verleumdung, Lüge und Mord dazugehören. Ansporn dabei ist aber weniger der Schrei nach sozialer Gerechtigkeit als vielmehr die unbestimmbare Wollust, selbst Macht und Erniedrigung ausüben zu können."

"Während die Zofen ihre Hände der Hygiene wegen in weiße Gummihandschuhe stecken, trägt Madame fingerfreie schwarze Lederhandschuhe. Diese Madame ist eine Sadistin, die sich fürs Grobe am Handballen schützt, den Schmerz aber, den sie bereitet, an den Fingerspitzen erfühlen will. Angesichts einer solchen Vorgesetzten können Angestellte nur mit einem wahnwitzigen Zeitvertreib wie jener Zeremonie reagieren. Dass dabei Fantasie und tatsächliche Realität bitter durcheinandergeraten, ist die dramatische Spannung des 1947 uraufgeführten Einakters von Jean Genet. Der führte dem Nachkriegspublikum schonungslos vor Augen, in welche Abgründe die Psyche geraten kann, wenn in perversen autoritären Strukturen die Erniedrigten zu ihrem vermeintlichen Recht kommen wollen."

"Fazit: Theater unter Corona funktioniert. Allerdings war das Hygienekonzept im Publikum unübersehbar. Nur jede zweite Reihe war belegt und dort jeweils zwei leere Sitze Abstand zwischen den Besuchern. So passten etwa 130 Zuschauer in den Großen Saal, was beim Schlussapplaus ungewohnt dünn klang, obwohl die Aufführung sichtlich gut ankam."

Sven Scherz-Schade

"Badische Neueste Nachrichten"

"Der umstrittene französische Autor Jean Genet (1910 bis 1986), der selbst wegen verschiedener Delikte mehrmals in Haft kam und im Gefängnis zu schreiben begann, gab für sein 1947 in Paris uraufgeführtes Stück „Die Zofen“ ursprünglich vor, dass die drei Frauenfiguren von Männern gespielt werden sollten. Die Inszenierung von Marek S. Bednarsky, die nun am Theater Pforzheim Premiere hatte, lässt sich darauf nicht ein. Alle drei Rollen sind mit Frauen besetzt. Damit umgeht der Regisseur immerhin die Travestieklamaukfalle und lässt dem eigentlichen Vexierspiel mehr Raum. Die einander im Wesen so ähnlichen Zofen, die von ihrer Herrin ständig verwechselt werden und sich auch selbst nicht voneinander abgrenzen können, sind äußerlich ganz unterschiedliche Typen: die von Nika Wanderer gespielte Claire biegsam und quirlig, die von Michaela Fent verkörperte Solange senkrecht und starr."

"In einem sexuell aufgeladenen Spiel im Spiel, zeitlich begrenzt durch das Schrillen eines Küchenweckers, agieren die Schwestern als Herrin und Dienerin, abwechseln befehlend und gehorchend, dominant und devot, bis hin zum rituell vorweggenommenen Mord. Die Exaltiertheit, mit der Claire ihre „Madame“ nachahmt, erweist sich nachträglich als untertrieben: Madame höchstselbst ist noch um ein paar Windungen überdrehter – das Kiekskonzert, das Myriam Rossbach sie beim Anblick des Küchenweckers aufführen lässt, hätte Szenenapplaus verdient."

"In diesem zwischen Komödie und Tragödie oszillierenden Stück ist nichts so, wie es scheint. Steven Koop hat in Pforzheim die passende Ausstattung geschaffen: Die prächtigen Kleider der Madame führen ein Eigenleben, und hinter den duftigen Gardinen des Boudoirs verbergen sich nackte Gitter. Für „Die Zofen“ gibt es keinen Ausweg aus dem Spiel um Demütigung und Unterwerfung, Macht und Widerstand."

Sibylle Orgeldinger