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Der zerbrochne Krug - Pressestimmen

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 9. April 2018

Eve will nicht mehr schweigen. Sie geht an die Öffentlichkeit. Nicht erst dem Gerichtsrat Walter teilt sie kurz vor Auflösung des Kriminalfalls mit, was „kein Mädchenmund wagt auszusprechen“, sondern bereits zu Beginn zieht sie das Publikum im Theater Pforzheim mit der Schilderung jener Nacht, als der Krug zu Bruch ging, auf ihre Seite. (...) Die Pointe von Hannes Hametners Inszenierung, die Lösung von Heinrich von Kleists 200 Jahre alter Komödie vorwegzunehmen, erscheint im Zuge der Me Too-Debatte verblüffend folgerichtig und nimmt dem findig konstruierten Stück, in dem ein Richter über sich selbst Gerichtstag hält, nichts von seiner Wirkung. Was auf dem platten Land zwischen Huisum und Holla gebräuchlich war, ist auch unter dem Bundesadler, der freilich stark Federn gelassen hat, nicht ungewöhnlich: Amtsmissbrauch, Bestechlichkeit, Meineid, sexuelle Gewalt.

Giovanni de Paulis hat die Amtsstube nur mit dem Nötigsten ausgestattet, mit einem altmodischen Safe, der zur Aufbewahrung von Käse und Gläsern dient, mit ein paar mit Kunstleder bezogenen Sesseln, einer üppigen Zimmerpflanze und einer Leiter, die die Amtspersonen in höchster Verzweiflung erklimmen, beispielsweise, um vor der Revision die Unterlagen über die Rückwand zu entsorgen.

(...) Erst mit dem Erscheinen des Gerichtsrats Walter, dem Robert Besta eine erfreuliche soignierte Aussprache und dezidiertes Auftreten verleiht, gewinnt die in Maßen komische Pforzheimer Aufführung an sprachlicher Finesse und Tempo. Von der dritten Reihe aus beobachtet er, wie sich Adam um Kopf und Kragen redet, wie er das Recht beugt und die Herkunft seiner Blessuren zu erklären versucht. Markus Löchner ist eigentlich ein klägliches Würstchen, kleinlaut und oftmals schwer verständlich schwadroniert er sich die letzte Nacht zurecht, versucht seinen Klumpfuß zu verstecken, ist von knitzer Dreistigkeit, doch selten komisch. Mitleid mag man mit dem Adam nicht empfinden.

Gierig sitzt Lars Fabian als Schreiber Licht vor dem Notebook in den Starlöchern, um seinen Vorgesetzten, der ihn ständig kleinhält, zu beerben und eins auszuwischen. Kein Wunder, dass er sich mit serviler Schmeichelei erfolgreich dem Gerichtsrat andient, der einzig darum bemüht ist, Schaden von der Justiz abzuhalten. Nicht so leicht abspeisen lässt sich Frau Marthe, der Katja Thiele aufdringliche Komödiantik gibt und deren ermüdende Erzählung über die Bedeutung des Krugs die stumm mitplappernde Eve offenbar schon oft über sich ergehen lassen musste. Kostümbildern Nicola Stahl erwies nicht allen Figuren ihre Gunst; tragen Frauen mittleren Alters noch solche Pepitakostüme?

Thieles Marthe Rull drängt alle zurück, den gar nicht so bäuerischen, klugen Ruprecht von Clemens Ansorg und seinen wortkargen Vater Veit (Jens Peter), doch nicht Sophie Lochmann, die als Weihwasser spritzende Frau Brigitte nicht nur zur Lösung des Falls beiträgt, sondern auch eine ausgefeilte Studie lieferte. Lautstark behält Marthe Rull das letzte Wort. Da ist die Aluminiumrückwand der Stube bereits gefallen und Adam entwichen. Ungewiss, ob sich in Huisum so viel ändern wird. Eve gibt dem an ihr zweifelnden Ruprecht konsequenterweise das silberne Verlobungskettchen zurück.

Pforzheimer Zeitung

Montag, 9. April 2018

MeToo in der fernen Provinz: Im niederländischen Dorf Huisum bedrängt der lüsterne Dorfrichter Adam das Bauernmädel Eve und bringt es durch Erpressung zum Schweigen. Erst Eves resolute Mutter drängt auf eine gerichtliche Klärung des skandalösen Vorfalls, bei dem auch ein wertvoller Krug zu Bruch ging. Auf ihn bezieht sich der Titel von Heinrich von Kleists berühmtem Lustspiel, das jetzt am Theater Pforzheim zu sehen ist.

Zum Klassiker wird dieser unappetitliche Kriminalfall jedoch durch Kleists genialen Einfall, das Geschehen in eine paradoxe Situation zu verlegen, bei der der Gauner Adam qua Amt seine eigene Untat aufklären soll. Dabei stützt der Autor sich auf das Muster der alten Ödipus-Tragödie von Sophokles, bei der der Held als Richter eigener Schuld nur allmählich entdeckt, dass er selbst der gesuchte Täter ist. (...) Doch Nicht mehr das Was, sondern das Wie der Auflösung steht im Mittelpunkt, und so entfaltet die Komödie die Wirkung eines analytischen Dramas. In Pforzheim wird dieser Mechanismus noch verstärkt durch einen dramaturgischen Trick: Die Inszenierung von Hannes Hametmer stellt eine (gerne gestrichene) Szene vom Schluss des Stückes, in der Eve dem Gerichtsrat Walter den wahren Hergang des Skandals schildert, an den Beginn des Abends. Das Publikum weiß so gleich Bescheid, wie es um Schuld und Unschuld steht.

Auch das Bild, das Markus Löchner von dem bauernschlauen Richter malt, ist ganz auf fidele Schlitzohrigkeit angelegt und macht aus dem skrupellosen Gauner eine nachgerade sympathische Figur, der man den erotischen Fehltritt kaum weniger verübelt als seine Schlampereien im Amt und seine schmierigen Bestechungsversuche beim allzu gütigen Gerichtsrat. Löchner wird dem Klischee des ewigen „alten Adam“ voll gerecht – ein Filou wie du und ich, ein mal jovialer, mal auch raubauziger Windhund, der zwar ein mieser Chauvi sein mag, aber wegen seiner durchtriebenen Drolligkeit irgendwie auch unterhaltsam ist. Löchner zieht dabei alle Register seines komödiantischen Könnens. (...)

Auf der untiefen, dafür ganz in die Breite gezogenen Bühne (Giovanni de Paulis), die das Stück als improvisierten Gerichtssaal mit heutigen Requisiten wie Geldsafe, Notebook, Topfpalme, Stehleiter und Ledersesseln in eine diffuse Gegenwart verlegt, agiert das Ensemble mit engagiertem Nachdruck (...)

Dabei ist Steffi Baur als betont heutige Eve nur anfangs das verzagte Opfer, das sich aber zunehmend beherzt gegen den Richter auflehnt. Robert Besta als souveräner, vorbildlich sprechender Gerichtsrat lässt die professionelle Kumpanei mit dem Kollegen Adam kaum anklingen und verlegt sich auf besonnene Autorität. Der dankbaren Rolle des ehrgeizigen Schreibers Licht, der mit stiller Tücke am Stuhl seines Dienstherrn sägt, gibt Lars Fabian köstliche Kontur. Die deftige Frau Marthe, die als Klägerin vor Gericht erscheint und Sühne für ihren zerdepperten Krug wie für die geschändete Ehre ihrer Tochter einfordert, ist bei Katja Thiele in kräftigen Händen. Sophie Lochmann als groteske Spökenkiekerin Brigitte, Jens Peter als polternder Bauer Veit und Clemens Ansorg als dessen unbedarfter Sohn Ruprecht steuern farbige Studien bei.

(...) Das Publikum der gut besuchten Première dankte jedenfalls mit herzlichem Beifall.