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Der Trafikant - Pressestimmen

nachtkritik.de

Sonntag, 8. November 2020

"Auch das Stück besitzt gute Voraussetzungen für einen Publikumserfolg. Die Verknüpfung eines fiktiven Einzelschicksals mit realen geschichtlichen Ereignissen – dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich im Jahr 1938 – erweckt nicht zuletzt deshalb Interesse, weil es nachholt, was der Schulunterricht versäumt hat. Zudem liefert der Auftritt einer legendenumwobenen historischen Persönlichkeit wie Sigmund Freud eine Herausforderung für dessen Darsteller und ein voyeuristisches Vergnügen für das Publikum."

"Franz Huchel ist aus dem Salzkammergut nach Wien gekommen. Seine Mutter, mit der er wöchentlich frontal zum Publikum gesprochene Postkarten austauscht, lebt nach wie vor am Attersee. Nicolas Martin überzeugt in der Rolle durch seine Mischung aus Naivität und spontaner Zivilcourage. Er muss mit ansehen, wie Otto Trsnjek wegen des "Verdachts staatsfeindlicher Tätigkeit" verhaftet wird und in der Gestapo-Zentrale "verstirbt". Er muss es hinnehmen, dass ihn Anezka wegen eines SS-Manns verlässt. Seethaler beschönigt nichts, aber er singt in der Figur Huchels ein Lob auf das, was man Anstand nannte, als die Political Correctness noch nicht erfunden war. Er war, jedenfalls zu der Zeit, in der das Stück spielt, in Österreich nicht sehr verbreitet, aber es gab ihn auch."

"Sascha Mey setzt auf einen Wechsel von Statik – die Figuren stehen immer wieder wie Skulpturen auf einem Podest – und nicht immer motivierten Läufen über die Bühne. Die Sprechmelodie hält eine Balance zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit. Die Aufführung schafft es, unter die Haut zu gehen, ohne ins Sentimentale abzugleiten."

Thomas Rothschild

"Badische Neueste Nachrichten"

Montag, 9. November 2020

"Das alles als Premiere vor leerem Zuschauerraum. Mit einer Rezensentin und vier Rezensenten ist lediglich ein knappes Prozent der über 500 Plätze im
Großen Haus besetzt. Umso bewundernswerter, wie es das Ensemble schafft, die dramatische Spannung aufrecht zu erhalten. Insbesondere Nicolas
Martin als Franzl hat einiges zu leisten, um die Wandlung vom naiven Muttersöhnchen zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu verdeutlichen."

"Der Regisseur Sascha Mey nutzt für die Produktion ein reiches Repertoire inszenatorischer Möglichkeiten inklusive Schattenspiel und chorischem Deklamieren. Geschickt werden ein
überdimensionales Tabak-Trafik-Schild und die Goldvorhänge einer Tingeltangelbühne als Akzente eingesetzt. Ansonsten verstrahlt das Bühnenbild von Jörg Brombacher die Düsternis einer düsteren Epoche."

"Welches Schicksal Franz ereilt, der nach seiner Aktion verhaftet wird, lässt „Der Trafikant“ offen. Das Schlussbild zeigt Anezka am 12. März 1945 auf der Suche nach ihrem Kurzzeit-Geliebten. Über ihr das Dröhnen der alliierten Verbände, die an diesem Tag ihren schwersten Angriff auf Wien flogen. Ihr Ziel war die Raffinerie im 21. Gemeindebezirk Floridsdorf. Opfer wurden vorwiegend Kulturbauten: Staatsoper, Burgtheater, Albertina… Wenn dieser Schluss wie die Premiere selbst auch ein Zeichen sollte: Dieses Ausmaß an Zerstörung ist durch den zweiten Lockdown glücklicherweise nicht zu befürchten. Ansonsten: kein Applaus, kein Vortreten des Ensembles. Gespenstisch.

Michael Hübl

Kulturfreak.de

Sonntag, 8. November 2020

"Der Trafikant von Seethaler ist nicht nur die Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel, der vom idyllischen Nußdorf am Attersee im oberösterreichischen Salzkammergut in das pulsierende Wien reist, dort als Lehrling in einem Trafik anfängt, dabei den berühmten Professor Sigmund Freud kennenlernt und sich zudem unglücklich in die Nachtklubtänzerin Anezka verliebt. Da die Handlung kurz vor und kurz nach dem „Anschluss“ (der Eingliederung des Bundesstaates Österreich in das nationalsozialistische Deutsche Reich) spielt und mit Sigmund Freud einen der bekanntesten Juden fokussiert, wird gleichzeitig auch auf die Bedeutung von Integrität und Wachsamkeit gegenüber unreflektierten populistischen Strömungen angemahnt."

"Regisseur Sascha Mey lässt das Stück mit zünftiger Blasmusik beginnen, verhaftet aber nicht in einem Idyll und auch nicht in der 1937/38-Zeit. Moderne Klub- und Jazzsounds bilden eine Brücke zur Gegenwart. So singt Anezka ein melancholisches Solo. Die knapp 2,5 Stunden umfassende Aufführung (inklusive einer Pause) vergeht rasend schnell, nicht zuletzt wegen der vielen kurzen Szenen. Zu denen auch der Schriftwechsel per Ansichtskarte und Briefen zwischen Franz und seiner Mutter zählen. Die Bühnenumsetzung ist, mit vielen Originalzitaten, nah am Roman."

"In der großen Titelrolle überzeugt Nicolas Martin als junger Franz Huchel (“Burschi”). Einerseits stets ein gewisses Maß an Naivität, Zurückhaltung und Ratlosigkeit ausdrückend, andererseits gescheit, ungestüm, verzweifelt und über alles (unglücklich) verliebt. Den sich vehement gegen die Nazis stellenden Otto Trsnjek verkörpert Lars Fabian mit Nachdruck. Ruhig und mit aristokratischer Würde gibt Jens Peter den 81-jährigen Professor Sigmund Freud, der, was das Thema Frauen anbelangt, ähnlich wenig Antworten weiß, wie sein junger Freund Franz. Apart und sinnlich ist die böhmische Anzeka der Johanna Miller (auch Obdachlose und Studentin)."

"Zum finalen Auftreten von Anzeka, sieben Jahre sind vergangen, treten die anderen Figuren hinzu. Bei aller Stille: Ein rundes, schönes Schlussbild.
Bleibt zu hoffen, dass Der Trafikant möglichst bald wieder vor einem regulären und zahlenmäßig großen Publikum gespielt werden kann."

Markus Gründig

"Pforzheimer Zeitung"

Montag, 9. November 2020

"Das leise Rauschen der Klimaanlage, ein paar Wortfetzen vom Bühnenhintergrund, ansonsten: Stille. Vier Männer – alles Kollegen der schreibenden Zunft – sind im über 500 Plätze fassenden Großen Haus des Theaters Pforzheim so verteilt, dass es kaum Blickkontakt gibt. Die Stimmung bei dieser fast menschenleeren Premiere von Robert Seethalers Stück „Der Trafikant“? Seltsam, fast gruselig. Das macht der kurze Auftritt von Intendant Thomas Münstermann auf der Bühne auch nicht besser. Mit sonorer Stimme verkündet er: „An diesem Abend soll Theater für sich selbst sprechen. Das ist die Stunde der Schauspieler.“"

"Nicolas Martin ist ein überzeugender Franz Huchel, der die Entwicklung von jugendlicher Naivität zum kämpferischen, selbstständigen Trafikanten nachvollziehbar macht. Eindringliche Brief-Dialoge führt er mit seiner Mutter, der Michaela Fent in ihrem Schwanken zwischen Kontrolle und Loslassen fein austarierte Züge verleiht. Mit Jens Peter als Professor Freud und Lars Fabian als Otto Trsnjek stehen zwei gestandene Männer auf der Bühne. Überzeugend auch Johanna Miller als quirlige Anezka. In eine Vielzahl von Rollen, die oft als Parodien angelegt sind, schlüpfen Bernhard Meindl, David Meyer und Myriam Rossbach. Der Beifall der fünf Zuschauer verhallte im großen Bühnenraum."

Sandra Pfäfflin