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Pforzheimer Zeitung

Montag, 27.3.2017

Und immer wieder die kleine Tischglocke. Sie kündigt an, dass ein weiteres Gericht die Küche im China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“ verlässt. Aber sie läutet auch die Szenen- und Stimmungswechsel ein, die die sorgsam montierte Folge von Bildern strukturieren, aus denen der Dramatiker Roland Schimmelpfennig sein gleichnamiges Stück als Panorama berührender Schicksale komponiert. Am Theater Pforzheim ist der „Goldene Drache“ jetzt in einer eindrucksvollen Aufführung zu sehen.

Damit knüpft die Bühne im Titel zwar oberflächlich an das Leitthema „Gold/Eldorado“ des Goldstadt-Jubiläums an. Aber golden ist nichts in diesem zu Recht erfolgreichen Schauspiel, das 2009 herauskam. Denn was in der Küche dieses Asia-Imbisses mit den rechtlosen und also ausgebeuteten Angestellten geschieht, spiegelt die Zustände einer globalisierten Welt, in der alles mit allem so zusammenhängt, dass die Jagd ihrer Opfer nach dem Glück in der Tragödie endet. (...) Es ist ein Kosmos unglücklicher Menschen, dessen Abgründe da in kurzen, düsteren, mal poetischen, mal bizarren Schlaglichtern aufscheinen und dessen Figuren alle verbunden sind im Scheitern ihrer Hoffnungen.

Die verwirrenden, oft abrupt abbrechenden und absichtsvoll verschränkten Handlungsstränge erhalten ihren Sinn durch die eingeflochtene, Fabel von der Ameise und der Grille, die von dem antiken Dichter Äsop als Lehrbeispiel für das Prinzip schlauer Vorsorge und gegen das Laster kurzsichtigen Genusses entworfen wurde. Schimmelpfennig dreht diese Botschaft um, macht aus der „klugen“ Ameise eine kalte Ausbeuterin und aus der Grille ihr gequältes Opfer. Bei ihm wird aus der pragmatischen Fabel eine schroffe Anklage gegen die Brutalität des Kapitalismus. Dadurch erschließt sich das Grundthema des „Goldenen Drachen“ und der vielen Perspektiven, die in dem Geschehen verwoben sind. (...)

So virtuos dieses Prinzip der ständigen Aufhebung im Drama angelegt ist, so souverän und wirkungsbewusst hat es Caroline Stolz in ihrer Inszenierung umgesetzt. Im süffigen China-Dekor mit roten Hängeampeln (Jan Hendrik Neidert) und mit raffiniert variablen Kostümen (Lorena Diaz Stephens) läuft die 80 Minuten kurze, sehr präzise arrangierte Aufführung mit faszinierender Spannung und temporeicher Vitalität ab – stets genau auf den Punkt, stets randscharf formuliert, stets in ensembledienlicher Nuancierung und stets mit schlüssiger Klugheit in Ökonomie und Dynamik. So ist denn dieser Abend ein vorzügliches Stück Theaterhandwerk und ein szenischer Triumph, den die Regie mit großartigen, spielfreudigen Darstellern erarbeitet hat.

Was etwa die grandiose Joanne Gläsel als eiskalte Ameise und als schäbiger Händler an perfider Niedertracht ins Spiel bringt, was Julian Culemann als geschändete Grille an mitleidswürdiger Not vermittelt, was Sergej Gößner als gedemütigte „Frau in dem Kleid“ an Leid ausstrahlt, wie Theresa Martini dem „Mann mit dem gestreiften Hemd“ in kurzen Auftritten beklemmende Kontur gibt, Markus Löchner als „junger Mann“ brutale Energie verströmt und vor allem Antonia Schirmeister in ihrem anrührenden Monolog des toten Chinesen, der sein trostloses Leben in verklärender Naivität schönfärbt, beschert dem Abend zu Herzen gehende Intensität. Das macht diese Aufführung zu einem Ereignis.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 27.3.2017

„Wenn ich mir etwas wünschen könnte …“ – dieser unvollendete Satz ist der wichtigste im Schauspiel „Der goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig. Die Menschen in dem Asia-Imbiss, der so heißt, wünschen sich viel und bekommen wenig bis nichts. Durchnummerierte Schnellgerichte versprechen grenzenlose Genüsse, doch in Nummer 6, der Thai-Suppe, findet sich – kein Haar, sondern ein Zahn, blutig und kariös. Er ist einem jungen Chinesen, der keine Aufenthaltsgenehmigung hat und daher keinen Zahnarzt aufsuchen kann, in der engen Küche mit einer roten Rohrzange gezogen worden. Der Chinese verblutet. Bei einer Stewardess, Stammkundin im Asia-Imbiss, löst der Zahn in der Suppe zunächst heftigen Ekel, dann endlose Grübeleien aus. Wem er wohl gehört haben mag?

Als surreales Spektakel mit leuchtenden Farben und bedrückten Tönen hat Caroline Stolz das schwierige Stück nun am Theater Pforzheim inszeniert. Schwierig deshalb, weil der Text laufend Mittel des Verstellens und Verfremdens wie im epischen Theater vorgibt, damit aber keine Distanz, sondern Identifikation mit den so unterschiedlichen Figuren und ihren Schicksalen zu erreichen versucht. (...) Präzise bewältigen Julian Culemann, Joanne Gläsel, Antonia Schirmeister, Theresa Martini, Markus Löchner und Sergej Gößner diese Aufgaben im Bühnenbild von Jan Hendrik Neidert und den Kostümen von Lorena Diaz Stephens, welche die chinesische Farbenlehre aufgreifen.

„Der goldene Drache“ verschränkt viele kleine offene Dramen ineinander, von Großstadtmenschen, illegalen Einwanderern, Ausbeutern und Ausgebeuteten, Verliebten und Enttäuschten, fügt die Fabel von der Ameise und der Grille ein und versieht sie mit einer unschönen Fortsetzung. Die technisch versierte Montage beeindruckt, die Szenen berühren und erschrecken. (...)