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Pforzheimer Zeitung

Montag, 26. September 2016

Es beginnt mit einer Ausstoßung und einem Bruch des heiligen Gastrechts. Und es endet auch so. Nur ist am Anfang die Königstochter Medea die Handelnde, zum Schluss aber ist sie das Opfer. Zwischen diese beiden Pole spannt der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer seine Trilogie „Das goldene Vlies“, die 1821 uraufgeführt wurde. Am Theater Pforzheimer wird das anspruchsvolle Stück in einer bemerkenswerten Aufführung gezeigt. (...)

Tatsächlich lässt sich an diesem magischen Motiv die ganze Trilogie aufhängen, zumal die Inszenierung dabei so wichtige Handlungszüge wie die Liebesbeziehung zwischen Jason und Medea oder die fatale Ausgrenzung der Titelheldin als archaische Barbarin im vermeintlich „kultivierten“ Korinth keineswegs ausspart. Der Autor selbst betont das Pro-blem der kulturellen Divergenz nicht zuletzt schon auf sprachlicher Ebene: Er lässt Medea und ihre Gefährtinnen in freien Rhythmen, Jason aber und die Griechen in klassischen Jamben sprechen.

Am Golde hängt, zum Golde drängt (wieder Goethe) alles in diesem Drama. Medea ermordet einen Gast, um ihren Vater in den Besitz der Trophäe zu bringen. Sie verrät und verlässt ihre Heimat, um Jason das Vlies zu verschaffen und ihm in die Fremde zu folgen. Und auch Jason selbst und König Kreon wollen, wenn sie Medea ausstoßen und vernichten, deren kolchische „Mitgift“ behalten. So wird denn die kostbare Habe der so stolzen Heldin am Ende zu ihrem Unglück. Die stark straffende Einrichtung des Dramas durch Barbara Wendland rückt diese Linie der Trilogie eindrucksvoll in den Vordergrund, und die Regie setzt den inneren Zusammenhang der Handlungsstränge in starke Momente, die durch das bewegliche Bühnenbild von Henrike Engel unterstrichen werden.

Als Medea ist Katja Thiele die beherrschende Protagonistin des fast zweieinhalbstündigen Abends. Sie wartet von Anfang an mit dem hochdramatischen Ton der wuchtigen Tragödin auf und verschenkt ein wenig die Möglichkeit, die Rolle mit lyrischen Akzenten zu entfalten und zum schauerlichen Ende mit der Ermordung ihrer (in Pforzheim sogar vier!) Kinder zu steigern. Dass die späte, ganz konventionelle Umbesetzung der Könige, die ursprünglich von Joanne Gläsel gespielt werden sollten, durch einen Mann (Benjamin Schardt) gravierende Folgen für die Konzeption hatte, steht zu vermuten.

Im übrigen Ensemble tut sich vor allem Jens Peter hervor, der den Jason mit einer spannungsreichen Mischung von empfindsamen und markigen Tönen als Helden zwischen Macho-Allüre und übermanntem Liebenden gestaltet. Henning Kallweit als aufgewühlter Absyrtus und Tobias Bode als Jasons besorgter Freund Milo steuern solide Studien bei. Besonderen Respekt verdienen Konstanze Fischer, Theresa Martini und Heidrun Schweda, die als Medeas Gefährtinnen und als präzise sprechender Chor zum szenischen Erfolg des Abends maßgeblich beitragen. (...) Das Pforzheimer „Goldene Vlies“ ist ein mutiger, schlüssiger Versuch, dem sperrigen Stück beizukommen, ohne es hinter aufdringlichen Aktualisierungen verschwinden zu lassen.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 26. September 2016

(...) Auf überzeugende Weise gelingt es Tilman Gersch, dem Intendanten des koproduzierenden Pfalzbaus in Ludwigshafen, Franz Grillparzers dramatisches Gedicht „Das goldene Vlies“ auf einen griffigen, knapp zweieinhalbstündigen Abend zu verdichten. Allein das ein Kunststück, entwickelt doch Grillparzer die „Idee der Ehe“, indem er weit vor anderen Dramatisierungen der Medea-Sage einsetzt und nicht nur die rachsüchtige, ihre Kinder ermordende Medea zeigt, sondern derem erste Begegnung mit ihrem Mann Jason schildert. Grillparzer setzt sogar davor ein und erzählt, wie der Grieche Phryxus nach Kolchis kommt, dem König als Gastgeschenk das Goldene Vlies überlässt und dann ermordet wird. König Aietes wird mit einem Fluch belegt. „Das, worauf es bei dem Goldenen Vlies ankommt, ist wohl dieses: Kann das Vlies selbst als ein sinnliches Zeichen des Wünschenswerten, des mit Begierde Gesuchten, mit Unrecht Erworbenen gelten?“

Die insgesamt drei Teile des Stückes, die bei der Uraufführung am Wiener Burgtheater vor fast 200 Jahren auf zwei Abende verteilt wurden (und am Staatstheater Karlsruhe unlängst sogar auf drei), hat Barbara Wendland so brillant eingerichtet, dass die Sprachebenen der Barbaren und Griechen gewahrt bleiben, keine Figuren geopfert werden und der dramatische Atem von Grillparzers Sprache zum Tragen kommt. Zwar ist man zuerst irritiert von der häufig chorischen, auch die Reden der Protagonisten aufgreifende Sprechweise des Ensembles, aber zunehmend wird man mitgerissen von der Diktion und ist fasziniert, wie Konstanze Fischer, Theresa Martini und Heidrun Schweda sowie Henning Kallweit und Tobias Bode nicht nur den Nebenfiguren, sondern auch Jasons zweite Frau Kreusa, Medeas Bruder Absyrtus oder Jasons Freund Milo Gestalt verleihen, mit übergeworfenen Tüchern antike Seherinnen sind oder moderne Figuren am Hofe Kreons.

Faszinierend ist vor allem, dass zum Ausdruck kommt, wofür Grillparzer stets gerühmt wurde, da er, so sein Landsmann Hugo von Hofmannsthal, „in einer ganz neuen Weise das Mythische mit einer Zergliederung der Seelen“ verband, „die ganz der neueren Zeit angehört“: eine Psychologie der Medea und des Jason, die auf seine Wiener Kollegen Schnitzler oder Freud vorausweist. Grillparzer erzählt die komplette Liebesgeschichte, vom „coup de foudre“ über die nachlassende Leidenschaft bis zum Erlöschen im dritten Teil.

Vor allem Jens Peter gelingt es, Jason mit allen Facetten zu zeigen, ihn auf ruhige, konzentrierte Weise vom jungen Kämpfer bis zum skrupellosen Karrieristen zu entwickeln und jede Faser seines Denkens, den kleinesten Umschwung seiner Gefühle nachvollziehbar zu machen. So gern man möchte, diesen Jason kann man nicht hassen. Eine ähnliche Bandbreite der Gefühle bleibt Katja Thiele versagt, die als Medea vor allem einen großen Tragödinnen-Ton pflegt. Ausgezeichnet hat sich Benjamin Schardt kurzfristig in das Ensemble eingefunden und stellt die beiden lavrierenden Könige Aietes und Kreon dar. Henrike Engel gab dem Ensemble Arbeitsanzüge – einzig Medea trägt ein bodenlanges rotes Kleid, das sie als Außenseiterin kennzeichnet, und ihrer Konkurrentin Kreusa einen modischen, weißen Hosenanzug – und siedelte das barbarische Kolchis bei einer Opferstelle mit Steinquadern an, während dahinter ständig der trichterförmige, helle, über Stege begehbare Saal bewegt wird, der zu Kreons Palast wird: dezenter Rahmen für ein modernes Ehedrama, das Tilman Gersch, unterstützt von Alex Gunias archaisch wilder wie trügerisch süßer Musik, so subtil ausleuchtet als sei es von Ingmar Bergman.