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Richard III. - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 18. Juni 2018

Nein, einen beschaulichen Theaterabend kann man mit dem Stückprojekt „Richard III.“ im Podium des Theaters Pforzheim nicht erleben. Das ist keine Inszenierung der Shakespeare-Tragödie, die das Publikum auf Distanz hält und in der gepflegt deklamiert wird.
Regisseur Thomas Münstermann und sein Assistent Pascal Gruppe haben mit den Schauspielern Markus Löchner und Clemens Ansorg das Stück analysiert, auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, um die Kernaussage zu isolieren: Was ist das Böse, was macht es aus und treibt es an? Ist es die Ausnahme oder die Regel?

Herausgekommen ist das Psychogramm eines skrupellosen Menschen, der vermeintlich alles erreicht hat, was er wollte. Die Sprache ist die Shakespeares, und sie ist eine Waffe, die mit voller Wucht trifft. Sie tändelt und klagt, ist edel und schmutzig, unverblümt und scharf wie ein Brennglas. So unausweichlich direkt und aktuell wie in diesem Stückprojekt hat man sie selten erlebt.

Markus Löchner als Richard III. agiert in einem schäbigen Alltagsinterieur, sein Leben ist bestimmt von Ritualen, die viel mit Essen, Aufessen, Auffressen zu tun haben – Wortspiele mit viel Hintersinn.
(...) Richard wird von seinen Mordopfern heimgesucht. Wer das im Einzelnen ist, bleibt relativ unwichtig, aber es sind viele – Frauen, Männer, auch Kinder. Sie alle werden von Clemens Ansorg verkörpert, der aus dem Off spricht, aber dennoch anwesend ist: auf einem Bildschirm und in großer Höhe, aber körperlich erlebbar auf dem Schnürboden.

Es entwickelt sich in der Tat ein quälendes Kammerspiel zwischen dem Protagonisten und den ihn immer wieder heimsuchenden Geistern. Richard scheint ein Monster wie der Massenmörder Charles Manson zu sein, auf den mit Helter Skelter musikalisch angespielt wird, aber er beginnt seine Motive zu reflektieren und vor ihnen zurückzuschrecken – auch das steckt in den Shakespeare-Texten. (...)

Markus Löchner und Clemens Ansorg spielen in der Tat mit vollem Körpereinsatz und schrecken weder vor Zärtlichkeit noch vor Gewalt, weder vor Tränen noch vor Schweiß zurück. Dazu eine beeindruckende sprachliche Klarheit. Löchner verkörpert Richard III. mit ungeheurer, fast schmerzhafter Präsenz, er macht das Monster erlebbar, nachvollziehbar, er setzt es in jeden Kopf.

Am Ende erkennt man als Zuschauer erschrocken: Der Mörder ist nicht nur unter uns, wir selbst sind es, denn die Gewalt vollzieht sich vor allem in unseren Köpfen. Viel Beifall vom sichtlich mitgenommenen Premierenpublikum für einen sehr nachdenklich machenden Theaterabend mit grandiosen schauspielerischen Leistungen
 

Pforzheimer Kurier

Dienstag, 19. Juni 2018

Eine versiffte Singleküche, ein abgeschabtes Sofa, ein Totenschädel, eine Ansammlung mehr oder minder schrottiger Elektronik: Die Wohnung von Richard wirkt ausgeplündert und zugemüllt zugleich. In Dauerschleife ist die notorisch romantische „Ballade pour Adeline“ zu hören. Richard, im offenen Karohemd, mit schief hochgezogenen Schultern und verkniffenen Lippen, rührt sich mit viel Flüssigwürze ein Instantgericht im Plastikbecher an, stellt die Musik ab, lauscht dem aus dem Off ertönenden Eröffnungsmonolog des Herzogs von Gloucester – später König Richard III –, übernimmt nach und nach den Text und erklärt schließlich, er habe „beschlossen, hier den Dreckskerl aufzuführen“.

(...) Dieser Mann ist böse, weil er missgestaltet, heruntergekommen und vereinsamt ist, er hat bewusst beschlossen, böse zu sein, und er inszeniert dies wirkungsvoll. Ja, Markus Löchner spielt seine Rolle furios, wenn er Richard, der mit „Richard III.“ verschmilzt, auf einer Zettelwand die Namen seiner Verbündeten, Umworbenen und Opfer einkringeln oder durchstreichen, mit Frage- oder Ausrufezeichen versehen lässt, um ihn dann einen prekären Thron aus aufeinandergestapelten Polstermöbeln erklimmen zu lassen.

Eindringlich zeigt das 75 Minuten kurze Stück, für das Thomas Münstermann, Pascal Grupe, Markus Löchner und Clemens Ansorg den Shakespeare-Text zerlegt und neu zusammengesetzt haben, auch die soziale Isolation der Hauptfigur: Markus Löchner als Richard ist die meiste Zeit allein auf der Bühne, während Clemens Ansorg, der präsent und wandelbar „alle anderen“ spielt, auf dem Schnürboden steht, geht und kriecht, deklamiert, raunt und röchelt und nur gelegentlich tonlos über Richards Flachbildschirm geistert.

Gewagt, aber gelungen ist der Kontrast zwischen Tragödienstoff und Alltagsbanalität: Während Richard seine Taten reflektiert, hantiert er mit Junkfood und Verpackungen. (...)