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"Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 17. September 2018

(...) Imelda (Marcos), Margot (Honecker) und Leila (Ben Ali) werden persönlich zu einer Pressekonferenz erwartet, da ihre berühmt-berüchtigten Lebensgeschichten verfilmt werden sollen. Dreh- und Angelpunkt ist der nervös unsichere und gleichzeitig arrogant auftrumpfende Dolmetscher Gottfried, von Clemens Ansorg vielschichtig dargestellt.

Und dann kommen sie wie die Raubkatzen durch den Laufgang in die Manege: die rot-golden gewandete Frau Imelda, der Katja Thiele glamourös-pompöses Gehabe mit einem Schuss Grausamkeit angedeihen lässt; Frau Leila in Prophetengrün, von Anne-Kathrin Lipps als listig-verschlagenes Dummchen mit Hang zur Schöngeisterei charakterisiert; und zum Schluss Frau Margot, von Nika Wanderer grandios mit dem nicht existierenden Charme des real existierenden Sozialismus ausgestattet. Eigentlich schon tot, wurde sie wiederbelebt und ereifert sich und geifert nun wie ein zombiehafter Agitprop-Roboter.

Es entwickelte sich ein nicht nur verbaler Schlagabtausch. Die unbelehrbaren Damen wiederholen gebetsmühlenartig ihre Glaubenssätze. Gottfried will sie wie ein Dompteur mit dem Werkzeug Sprache manipulieren. Die Egozentrikerinnen erkennen das aber und gehen – in der einzigen gemeinsamen Aktion – mit ihren Waffen, den Handtaschen, auf ihn los. Gottfried wird zum Opfer und offenbart symbolisch die Gräueltaten der Diktatorengatten.

Die Damen lassen unbeeindruckt weiterhin jegliches Mitgefühl vermissen, die Handlung schraubt sich zu Ravels „Bolero“ zu absurden Höhepunkten. (...) Viel Beifall für Christopher Haninger (Regie) und Maria Reyes Pérez Fernandez (Bühne und Kostüme) und das hervorragende Quartett. Sehenswert auch die kleine Ausstellung über die Lebensläufe der drei Frauen, die sich zum Stückbeginn in das Bühnenbild verwandelt.
 

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 17. September 2018

Was schleppt Frau Margot in der überdimensionierten Handtasche, die an ihrem steifen, zittrigen Arm baumelt, bloß mit sich herum? Gebrechlich wie sie ist, schafft es die Frau kaum, das Podium für die Pressekonferenz zu erklimmen, doch lässt sie sich weder die Tasche aus der Hand nehmen noch das Wort im Mund herumdrehen noch die Richtung weisen: „Ich bin noch nie in meinem Leben von links nach rechts gegangen.“ Auch Frau Imelda ist unzufrieden mit dem Arrangement. Sie vermisst Blumen, fühlt sie sich doch der Schönheit verpflichtet und ist heute noch stolz auf ihre Schuhsammlung mit Tausenden von Paaren. Frau Leila ekelt sich vor dem Kaffee beziehungsweise dem Leitungswasser, mit dem er zubereitet ist. Die reinste Asselpisse. Im Übrigen versucht sie sich durch Bildung abzuheben und zitiert aus einem Gedicht von Muammar Al-Gaddafi: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ – ein süßliches Bild, das im Gesamtzusammenhang bitterböse wirkt.
 
Mit diesem Zitat hat Theresia Walser ihr 2013 uraufgeführtes Stück um drei Diktatorengattinnen betitelt. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind beabsichtigt. Das Theater Pforzheim fügt die absurde Komödie fest in den historischen Kontext ein: Der Pressekonferenz ist eine für die Zuschauer begehbare Ausstellung über Margot Honecker, Imelda Marcos und Leïla Ben Ali vorangestellt. (...) Denn in die Wortwechsel der drei Frauen, an deren gemeinen Witzen die souveränen Darstellerinnen Nika Wanderer (Margot), Katja Thiele (Imelda) und Anne-Kathrin Lipps (Leila) wie auch die Zuschauer ihre fiese Freude haben, bringt erst der fiktive Dolmetscher Gottfried, gespielt von Clemens Ansorg, richtig Bewegung hinein. Irgendwann drängt sich seine eigene Biografie – Gottfried ist in der DDR aufgewachsen – nach vorn und macht alle Neutralität zunichte.