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Pforzheimer Zeitung

Montag, 12. Juni 2017

Ende gut, alles gut: Das Stadttheater beschließt seine Saison mit Komödie. Eine, die erfolgreich auf vielen Bühnen Deutschlands gespielt wird und die die Massen ins Kino lockte: „Frau Müller muss weg“. Ja, jene sattsam bekannte Geschichte um Eltern, die den Aufstand proben, um die vermeintlich unliebsame Lehrerin loszuwerden. (...) Einfach zurücklehnen und genießen. Zumal das scheinbar ernste Thema – darf mein Kind aufs Gymnasium? – eh schon längst überholt ist, gibt es doch seit Jahren keine „verbindliche Grundschulempfehlung“ mehr.

Doch das ist letztlich auch egal, denn die Inszenierung von Swentja Krumscheidt setzt mehr auf Klamauk, als auf im Stück durchscheinende Gesellschaftskritik. Zügig treibt Krumscheidt die Geschichte voran, überzeichnet die eh schon stereotypen Personen und verlässt sich zurecht auf ein spielfreudiges Ensemble.

Denn die fünf Helikopter-Eltern, die sich in diesem verratzten Klassenzimmer erst tummeln und dann die Messer wetzen, werden von einer schrillen Situation in die nächste gejagt – vom Seelenstriptease bis zum Wet-T-Shirt-Contest. Am lautesten darf Markus Löchner als Wolf auftrumpfen: Er gibt den traumtänzerischen Choleriker mit wütender Lautstärke. Die besserwisserische Zicke Jessica ist bei Anne-Kathrin Lipps gut aufgehoben, während Konstanze Fischer ein wunderbar blondes Muttertier gibt. Jasaman Roushanaei ist die unverstandene Streber-Mutter, die es faustdick hinter den Ohren hat.

Eine bemerkenswerte Charakterstudie liefert Jens Peter als Pragmatiker: Da sitzt jede Geste, da ist das Minenspiel bis in die kleinste Nuance zu beobachten. Das liegt vor allem auch am gelungenen Bühnenbild von Dirk Steffen Göpfert: Die Stuhlreihen sind in U-Form um die Bühne angeordnet – und geben dem Zuschauer das Gefühl, bei diesem Elternabend der etwas anderen Art mittendrin zu sein. Und sich an der doch ziemlich seltsamen Frau Müller zu reiben. Katja Thiele spielt die Lehrerin zwischen Kindergartentante und überzogener Herzlichkeit, nuckelt am Thermoskannen-Getränk und gerät nicht nur gefühlsmäßig ins Schwanken. (...)

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 12. HJuni 2017

(...) Die billige Methode, Pauker zu Sündenböcken für das Versagen der Eltern zu machen, hat den erfolgreichen Autor Lutz Hübner 2010 bewogen, zusammen mit Sarah Niemetz unter dem lakonischen Titel „Frau Müller muss weg“ einen Frontbericht vom Schlachtfeld Schule zu schreiben. Die Gesellschaftskomödie nimmt mit Witz und Biss die nachdrücklichen Versuche einiger Eltern aufs Korn, ihre (neunjährigen!) Sprösslinge, deren absackende Noten ihr schulisches – und dann womöglich auch soziales – Fortkommen in Frage stellen, auf einer eigens einberufenen Elternsprechstunde in Schutz zu nehmen.

Allerdings tarnen die Verschwörer ihre Initiative, die ungeliebte Frau Müller abzusägen, heuchlerisch mit der angeblichen Absicht, deren ureigenes Interesse zu verfolgen. Es folgt ein fintenreiches Scharmützel mit heiklen Missverständnissen, bis am Ende durch ein folgenreiches Versehen die Lehrerin doch wieder die Oberhand gewinnt und die neue Devise heißt: Frau Müller muss bleiben. Ein harmonischer Ausgang? Eher ein offenes Ende, denn der Klassen-Kampf geht wohl weiter.

Das satirische Stimmungsbild aus dem Bildungswesen traf den Nerv der Zeit und wurde 2015 sehr erfolgreich verfilmt. Grund genug für viele Theater, sich an diesen Kassenhit anzuhängen und das Werk auf die Bühne zu bringen – etwa im Karlsruher „Sandkorn“ und jetzt auch am Pforzheimer Theater, wo Swentja Krumscheidt das unterhaltsame, aber durchaus auch kritische Stück im „Podium“ inszenierte. Dirk Steffen Göpfert hat dazu mit einem beklemmend authentischen Schulzimmer einen Raum geschaffen, in dem die streitenden Parteien ausgiebig ihre Messer wider wechselnde Gegner wetzen.

(...) Die Regie hat es zugelassen oder zumindest nicht verhindern können, dass die Darsteller ihrem komödiantischen Affen überreichlich Zucker geben. Dadurch verleugnen sie nicht selten ihr Talent für Besseres – Markus Löschner als polternder Wolf Haider etwa, der sich als dröhnender Proll mit weinerlicher Kitschseele durch die 100-minütige Aufführung krakeelt und gar auch noch eine peinlich ausgeflippte, obschon virtuos gemachte Karaoke-Einlage absolviert, oder Jens Peter als halbgescheiter, überforderter Vater Jeskow, der auch sich selbst vergeblich zur Vernunft ruft. Im weiteren Ensemble liefert Katja Thiele als Frau Müller eine schillernde Studie zwischen Betulichkeit und Arroganz, Anne-Kathrin ist eine zickig überdrehte Gruppensprecherin Höfel, Konstanze Fischer ein drollig enthemmtes Muttertier Jeskow und Jasaman Roushanaei ein angepasstes Hascherl Grabowski, das in einem quälenden Pole-Dance ihre gut verborgene Sinnlichkeit offenbaren darf, weil dem Hickhack um Frau Müller auch noch eine verklemmte Liebesgeschichte eingestrickt ist.

Am Ende gab es dankbaren Beifall des Publikums, das den hohen burlesken Einsatz der Darsteller honorierte und auf den kritischen Hintersinn des Stückes gerne verzichtete.