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Badische Neueste Nachrichten

Montag, 19. September 2016

Das Theater Pforzheim scheint seinen Fundus auf die Spielfläche des Podiums verlagert zu haben. Orientteppiche und ein riesiger Kronleuchter, ein altes weißes Metallbett auf Rollen, ein beleuchteter Schminktisch, Sofa, Sessel, viele Hocker und eine Kirchenbank, hohe Regale, Kartons und Körbe, Perücken und Kostüme, Skelette, Schneemänner und ein Bobby-Car: Überladen und unüberschaubar ist der Raum, in dem „Der stumme Diener“ rätselhafte Forderungen überbringt. Die äußere Welt spiegelt die innere Verfassung der Protagonisten Ben und Gus: Eingebunden in eine Organisation, die sie nicht verstehen, beherrscht von Zweifel und Angst. Beide hoffen, dass alles bald vorbei ist – aber was geschieht, wenn sie weg sind?

Das 1959 uraufgeführte absurde Drama des britischen Dramatikers Harold Pinter handelt von zwei Profikillern. Wie viele Male zuvor, warten sie in irgendeiner Stadt in irgendeinem Gebäude auf irgendeinen Menschen, den sie erschießen müssen. „Der stumme Diener“, ein Speisenaufzug, fährt währenddessen in der Wand auf und ab, bringt immer neue Zettel mit Essensbestellungen, die Ben und Gus nicht erfüllen können. In Pforzheim hat Caroline Stolz das Stück mit einem deutlichen Fokus auf dem Grotesken inszeniert: Das Grauenhafte und das Lächerliche fallen zusammen; während die beiden Killer zwischen stumpfer Befehlserfüllung und quälenden Sinnfragen schwanken, kämpfen sie mit den Dingen, die ein Eigenleben zu entwickeln scheinen. So stolpert Ben wiederholt auf einer bestimmten Teppichstelle, verbrennt sich mehrmals an der Kirchenbank, kämpft mit einem ausgestopften Raben, der davonzufliegen droht. Das Bühnenbild von Jan Hendrik Neidert hält ein schier unerschöpfliches Sammelsurium von Seltsamkeiten bereit, während die Kostüme von Lorena Díaz Stephens äußere Unauffälligkeit signalisieren.

Markus Löchner als scheinbar abgebrühter, schnell aufgebrachter Ben und Sergej Gößner als verunsicherter, Halt suchender Gus zeigen die ganze Vielfalt ihres schauspielerischen Könnens, von vollem Körpereinsatz bis zu feinen Nuancen der Mimik (...) Die Spannung zwischen ihnen steigt; sie kämpfen um Nebensächliches, um idiomatische Wendungen, um Streichhölzer, um Tee, Kekse und Kartoffelchips. Während Gus vergeblich versucht, seinen Schoko-Drink zu retten, erinnert sich der Theaterbesucher: Der gleiche Schoko-Drink beflügelte in der vergangenen Spielzeit die Helden des Stücks „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard, ebenfalls von Caroline Stolz inszeniert. Mit „Der stumme Diener“ setzt das Theater Pforzheim erneut erfolgreich auf die Faszination des Grotesken.

Pforzheimer Zeitung

Montag, 19. September 2016

Ihr Geschäft ist Mord. Ben und Gus dienen einem anonymen Auftraggeber und warten in irgendeinem Zimmer in irgendeiner Stadt auf ihre Befehle, die ihnen durch einen Speisenaufzug – den „stummen Diener“ – zugestellt werden, bis sie ihr unbekanntes Opfer zu erschießen haben. Im Podium des Theaters Pforzheim sind die „Helden“ nun in einer Inszenierung von Harold Pinters Einakter „Der stumme Diener“ zu sehen.

Regisseurin Caroline Stolz rückt das Geschehen in das von Jan Hendrik Neidert und Lorenza Diaz Stephens üppig ausgestattete Ambiente einer mit Requisiten vollgestopften Rumpelkammer, die sich als Pforzheimer Theaterfundus herausstellt. Reste von laufenden und einstigen Produktionen lagern da in den Regalen und werden von den Darstellern ständig bespielt – meist mit bizarrer Komik (...).

Das ist (...) geistreich gemacht (...).

Eine krasse Fallhöhe zum schreckensvollen Finale sollen auch die (...) ausgewählten musikalischen Zwischenspiele aus Pforzheimer Repertoire-Stücken herstellen, die in der ironischen Brechung durch die beiden Darsteller einen schrillen Witz erhalten. (....)

Markus Löchner porträtiert den abgebrühten, aufbrausenden Ben als abgestumpften Befehlsempfänger, der aufgehört hat, kritische Fragen zu stellen. Daneben hat sich der empfindsamere Gus von Sergej Gößner eine gewisse Skepsis gegenüber den durchaus fragwürdigen Umständen seines Tuns bewahrt. Das hohe Tempo der Dialoge, die virtuosen Volten wie auch der Hintersinn der Sprache, die Pinter zu einem kunstvollen Mittel der Nicht-Kommunikation einsetzt, geben der Aufführung dank der ausgefeilten Umsetzung durch diese beiden Darsteller ein bemerkenswertes schauspielerisches Niveau (...).

So ist denn dieser „Stumme Diener“ ein verdienstvoller Versuch, das Stück dem heutigen Repertoire zurückzugewinnen. (....)