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Pforzheimer Zeitung

Montag, 6. Februar 2017

(...) Das Podium im Theater Pforzheim ist dunkel, die Bühne als weißer Stoffboden tief in den Raum gezogen. Links, rechts und auf der Empore nahezu voll besetzt die Besucherreihen. Das Kammerspiel heißt „Der Junge in der Tür“. Und dann? Überraschung. Von der ersten Minute an Tempo und Taktschlag. Der Rhythmus der Dialoge lässt den Zuschauer nicht los. Die Geschichte um Claudio, verstörend gut dargestellt von Henning Kallweit, nimmt das aufmerksame Publikum gefangen.

Claudio ist ein unauffälliger Schüler, der seinen Lehrer Germán (Bernhard Bauer) mit seinem voyeuristischen Fortsetzungsaufsatz über die Familie seines Klassenkameraden und Nachhilfeschülers Rafa (Julian Culemann) anfixt. Und den Besucher auch. Was erzählt Claudio im nächsten Teil seines Aufsatzes, welche Grenzen überschreitet er während der Besuche bei der Klischee-Vorstadtfamilie? Der frustrierten Mutter und Ehefrau Ester (Katja Thiele), dem sportbegeisterten und beruflich unzufriedenen Vater und Ehemann Rafa Senior (Fredi Noël) und eben dem mathematisch unbegabten, dafür aber philosophisch glänzenden Rafa. (...) 

Genauso zieht Claudio aber auch seinen Lehrer immer mehr in den Sumpf des Spannertums. Macht sich zunutze, dass der frustrierte Germán die Geschichte forciert, seinem Schüler mit dem aufgesetzten Lächeln zwar einerseits die Anerkennung verweigert, ihn andererseits aber antreibt, noch genauer zu beobachten und zu beschreiben. Kleine Streitereien, spießige Rituale – Claudio will alles sehen, mitmischen und treibt sein Spiel auf die Spitze, als er während einer Übernachtung bei Rafa ins elterliche Schlafzimmer schleicht. Allgegenwärtig für den Zuschauer ist die Befürchtung: Jetzt eskaliert es, jetzt schnappt der jugendliche Protagonist aus offenbar schwierigen Verhältnissen über.

Unterstrichen wird die schauspielerische Leistung vom minimalistischen Bühnenbild von Robert Pflanz. Durchscheinend weiße Vorhänge rauschen von der Decke, bilden Räume für die Szenen. Sie trennen ab, bringen zusammen, verstellen auch mal den deutlichen Blick auf die Akteure. Verwischen, ähnlich wie Claudio in seinen Aufsätzen, Realität und Fiktion. Was ist wahr und was erdacht, wer zeigt sein echtes Gesicht und wem geht es nur darum, den anderen für seine Zwecke zu missbrauchen? Eine spannende Inszenierung ist Regisseur Rolf Heiermann mit dem Werk des spanischen Autors Juan Mayorga gelungen. Kein zähes Kammerspiel, sondern die sehenswerte Darstellung eines vielschichtigen Stoffes. Anhaltender Applaus.

Pforzheimer Kurier

Montag, 6. Februar 2017

Ein Lehrer gefangen zwischen Neugier und Moral. Germán ist Lehrer für Literatur und Sprachen an einem Gymnasium. Er zweifelt am Sinn seiner Lehrertätigkeit, da bei seinen Schülern nichts anzukommen scheint. Als er sich jedoch wieder einmal durch die lieblos gestalteten Aufsätze der Erlebnisse des letzten Wochenendes seiner Schüler arbeitet, fällt ihm der Aufsatz von Claudio in die Hände.
Dieser Schüler ist anders als die anderen und scheint über ein besonderes, erzählerisches Talent zu verfügen. In einer Art Fortsetzungsroman beschreibt er das Wochenende mit seinem Freund Raffa, dem er Nachhilfe gibt. Stück für Stück wird offensichtlich, dass sich Claudio eine heile Familienwelt wünscht und diese bei Raffas Familie zu erkennen scheint.
Immer öfters trifft er sich mit Raffa und fühlt sich Stück für Stück der Familie zugehöriger. Immer mehr Fortsetzungen über das Leben der Familie Raffas mit Kommentaren Claudios, landen bei seinem Lehrer. Dessen Frau Juana, eine versnobte Besitzerin einer Kunstgalerie, drängt Germán dazu Claudio Einhalt zu gebieten und dieses Schauspiel zu beenden. Dieser jedoch glaubt an das besondere Talent seines Schülers. (...) „Der Junge in der Tür“ ist ein Stück auf das man sich einlassen muss. Es besticht durch ein intensives, emotionales Spiel und Figuren, an der Grenze zur Überzeichnung. Dennoch bleiben sie glaubhaft. (...)
Aber wehe man blickt hinter die Fassade und dringt tiefer in die Familienstruktur ein. Dann sieht man plötzlich den Vater, der in seinem Beruf der Laufbursche ist und mehr und mehr in die Frustration abgleitet, den Sohn der am liebsten Autos anzünden würde oder die Tochter, die zwar nicht mehr zu Hause lebt, jedoch ihre Puppen zurückgelassen hat, die allesamt verkrüppelt sind. Besonders hervorzuheben ist auch, dass alle Figuren „weiterleben“, selbst wenn sie nicht an der Reihe sind. So lesen der Lehrer und seine Frau gierig die Aufsätze, während die Eltern nebenan miteinander intim werden, der Sohn seine Hausaufgaben macht während Claudio erzählt. Alles nur getrennt von durchsichtigen Stoffbahnen. Die ganze Bühne pulsiert förmlich vor Leben.
Die Schauspieler spielen hierbei nicht nur die Figuren, sie sind die Figuren. Dies merkt man, wenn man ihnen in die Gesichter sieht, welche ihre Emotionen widerspiegeln. Sie schaffen es den Zuschauer in die Szenerie hineinzuziehen und vermitteln ihm so das Gefühl, er stünde selbst an der Schlafzimmertür der Eltern.