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Badische Neueste Nachrichten

Dienstag, 26. September 2017

„Zusammen sind wir stark“, versichert die verwitwete Putzfrau Emmi dem 30 Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter El Hedi Ben Salem, der sich von allen Ali nennen lässt, weil ihn sowieso alle Ali nennen. (...)

Die Geschichte einer Grenzen überwindenden Liebe endet offen, im Film von Rainer Werner Fassbinder wie auch im Podium des Theaters Pforzheim, wo Annett Kruschke „Angst essen Seele auf“ inszeniert hat. Dort steht ein weißer Kasten mit runden Öffnungen, der an ein 70er-Jahre-Kleinmöbel erinnert, für die Kneipe mit dem bemerkenswerten Namen „Asphalt-Schenke“, in der sich Emmi und Ali begegnen, für Emmis bescheidene Wohnung, in die Ali mit einzieht, für das sich vornehm gebende Restaurant, in dem das gerade getraute Paar sein Hochzeitsessen einnimmt.

Während also die Ausstattung von Indra Nauck auf westdeutsche Milieus der 70er Jahre verweist, laufen über der Bühne Videos, gestaltet von Bernhard Henning, mit Straßenszenen der Gegenwart – aus Pforzheim, aus einer beliebigen deutschen Stadt. Den Dialogen von Fassbinder sind in der Pforzheimer Inszenierung Auszüge aus der Schrift „Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror“ von Slavoj Žižek vorangestellt.

Gastarbeiter im Jahr 1974 und Flüchtlinge im Jahr 2017 – lassen sich die Situationen vergleichen? Bei allen Unterschieden sind es die gleiche Angst vor dem Unbekannten und die gleiche Herausforderung, einander kennenzulernen. Die Inszenierung in einen aktuellen Rahmen zu stellen, ist insofern gerechtfertigt. (...)

Denn beklemmend intensiv sind die Lebenswelten in Emmis Umfeld dargestellt: Die tratschenden Nachbarinnen in ihren Morgenmänteln, die von Emmi verlangen, dass sie die Kehrwoche ab sofort öfter übernimmt, denn „wo so einer wohnt, da nimmt der Dreck überhand“. Die Putzfrauen, die Emmi schneiden. Der Lebensmittelhändler, der sich weigert, ihren Mann zu bedienen. Emmis Kinder, die sich von ihr abwenden. Lilian Huynen, Anne-Kathrin Lipps, Katja Thiele, Clemens Ansorg und Fredi Noël verkörpern diese „Gesellschaft“ in wechselnden Rollen. Puja Behboud gelingt vor allem mit mimischen Mitteln eine anrührende Darstellung von El Hedi. Johanna Liebeneiner spielt Emmi und arbeitet nicht nur die Herzlichkeit und Bedürftigkeit der Figur heraus, sondern auch ihre Naivität und ihre Ambivalenz – Emmi, die gegen Vorurteile ankämpft, ist selbst nicht ganz frei davon.

Für eine Putzfrau bleibt Liebeneiner allerdings zu sehr Dame – nur ganz am Ende, als Emmi weinend neben Ali kniet und beteuert, sie werde sich Mühe geben, gibt sie ihre elegante Haltung auf. Zu sehen sind nun schlicht zwei Menschen, die sich lieben und die es schwer haben – nicht nur mit den anderen, sondern auch miteinander.

Pforzheimer Zeitung

Dienstag, 26. September 2017

Vor über vierzig Jahren war Rainer Werner Fassbinders Film „Angst essen Seele auf“ ein Wagnis. Auch als Stück sorgte es für Furore, behandelte es doch ein Tabuthema: die Liebesgeschichte zwischen einer älteren Putzfrau und einem weit jüngeren, farbigen Gastarbeiter. Das Pforzheimer Theater hat das Werk nun auf der Suche nach Aktualität auf die Bühne des „Podiums“ gebracht.

Eine interessante Stückwahl, die Gelegenheit gibt, den Text von 1974 auf seine heutige Gültigkeit zu befragen. Schließlich hat die Romanze zwischen der wackeren Emmi und ihrem marokkanischen Mann nicht nur mit dem privaten Glück des ungleichen Paares zu tun, sondern auch mit den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sich diese Beziehung entwickelt – und scheitert.

Mag die unglückliche Emmi noch so resolut alle Anfeindungen durch Nachbarn, Kollegen und am Ende ihre eigenen Kinder ignorieren, am Ende kann sie die Isolation doch nicht ertragen und ist froh, dass die Gesellschaft sie samt Mann schließlich doch wieder aufnimmt – freilich in durchaus eigennütziger Absicht. In diesem opferbereiten Kampf hat das Schicksal der Frau auch heute noch sein Publikum. Anders bei dem sympathischen, arglosen Ausländer „Ali“, der an seinem Arbeitsplatz und in der Kneipe den kalten Fremdenhass machtlos erleidet und feststellen muss, dass er durch die mutig ertrotzte Heirat mit Emmi einen Weg der Anpassung beschreitet, der seine kulturelle Identität bedroht.

Zu Fassbinders Zeit war das ein realistisches, obschon zugespitztes Bild. Aber seine Perspektive ist inzwischen historisch. Der Widerstand gegen die damaligen „Gastarbeiter“ hatte eine andere Qualität als der blanke Hass und die aggressiven Vorurteile, die den „Fremden“ von heute entgegenschlägt: den Asylanten, Flüchtlingen und Migranten unserer Tage. (...)

Im Ensemble tat sich allerdings zwei Darsteller sehr positiv hervor: Die renommierte Schauspielerin Johanna Liebeneiner gibt der Emmi mit sensiblen Tönen und zarten Nuancen anrührendes Profil, macht ihre Not spürbar und verwandelt ihre Machtlosigkeit vor den wachsenden Problemen in stille Tragödien. Auch Puja Behboud als „Ali“ setzt die Angst und Verzweiflung des Außenseiters überzeugend um und macht verständlich, warum er aus der sozialen Falle der Überanpassung ausbrechen muss. In beiden Figuren wird das ausweglose Drama der empfindlichen Seelen, wie Fassbinder es schreibt, schmerzlich greifbar. Zu Recht feierte das Publikum die beiden Hauptdarsteller mit besonders herzlichem Beifall. Die Regisseurin allerdings fehlte beim Schlussapplaus der Premiere. Sie sei schon abgereist, hieß es.