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Badische Neueste Nachrichten

Montag, 19. September 2016

Alles wird aufgeschrieben. Eifrig notiert Rodolfo, was ihm Mimi über sich erzählt, von ihrem kleinen Stübchen, den Blumen, die sie stickt, und ihrer Sehnsucht nach dem Frühling. Erlebtes und Erzähltes wird flugs in Literatur umgemünzt. Als Chronist steht der Dichter Rodolfo immer etwas abseits. (...)

Nicklich strapaziert ihre Deutung nicht über Gebühr, spricht doch die Musik in ihrer Poesie des Leidens und ihrer Sinnlichkeit eine ganz andere Sprache, und setzt auf die pittoreske Pariser Mansardenromantik, mit der Puccini in seiner Adaption einer Szenenfolge von Henri Murger seine eigene Mailänder Studienzeit aufarbeitete. Kaum mehr als eine Matratze, ein paar Stöße beschriebenen Papiers und ein Ofen befinden sich im Dachstübchen, das sich die vier Künstlerfreunde teilen, deren zunehmende Armut sich darin zeigt, dass am Ende kaum noch die als Schreibpapier benutzten Tapeten an der Wand kleben und man durch das skelettierte Fachwerk in ein ungewisses Grau blickt. Über die Wendeltreppe steigt von noch weiter oben Mimi als weiße Dame vom Speicher herab – eher das Gespenst des Hauses als der Engel, von dem im Text immer wieder die Rede ist – und durchleidet mit blondem Spinnenhaar im Schlafgewand die in eine Schnee- oder Wolkenlandschaft verlegten Szenen, die Dirk Steffen Göpfert in eine oft bezwingende Traumatmosphäre und gaukelnde Theatralik tauchte.

Mit gesetzter Figur stellt Stefanie Smits den Gegentyp zur fragilen Näherin dar; ihr kurzer, herber Sopran braucht lange, bis er in der stammelnden Lyrik, den kleinen Noten und mit grauen Halbstimme intonierten Sterbeszene so etwas wie Poesie entfaltet. Wie auf Wolken schweben die Schaulustigen am Weihnachtsabend durch das Quartier Latin, die leichten Damen als Kolombinen, die Nonnen und der Zirkusdirektor, eine tänzelnde Traumszene unter Goldflitter, in der Antonia Mautner Markhof einen Kostümrausch entfaltet, der sich in hübschen Details, wie den aus zwei Lagen Eierpaletten bestehenden Kopfbedeckung einer der Damen, zeigt, mit einem vom Himmel herabschwebenden Spielzeugverkäufer und musizierenden Engeln. Den vokalen Höhepunkt des Abends zündet Franziska Tiedtka in diesem Treiben. Die Prostituierte Musetta, halb Teufelin und rote Hexe, treibt ihren Galan wie ein Hündchen vor sich her und brilliert mit dem lockend gesungenen Walzer, der ihren ehemaligen Geliebten Marcello zurück in ihre Arme treibt. Ernüchtert taumeln die Feiernden in die Morgenkälte der Wochen später spielenden Szene bei einer Zollstation am Stadtrand. Zwar haben Marcello und Musetta zueinandergefunden, doch Mimi und Rodolfo sind inzwischen getrennt.

Musikalisch gelingen Markus Huber und der Badischen Philharmonie, die einmal mehr zeigten, wie überaus schwierig Puccinis Bohème-Musik in ihrer dichten Ensemblekunst und dem Übergang von Deklamatorik zu Ariosem gewoben ist, die überzeugendsten Aussagen in den frostklirrend leeren Quinten – wie sie überhaupt im zweiten Teil die Musik am stärksten zum Blühen bringen. Kwonsoo Jeon ist ein Rodolfo mit hellem Tenor, der sich am besten in einem trompetenstarken Ton ohne viele Zwischentöne gefällt, was der Anlage der Figur entgegenkommt. Markus Vollbergs Marcello und Paul Jadachs Schaunard sind noch entwicklungsfähig, Aleksandar Stefanoski sang die Kurzarie des Colline über den alten Mantel mit sicherer Basslinie, und Cornelius Burger gelangen als Benoit und Alcindoro zwei treffliche Doppelporträts. Während Mimi von der Morgenröte fantasiert und stirbt, hält Rodolfo mit nüchternem Blick von außen weiterhin jedes Wort fest. Möglicherweise alles nur dichterische Fantasie.

Pforzheimer Zeitung

Montag, 19. September 2016

(...) Ja, es hat funktioniert. Dafür sorgt als Hauptverantwortlicher Kwonsoo Jeon in der Rolle des Rodolfo. Sein Gesang macht Freude, sorgt schon zu Beginn für Zwischenapplaus – und lässt das aufscheinen, was die Opern des Italieners so besonders macht: Es ist der wohlige Schauer, den Puccinis Szenen unmittelbar auslösen; der spontane Ausbruch der Sänger aus dem Alltäglichen hinein in Augenblicke von erhabener Schönheit. Wie genial der Komponist diese Sekunden vorbereitet, zeigt sich auch schon in „La Bohème“ – einem vergleichsweise frühen Werk. Am Anfang steht fast immer belangloser Alltag: Schwätzereien, Geplauder, Zoten. Im ersten Bild gilt der Blick einer gammligen Künstlerbude, in der ein Maler, ein Philosoph, ein Musiker hausen – und eben Rodolfo, der Schriftsteller. Da herrscht die pralle Pubertät der Lebenskünstler, die bloß nicht erwachsen werden wollen und sich selber feiern als Draufgänger in ihrer Armut.

Auf dieser leeren Leinwand des Gewöhnlichen baut Puccini auf, wenn er die Höhepunkte seiner Musik konstruiert. Die Charaktere bleiben ja eigentlich dumpf und belanglos – außer wenn eines passiert: sie lieben. Rodolfo liebt Mimì (ordentlich: Stefanie Smits) – sie hat als Nachbarin einmal an seine Türe geklopft. Seitdem ist es um ihn geschehen. Das Gefühl reißt ihn aus dem Alltag heraus – und sorgt für die ätherischen Momente des Abends. Als Gegensatz zieht sich der Konflikt zwischen Liebe und Gewöhnlichkeit durch die folgenden drei Bilder. Puccini aber geht zusehends dazu über, die Spannung zu erhöhen. Nicht mehr nur nacheinander, immer mehr gleichzeitig auch verschränken sich die Welten. Im zweiten Bild sogar szenisch. Da hat die Regisseurin Anja Nicklich die Szene im Quartier Latin als prallen Wirtshausspaß gezeichnet – mit tiefen Dekolletés, ordentlich Wein in den Pullen und reichlich Scherz auf den Lippen. Doch der Hintergrund (Bühne: Dirk Steffen Göpfert) zeigt sich verklärt. So ganz leise rieselt da der Schnee – er wird zur Chiffre für Mimìs und Rodolfos Liebe. So weiß und rein ist er wie keine Liebschaft der beiden davor – und gleichzeitig tödlich; kündet er doch von der Kälte, die Mimì am Ende sterben lässt. Von der echten Liebe haben die anderen noch nicht so viel mitbekommen. Als Gegenpaar zu Rodolfo und Mimì etabliert sich die dralle Musetta mit Marcello, dem Maler (überzeugend: Markus Vollberg). (...)

(...) Das ganze Geschehen hat Nicklich zu einem ästhetischen Gesamtprodukt verbunden, das trägt. Ihre Inszenierung – im ersten Bild noch etwas seicht – gewinnt im Folgenden an atmosphärischer Qualität, die mehr den Gang der Handlung unterstreicht und darstellt, als an eigenen Gemälden zu malen. Da passen dann auch die Kostüme von Antonia Mautner Markhof gut rein. Sie verorten die Welt der Bohémiens im Strapsen-Stil der Varieté-Theater und zeigen Musetta (etwas übertrieben: Franziska Tiedtke) als ihre Haudrauf-Königin – und als schlammbraunes Gegenbild zur blütenweißen Mimì. (...) Am Ende ist es eben ein schöner Opernabend, der dem Theater einen anständigen Erfolg sichern wird –und vom Publikum im ausverkauften Großen Haus mit stehenden Ovationen gefeiert wird.