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Pforzheimer Zeitung

Montag, 12. Februar 2018

Die unheilschwangeren Dissonanzen zu Beginn lassen keinen Zweifel: Sie sind die Ouvertüre zu einer Tragödie, die sich in der dreiaktigen Oper „Endstation Sehnsucht“ entfalten wird. Als die verblühte Südstaaten-Schönheit Blanche Dubois ihre Schwester Stella in New Orleans besucht, ist das die Flucht aus den Trümmern ihres Lebens und vor dem finanziellen Ruin. Doch die Fahrt mit der Straßenbahn namens Sehnsucht bis zur Station „Elysium“ führt nicht in die erhofften himmlischen Gefilde, sondern in die unausweichliche Katastrophe.

Wie in all seinen Stücken beschreibt der amerikanische Dramatiker Tennessee Williams in dem 1947 uraufgeführten Schauspiel „A Streetcar named Desire“ Facetten der amerikanischen Gesellschaft. Die deutsche Erstaufführung fand 1950 am Stadttheater Pforzheim statt. Williams’ fein ausgelotete Psychogramme lassen viel Platz zur Entfaltung und Ausgestaltung der beschriebenen Charaktere. Darauf beruht der Erfolg des Schauspiels. Das funktioniert auch in der Hollywood-Verfilmung mit Marlon Brando und Vivien Leigh – und es trägt die gleichnamige Oper, die jetzt im Theater Pforzheim in einer rundum stimmigen Inszenierung und überzeugenden musikalischen Gestaltung auf die Bühne kam. In der Zwei-Zimmer-Wohnung, in der Stella mit ihrem Mann Stanley Kowalski lebt, prallen zwei Welten aufeinander. (...) 

Blanche hingegen lebt in der Scheinwelt vergangener Südstaatenherrlichkeit. Kapriziös und herablassend heuchelt sie Vornehmheit und Anständigkeit und versucht gleichzeitig, alle Männer in ihrer Umgebung zu umgarnen, auch Stanleys Freund Mitch, in dem sie die letzte Rettung aus ihrer Misere sieht. Stanley, den die Diskrepanz zwischen Schein und Sein provoziert, und der ihre Sinnlichkeit spürt, reagiert darauf mit dem, was ihn ausmacht – seiner Sexualität. Dass er Blanche vergewaltigt hat, glaubt ihr niemand, ihre Lügengespinste bringen sie in die Nervenheilanstalt.

André Previn, der sich als Komponist von Filmmusiken, Dirigent und Jazzpianist einen Namen gemacht hat, schrieb die Oper 1998 als Auftragswerk nach dem Libretto von Philip Litell, das sich am Bühnenstück von Williams ausrichtet. Die Uraufführung an der San Francisco Opera war ein großer Erfolg, das Stück gehört zu den meistgespielten zeitgenössischen Opern. 

Previn bezieht sich auf die musikalische Formensprache der Spätromantik und klassischen Moderne. Es ist voller Anklänge an Richard Strauß, an Arnold Schoenberg und Leonard Bernstein, durchsetzt mit lyrischen und lasziven Blues-Linien und schrillen Jazz-Einwürfen. Die Musik ist Trägerin der Emotionen, interpretiert die Handlung und treibt sie voran, wabert über die Bühne wie die giftigen Ausdünstungen der Südstaaten-Sümpfe. Die äußerst komplexe Komposition – vor allem in den Bläsersätzen – wurde von der Badischen Philharmonie Pforzheim unter Leitung von Tobias Leppert mit bewundernswerter Akkuratesse und einfühlsamer Dynamik interpretiert.

Stark und einander ebenbürtig die Sängerinnen und Sänger. Eine Bravourleistung zeigte Stamatia Gerothanasi in der überaus fordernden Rolle der Blanche, präsent, mit kraftvollem und gleichzeitig sensiblem dramatischem Sopran. Paul Jadach gibt dem derben Körpermenschen Stanley baritonal wuchtigen Gestalt. Natascha Sallès als Stella mit lyrisch geführtem, klarem Sopran. Philipp Werner als Mitch mit kongenial weichem Tenor. In weiteren Rollen Danielle Rohr als Eunice, Nando Zickgraf als Steve und Zeitungsjunge, Dorlir Ahmeti als Pablo sowie Gabriela Zamfirescu als Blumenfrau. Bühnenbild und Kostüme in stimmigem 1950er-Jahre-Dekor von Martina Stoian. Die Inszenierung von Tobias Materna ist rundum harmonisch. Ein fordernder und packender Opernabend, der bei der Premiere begeisterten Applaus erhielt und dem viele musikenthusiastische Besucher zu wünschen sind.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 12. Februar 2018

(...) Das von der Schändung des Zarten, des Empfindsamen, des Zerbrechlichen durch die ungezähmte, brutale Gewalt der modernen Gesellschaft erzählende Schauspiel von Tennessee Williams hat bis heute nichts von seiner ergreifenden Wirkung verloren. Als Oper von André Previn erlebte es jetzt am Theater Pforzheim, wo 1950 die deutsche Erstaufführung des Schauspiels stattgefunden hatte, einen eindringlichen Erfolg, der ihm auch im Repertoire zu wünschen ist. Nur einige mittlere und kleinere Theater hatten die Oper in englischer Sprache in Deutschland nachgespielt. Stralsund, bracht das Werk erstmals auf Deutsch – so wie die jetzt auch Pforzheim.

Herausgekommen war das Stück 1947 in New York, als der 1929 in Berlin geborene André Previn bereits bei den Hollywood- Studios unter Vertrag stand. Als die San Francisco Oper 50 Jahre später Previn den Auftrag für die Oper erteilte, war er als Multitalent, Pianist, Arrangeur, Film- und Musicalkomponist und Dirigent klassischer Orchester eine feste Größe des Musiklebens. Wie in einer Oper Puccinis umkost sie Previn mit Klängen, die Blanches körperlichen und geistigen Verfall mit einer schimmernd-schillernden Musik umkreisen, die auch zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nicht modern war. In der Szene von Blanches Vergewaltigung durch Stanley klingt sie nach dem Schostakowitsch der „Lady Macbeth“. Sie geht völlig in der Hektik des natürlichen Sprechsingens auf, arbeitet mit nachdrücklichen Akzenten und wirkt doch so entspannt, als habe sich die Schwüle von New Orleans darauf gesenkt. Allenfalls in manchen unreinen Gesangslinien ist das Odium der Stadt wie Previns Herkunft vom Jazz und Blues zu ahnen.

Es ist keine Oper der großen Momente, doch der zahlreichen ariosen Monologe und Gespräche, die Tobias Leppert und die Badische Philharmonie zu prägnanter Wirkung brachten, ohne dass die Singstimmen unter dem aufgeriebenen vollen Klang zu leiden hatten. Stamatia Gerothanasi, die den Untergang der Südstaaten mit zerbrechlicher Eleganz und Würde gestaltete, errang als Blanche einen großen persönlichen Erfolg. Mit ihrem fragilen Sopran gelang ihr eine ideale Verkörperung der Blanche, die im 1950er Jahre Realismus, mit dem Tobias Materna und seine Ausstatterin Martina Stoian den Dreiakter punktgenau ausleuchteten, auch nach gut drei Stunden nichts von ihrer Faszination verliert. Philip (sic!) Jadach versucht erst gar nicht, dem Vergleich mit Marlon Brando und dessen animalischer Sexualität standzuhalten, und gab den Stanley Kowalski als groben Klotz mit harschen Bariton. Natasha Sallès als süße, ihrem Mann verfallene Südstaaten-Beauty Stella und Philipp Werner als stimmlich etwas zu heldentenoral dominantes Mutter-Söhnchen Mitch ergänzten das Solisten-Quartett, dem Danielle Rohr als Nachbarsfrau, Gabriela Zamfiresu als Todesbotin und Nando Zickgraf als Zeitungsjunge pointierte Charakterporträts beisteuern.

Opernwelt

Ausgabe 4/2018

(...) Statt zu jammern, reagieren die Theatermacher auf Zeichen der Zeit: Sie haben ihren Mehrspartenbetrieb enger mit Stadt und Region vernetzt als je zuvor. Theater gibt es nicht nur im Theater. Der Opernspielplan 2017/18 versucht eine Balance. Natürlich sind da "Die Zauberflöte", "Der Barbier von Sevilla" und "Der Bettelstudent". Man wagt aber auch Kurt Weills "Silbersee" (Premiere am 5. Mai) und hat gerade mit André Previns "Endstation Sehnsucht" eine sznisch wie musikalisch genau gearbeitete Premiere herausgebracht, die keinerlei Mitleidsbonus benötigt.

(...) Die Figur der verblühenden Südstaaten-Schönheit, die in die Ehe ihrer Schwester einbricht und von deren Mann vergewaltigt wird, gehört zur Weltliteratur. Eine Neurosen-Königin, scheu und doch schamlos, soziale Spannungen zuspitzend und doch Realität ausblendend. Am traurigen Ende wird sie in die Klapsmühle abgeführt. Previn hat daraus eine fordernde Sopranpartie gemacht. Pforzheim verfügt über eine Protagonistin, die dafür Kondition und Zwischentöne mitbringt. Die junge, griechische Sopranistin Stamatia Gerothanasi entwickelt das Flair der Figur mühelos, gibt den ursprünglich auf Renée Fleming zugeschnittenen Arien (von denen "I want magic" am bekanntesten wurde) berührende Kontur. Den ganz normalen Wahnsinn, in den Blanche zunehemnd flüchtet, verkörptert sie mit Eleganz, Ruhe und psychologischer Folgerichtigkeit. (...)

Previns Musik schmiegt sich den Situationen des Dramas an. Immer vom Orchester her gedacht, kombiniert sie alles mit allem. Man kann das postmodern nennen: Tschaikowskys "Pique Dame" dräut, wenn bei Stella Kowalski die Wehen einsetzen; Alban Berg und eine Combo rücken zusammen; Rosen werden auf den Spuren von Richard Strauss überreicht. Eine Prise Janácek ist oft dabei. Klarinettenläufe helfen, wenn der Tonfall schnell wechseln muss. Auch andere Solisten des Orchesters haben dankbare Aufgaben. Die Badische Philharmonie unter Tobias Leppert lässt sich nicht lumpen, greift den - bei aller filmmusikalischen Raffinesse - dominierenden musikantischen Duktus auf. Der szenische Deutungsradius des Stücks bleibt begrenzt. Regisseur Tobias Materna tut, was zu tun ist. Er erzählt die Geschichte mit Sensibilität und Geschmack, verknüpft Sozialkritik mit Ironie, lässt aber auch die überhöhten Momente (Blumenverkäuferin als Todesbote) zu ihrem Recht kommen. Die schwüle Atmosphäre von New Orleans bleibt angedeutet. Es ist das Parabolische des Stückes, das zählt. Nicht nur in Pforzheim.