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"Die Liebe zu den drei Orangen" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 20. Mai 2019

Quietschbuntes Vergnügen in der Shopping-Passage

Mit groteskem Musiktheater begeisterte am Samstag das Theater Pforzheim sein Publikum bei der Premiere der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ von Serge Prokofieff. Intendant Thomas Münstermann inszenierte die Geschichte vom depressiven Prinzen, der nicht mehr lachen kann, als farben- und ideenreiches Märchenstück. Unter Leitung von Generalmusikdirektor Markus Huber entführten die Badische Philharmonie Pforzheim, Chor und Extrachor die Zuhörer in Prokofieffs kluge Klangwelten. Großen Applaus gab es für die Solisten.

Im blauen Frottee-Schlafanzug – ein Wohlfühl-Ganzkörper-Strampler für Erwachsene – lümmelt sich der Prinz zwischen seinen aufblasbaren Schwimmspielzeugen und Badeenten. Von Traurigkeit geplagt – die Ärzte nennen es „hypochondritiotische Verschleimung“ – findet dieser (...) keinen Grund mehr zu lachen. Tenor Philipp Werner gibt die Rolle hervorragend, singt zunächst in enger, gedrückter Lage und entfaltet sich gegen Ende der Oper wunderschön stimmlich frei und hell. Dann hat er sein aberwitziges Abenteuer durchgestanden und seine Liebe gefunden: Er ist erwachsen geworden.

Todtraurig und komisch

Prokofieffs Oper ist vielschichtig. Es geht um einen Vater, nämlich Kreuz-König, gewichtig und füllig von Bass Lukas Schmid-Wedekind gesungen, der aus Sorge ums Erbe seiner Königsmacht den Sohn gesund machen, also zum Lachen bringen will. Es geht um politische Intrigen. Denn Premierminister Leander, scharf und markant von Tomas Möwes interpretiert, will gemeinsam mit Prinzessin Clarice, nicht weniger bissig von Lisa Wedekind gesungen, den Thron erobern. Und es handelt sich schließlich um die menschliche Psyche, um das Lachen an sich. Prokofieff hat diesen Prinzen als todtraurig und urkomisch zugleich angelegt. Mitunter jammert sein Gesang, während die begleitenden Geigen kichern. Das Orchester meistert diese musikalische Groteske bestens, die stimmig zu diesem Prinzen passt, der depressiv ist, obwohl es im so gut – vermutlich „zu gut“ – geht.

Der Erlebnis- und Konsumgesellschaft ist solche Tristesse aus Überfluss sehr vertraut, weshalb die Pforzheimer Inszenierung das Geschehen rund um die drei Orangen kurzerhand in eine Shopping-Passage verlagert hat. In den dortigen Läden, wie „Mode Kreuz“ und „Spielzeug Prinz“, lässt sich wohl alles kaufen. Aber zufrieden und glücklich werden die Kunden damit nicht. Deshalb tritt auch der Chor immer wieder auf und fordert mal Tragödie, mal Komödie. Dem Theaterpublikum geht’s halt auch „zu gut“. Mal finden die einen das Stück zu romantisch, die anderen zu leidenschaftslos. (...)

In der vollauf geglückten Kostümierung von Thomas Mogendorf überzeugen vor allem die leuchtenden Farben. Spaßmacher Truffaldino, den der agile Tenor Dennis Marr gibt, trägt eine orangene Pumuckl-Perücke und grüne Seidenhosen, die ihm als Running Gag ständig auf die Knöchel runterrutschen. Damit will er Publikum und Prinz zum Lachen bringen. Der lacht schließlich ein einziges Mal, aber dann im falschen Moment. Er stimmt seinen Haha-Gesang im Dreiertakt an, wenn die Zauberin Fata Morgana, dramatisch hoch gesungen von Stamatia Gerothanasi, stolpert und auf ihrem Popo landet. Die verwünscht ihn, damit er sich in drei Orangen verlieben wird.

Etwas wirre Handlung

In der Pforzheimer Inszenierung wachsen die Orangen zu mannshohen aufblasbaren Plastikbällen an, und aus einer schlüpft schließlich Prinzessin Ninetta, mit hohem Sopran herzallerliebst von Natasha Sallès interpretiert. In Ninetta verliebt sich der Prinz und hält zu ihr, obwohl sie später in eine Ratte verzaubert wird, sich dann aber zurückverwandelt und so weiter … Doch, die Handlung ist etwas wirr. Aber keine Sorge: Es wird eine deutsche Textfassung gesungen und zusätzlich wird übertitelt, so dass man wirklich alles gut versteht. Das Happy End sowieso.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 20. Mai 2019

Vergnügliches Spiel der Gegensätze
Sergej Prokofieffs Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ am Theater Pforzheim als Chefsache

Wie hätten sie’s denn gerne? Gleich zu Beginn seiner Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ lässt Sergej Prokofieff den Chor auftreten und darüber streiten, welche Art von Stück gespielt werden solle: Tragödie oder doch lieber Komödie, lyrisches Drama oder bunte Unterhaltung.Schließlich kündigt die resolute Fraktion der pragmatischen Sonderling einen Spaß für alle an. (...) Die Geschichte vom schwermütigen Prinzen, der erst durch Lachen aus seiner „hypochondriotischen Verschleimung“ erlöst werden kann, beschreibt den Weg des infantilen Knaben zum reifen Helden, der nach allerlei Hindernissen seine verwunschene Prinzessin aus der Orangenschale pellen und den Thron besteigen kann. Diese Entwicklung wird durch den missgünstigen Minister Leander und die mit ihm verbündete Zauberin Fata Morgana zwar erschwert. Aber mit Hilfe des Geistermeisters Celio und des quirligen Spaßmachers Truffaldino kommt doch alles zu einem guten Ende. Der gute Magier und die teuflische Hexe setzen mit ihrem wütenden Machtkampf dem Stück einen spannungs-, aber auch wirkungsvollen Rahmen. Durch ihr Wirken kippt die Handlung immer wieder ins Surreale, erfährt das Geschehen ständig neue Wendungen, werden vermeintliche Autoritäten entblößt. Da steckt hinter der dämonischen Gaudi immer auch eine Portion galliger Kritik an den Zuständen, gegen die der Prinz und seine Beschützer sich mit Fantasie und der Kraft des Gefühls zur Wehr setzen. In der Musik zieht Prokofieff diese Kontrastlinien genüsslich nach. (...)

Vor allem der süffige „Königsmarsch“ gerät zu einem nachhaltigen Ohrwurm. In der Pforzheimer Aufführung bringt Dirigent Markus Huber mit der animiert aufspielenden Badischen Philharmonie die Vorzüge dieser Komposition trotz reduzierter Orchestrierung (von Philipp Haag) eindringlich zum Ausdruck. Aber auch Regisseur Münstermann, der die aufwändige Inszenierung dieser anspruchsvollen Oper zur Chefsache gemacht hat, lässt seiner komödiantischen Theaterlust freien Lauf, wobei ihm Ausstatter Thomas Mogendorf mit einem weitläufigen, wandelbaren Bühnenbild und insbesondere mit opulenten, fantastisch pointierten Kostümen einen reizvollen optischen Rahmen stiftet. Das große Ensemble findet sich mit ansteckender Spielfreude in das temporeiche, turbulente Konzept der Regie. Dabei haben die Mitwirkenden sowohl im intensiv aktivierten Chor als auch bei den Solisten anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. Philipp Werner macht aus dem melancholischen Prinzen mit stabilem Tenor eine herausragende Leistung, den Kreuz-König zeichnet Lukas-Schmid-Wedekind als schwachen Märchenherrscher, und Stamatia Gerothanasi ist als garstige Morgana sängerisch wie optisch hervorragend besetzt, während Tomas Möwes den Schurken Leander mit allzu charakteristischem Bariton markiert und namentlich durch seine grotesk breiten Epauletten beeindruckt. Aufseiten der Guten tut sich Nico Wouterse mit nobel gefärbtem Bariton und seriöser Darstellung als souveräner Celio hervor. Er ist außerdem Protagonist einer von der Regie angefügten, nicht eben unentbehrlichen Rahmen-Pantomime, in der ein mit drei Orangen (!) jonglierender Komödiant die abweisende, feindliche Kühle einer modernen City-Wüste aufbricht. Als listig-lustiger Truffaldino besticht der vorzügliche Dennis Marr durch beherzten Spieltenor und rollentypischen Witz, und neben ihm ist Elisandra Melián eine quirlig soubrettige Smeraldina, während die verzauberte Orangen-Braut Ninetta bei Natasha Sallès durch die Anmut  ihres lyrischen Sopran überzeugt. Die gewaltige Köchin ist bei dem Bassisten Aleksandar Stefanosk auf burleske Transgender-Wirkung drollig angelegt, und auch die übrigen Solisten in kleineren Partien sichern dem Abend wie der
viel beschäftigte Chor ein bemerkenswert gutes Niveau.