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Pforzheimer Zeitung

Montag, 31. Oktober 2016

Immer wieder gerne wird Mozarts „Figaro“ als Sozialdrama – Adel gegen Bürgertum – oder als Geschlechterkampf – Männer gegen Frauen – auf die Bühne gebracht. (...) Dass diese wunderbare Oper all dies letztlich gar nicht nötig hat, zeigt jetzt Regisseurin Caroline Stolz am Theater Pforzheim. Sie macht es sich scheinbar leicht – und legt sich auf kein bestimmtes Thema oder eine konkrete Zeit fest. Lediglich die Kostüme mit Rokoko-Touch (Ausstattung Jan Hendrik Neidert/Lorenza Diaz Stephens) geben einen Hinweis. Doch gerade diese Zeitlosigkeit, diese Leichtigkeit, mit der die Spielleiterin diese Geschichte um Liebe und Macht, Betrug und Verwechslung erzählt, ist ein hartes Stück Arbeit. Denn hier muss genau hingeschaut werden, was Susanna und Figaro, was Graf und Gräfin, was Cherubino und Barbarina wirklich fühlen – hinter der Fassade. Und genau dieser Blick gelingt der Regisseurin exzellent. Ihre „Hochzeit des Figaro“ lebt von wunderbarer Situationskomik, von großer Heiterkeit ohne jeglichen Klamauk, von einer genauen Zeichnung der Figuren, von perfekt abgestimmten Abläufen, von überraschenden Knalleffekten und von einem höchst spielfreudigen Ensemble, das auch eindrucksvoll singt.

Paul Jadach, neu im Ensemble, ist ein stimmgewaltiger Graf d’Almaviva – ganz rachelüsterner Macho, der nicht nur die süße Susanna ins Bett zwingen will. Seine Contessa (ebenfalls neu: Silvia Micu) schaut dem Treiben mit Wut und Wehmut, mit Schmerz und der Lust an eigenen Eskapaden zu. Herausragend ihre Arie „Dove sono“, die mit schön geführtem Sopran die ganze Gefühlspalette aufscheinen lässt. Ebenso witzig, wie hingebungsvoll und einfach großartig gespielt und gesungen – der Cherubino von Danielle Rohr. Auch Cornelius Burger verleiht dem Figaro mit seinem wandelbaren Spielbass ebenso heitere wie nachdenkliche Züge. Perfekt fügt sich Franziska Tiedtke in dieses hochkarätige Quintett ein: Mit ihrem schönen lyrischen Sopran und ihrer Schauspielkunst ist sie eine Kammerzofe Susanne mit umwerfend komischen Zügen und großem Selbstbewusstsein. Überhaupt kann das Ensemble in dieser Produktion begeistern: Manuela Wagner gibt eine stutenbissige Marcellina, Johannes Strauß ist ein wohlklingender Basilio, Aleksander Stefanowski ein mit Gehilfe ausgestatteter Don Bartolo, Spencer Mason ein urkomischer Gärtner Antonio und Elisandra Melián eine süße Barbarina. Mit augenzwinkerndem Charme gezeichnet auch die herzigen Blumenmädchen und die stattlichen Herren des Chors.

Wie sich die oft widersprüchlichen Gefühle der Protagonisten in Mozarts Musik widerspiegeln, das bringen Dirigent Mino Marani und die Badische Philharmonie auf den Punkt: mit einer Fülle von Klangfarben, mit zupackendem Temperament und dem Mut zur notwendigen Süffigkeit. Und wenn Caroline Stolz dann zum Schluss dem Happy End der glücklichen Paare noch einen kleinen ironischen Schwenk mitgibt – der Graf kann’s nicht lassen und kneift Susanne in den Po, und die Gräfin lässt sich galant von Cherubino die Hand küssen –, dann ist das Publikum restlos zufrieden: Viel Beifall und Bravorufe für einen feinen und trotz drei Stunden Spieldauer kurzweiligen Opernabend.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 31. Oktober 2016

Das Schloss ist ein Pulverfass. In jedem Moment könnte es explodieren, so geladen ist der Kammerdiener Figaro, als er mitbekommt, dass der Graf zwar seine Heirat mit der Zofe Susanna gestattet, aber dieser heimlich nachsteigt und nach alter Gepflogenheit sein Recht der ersten Nacht durchsetzen will. Doch es ist der Graf selbst, der die Lunte anzündet und eine Tür im Gemach der Gräfin sprengt, hinter der er den Pagen Cherubino als vermeintlichen Liebhaber seiner Gattin vermuten muss. Dumm gelaufen, denn dahinter tritt Susanna hervor. Im Verbund mit der Gräfin haben ihn die Diener an der Nase herumgeführt. Damit nicht genug. Tief gedemütigt muss er am Ende erkennen, dass er des Nachts im Garten nicht Susanne den Hof machte, sondern seiner als Zofe verkleideten Gattin. Seine Bitte um Verzeihung stellt die Eintracht wieder her. (...)

Caroline Stolz weist in ihrer Neuinszenierung von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ am Pforzheimer Theater nicht auf das Wetterleuchten der Revolution hin, die wenige Jahre nach der Uraufführung der Komödie von Beaumarchais in Frankreich ausbrach, sondern zeigt, wie sich Diener und Herrschaft gemäß dem zweiten Titel der Komödie einfach einen „tollen Tag“ machen. Gleich sind sie ohnehin alle, denn Lorena Diaz Stephens hat die Schlossbewohner als Sprösslinge der Commedia dell’ Arte mit Spitzen und Schleifen, gefältelten Bändern und Volants, Schleifen und Troddeln, in Rüschen gezogen Krausen und Federn herausgeputzt, dass die Standesunterschiede allenfalls an den Perückentürmen auszumachen sind. Wie im alten Stegreifspiel lässt Stolz sie gerne im Rampenspiel Einigkeit mit dem Publikum herstellen und im gezierten Küsschen nach Applaus schielen, sie drückt auf Tempo und nutzt vor allem in den Ensembles die alerte Spiellust der Akteure (...)

Mino Marani setzt mit der Badischen Philharmonie schon in der Ouvertüre auf ein Tempo, das anzeigt, dass pünktlich nach drei Stunden Schluss ist. Mariani bevorzugt einen aufgerauten, fast schrill derben und animierenden Ton, in den Rezitativen unterstützt von Mónica Presno am Cembalo, mit dem er auf das Brodeln unter der Oberfläche hinweist. Die Revolution wird möglicherweise verschoben, weil im Schloss eindeutig die Frauen das Sagen haben. Mehr als gemeinhin macht Franziska Tiedtke klar, dass Susanna die eigentliche Drahtzieherin ist. Zwar gestattet ihr Mozart erst in der „Rosenarie“ des vierten Aktes die solistische Seelenschau, doch in allen Ensembles und Duetten ragt Tiedtkes höhenstarker, zu lyrischem Ausdruck fähiger Sopran hervor: eine selbstbewusste Zofe, die auch als Gräfin mal gute Figur machen dürfte. Diese wird derweil ganz ausgezeichnet von Silvia Micu gesungen, bei der die italienischen Rezitative so natürlich perlen wie bei keinem ihrer Mitstreiter und deren fragil aparter und klangvoller Sopran durch sein besonderes Timbre besticht. Erst im vierten Akt („Aprite un po’ quegli occhi“) klang Cornelius Burgers Figaro flüssig und befreit (...). Als Elternpaar waren Aleksandar Stefanoski als wuchtiger Bartolo und Manuela Wagner als Marcellina im Einsatz. Zurückhaltend blieb Paul Jadachs Graf, als ahne er, dass er sich bald von seinen Privilegien verabschieden muss. Danielle Rohr machte nicht nur bei Cherubinos Sprung in den Orchestergraben gute Figur, sondern sang, nach schrillem Anfang, auch ihre Canzonetta im zweiten Akt mit auffallenden Verzierungen. Dem aufgeweckten Basilio von Johannes Strauß hätte man auch die wie meist gestrichene Arie im vierten Akt gegönnt.