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"Der Zigeunerbaron" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 24. Dezember 2018

Zum Auftakt des Weihnachtswochenendes in Operettenseligkeit schwelgen, das konnte man bei der Premiere des „Zigeunerbarons“ im Theater Pforzheim. Das erfolgreichste Bühnenstück von Johann Strauß vereint mitreißende Marschmusik, wiegenden Wiener Walzer, romantische Duette und freche Couplets, gewürzt mit pfeffrigem ungarischem Czsárdás. Viele Musiknummern der 1885 uraufgeführten Operette sind bekannt und beliebt, so etwa das Couplet des Sándor „Als flotter Geist“, die Arie des Zsupán „Ja das Schreiben und das Lesen“, die Arie der Czipra „Oh habet Acht“, das Duett von Sándor und Saffi „Wer uns getraut“ und der Schatzwalzer aus dem dritten Akt. So war es nicht verwunderlich, dass die freudige Erwartung im voll besetzten Theater geradezu spürbar war – und nicht enttäuscht wurde.

(...) Regisseur Wolfgang Quetes hat sich für eine traditionelle, in der politischen Aussage modernisierte Inszenierung entschieden, die dem Ensemble in den farbig zurückhaltenden Bühnenbildern von Manfred Kaderk Raum für Spiel und Aktion lässt. Die Kostüme von Anke Drewes zeigen andeutungsweise historische Bezüge.

Das spielfreudige Ensemble zeigte sich bestens disponiert, allen voran Stamatia Gerothanasi als Saffi, mit auch in den Höhen glasklarem Sopran. Neben ihr etwas blass Tenor Philipp Werner als Sándor Barinkay. Auf den Leib (und die kräftige Stimme) geschrieben war die Bass-Buffo Rolle des Kálmán Zsupán dem ausdrucksstarken Lukas Schmid-Wedekind. Einen geheimnisvollen Anstrich gab Dorothee Böhnisch der Czipra mit ihrem warmen Alt. Als reizendes Spiel-Pärchen gefielen Soubrette Elisandra Melián (Arsena) und Tenor-Buffo Arthur Canguçu (Ottokar). Einen einprägsamen Auftritt hatte Bariton Paul Jadach als Graf Homonay, der seinen Part energisch und stimmlich kraftvoll ausgestaltete. Mit viel Humor widmete sich Klaus Geber der Rolle des „Sittenkommissärs“ Conte Canero. Chapeau für Lilian Huynen, die am selben Tag die Rolle der Mirabella für die erkrankte Lisa Wedekind übernommen hatte und sich mit Textbuch, aber ansonsten nahtlos und mit viel Spiel- und Singfreude in die Handlung einfügte.

Stimmgewaltig der Chor und Extrachor, der umfangreiche Spiel- und Gesangspartien innehatte. Wohl dem Premierenfieber geschuldet waren zu Beginn Koordinationsschwierigkeiten mit dem Dirigenten. Kongenialer Partner des Geschehens auf der Bühne war im Orchestergraben die Badische Philharmonie Pforzheim unter Leitung von Yonatan Cohen. (...) Das begeisterte Premierenpublikum dankte mit langanhaltendem Applaus für diesen gelungenen Abend.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 24. Dezember 2018

Im Umfeld der Industrie ist nicht die beste Wohngegend. Die Armenhäusler gegenüber der Wurst und Fleischwaren-Firma stehen zwar nicht für Hungerlöhne in Diensten des Schweinefürsten Zsupán, sondern arbeiten „Kling, Klang“ in der Waffenindustrie. Sie gehören zum Gebiet des verlassenen Schlosses der Barinkay, deren letzter Erbe seine alten Besitztümer zurückerhält und von ihnen zum Zigeunerbaron gekürt wird. Mit diesem fragwürdigen Adelstitel hofft Barinkay auf bessere Chancen bei Zsupáns Tochter Arsena, die ihn abweist, worauf Barinkay sich die Zigeunerin Saffi schnappt. Gemeinsam künden sie so hinreißend vom Dompfaff und den Störchen, die sie getraut haben, dass in dieser Wunschkonzertnummer oft überhört wird, dass es sich um eine recht unkeusche Hymne auf die freie Liebe handelt. Es ist einer der wenigen Momente, wo Johann Strauß‘ populäre Operette „Der Zigeunerbaron“ von 1885 nicht den alten Ordnungen hinterhertrauert, sondern dreiste Unordnung vertritt.

Doch der österreichisch-ungarische Doppeladler muss am Pforzheimer Theater sowieso Federn lassen. Die in der Maria Theresia-Zeit spielende Operette untermauerte die in der Krönung des österreichischen Kaiserpaares zu ungarischen Königen hergestellte Einheit der k. und k. Monarchie. In der letzten Pforzheimer Inszenierung vor zehn Jahren hatte sich die als Tochter des letzten Paschas und somit als Fürstenkind erkannte Zigeunerin Saffi am Ende als Sissi präsentiert. Diesmal führt Wolfgang Quetes die Ungarn und Zigeuner in den Ersten Weltkrieg. Seine textliche Neufassung liegt dabei mit den historischen Verweisen auf die Schlacht bei Belgrad oder den Tajo-Strand teilweise überquer. Unter dem Appell des von Paul Jadach mit baritonaler Höhe gesungen Grafen Homonay und den mit Wein werbenden Rote-Kreuz-Schwestern werden die Männer zu den Waffen gerufen, „Serbien muss sterbien“. (...)

Die Operette spielt in dem damals zu Ungarn gehörenden Gebiet um Temesvar. Yonatan Cohen verschränkt magyarischen Csárdás und Wiener Walzerklänge anfangs zaghaft. (...) Barinkay stellt sich als flotter Geist vor, zeigt sich bald aber als Langweiler, den Philipp Werner mit berstendem Tenor, doch ohne Finesse sang. Stamatia Gerothanasi gibt der auf dem Dach hockenden und mit gemeißelter Akkuratesse singenden Saffi die Aura einer antiken Heldin. Vom alten Zigeunerhandwerk ist der von Dorothee Böhnisch mit lodernder Dramatik gegebenen Czipra die Kugel der Weissagerin geblieben. Lesen kann sie ebenso wenig wie der reiche Nachbar Zsupán, für den Lukas Schmid-Wedekind seinen prallen Bass aufbietet, weshalb sich der von Klaus Gerber als köstliches Abbild des Kaisers gegebene Sittenkommissar Carnero mit Kreuzchen auf der Begnadigungsurkunde für Barinkay begnügen muss. Nicht nur im hübschen Outfit der 1910er Jahre, mit denen Anke Drewes einen der wenigen Farbpunkte setzte, passen Elisandra Melián und Arthur Canguçu als Arsena und Ottokar bestens zusammen, und Einspringerin Lilian Huynen schenkt der Haushälterin Mirabella untrüglichen Bühneninstinkt. 

Mühlacker Tagblatt

Montag, 24. Dezember 2018

(...) Im Theater Pforzheim lässt jetzt der österreichische Regisseur Wolfgang Quetes, der zuletzt bis 2012 acht Jahre lang Generalintendant der Städtischen Bühnen Münster war, die Kirche sozusagen im Dorf. Er modernisiert die Geschichte nicht, sondern er berücksichtigt ihre ursprüngliche Herkunft, ohne deshalb ein Folklore-Spektakel in Szene zu setzen. Vielmehr setzt er, unterstützt von dem Bühnenbildner Manfred Kaderk und der Kostümbildnerin Anke Drewes auf Stilisierung. Damit wird die Aufführung der Vorlage gerecht, ist in sich glaubwürdig und überzeugt.

Graue aneinandergereihte, einfache Häuser auf der einen Seite und ein eher herrschaftliches Haus gegenüber, das ist der Platz, auf dem sich die Geschichte um Sándor Barinkay und Saffi auf der einen Seite und dem Schweinezüchter Kálmán Zsupán und seiner Tochter Arsena auf der anderen zuträgt, auf dem schon einmal ein Nachen im Hintergrund vorbeifährt oder eine Wäscheleine gespannt wird. Die Zigeuner tragen überwiegend dunkle Kleider, das Militär ist uniformiert, der Schweinezüchter und seine Gesellen können auch als Metzger durchgehen. Das Ganze ist im Wesentlichen realistisches Theater mit zuweilen komödiantischen Anklängen.

Die vielfältige Musik von Johann Strauß, von der ländlichen Zigeuneridylle über die Siegesmarsch-Begeisterung und burschikose Heiterkeit bis zu lyrischen, aber auch volkstümlichen Tönen ist bei der Badischen Philharmonie Pforzheim und dem enthusiasmierenden Dirigenten Yonatan Cohen in besten Händen. Nicht zu vergessen sind der Chor und Extrachor des Theaters sowie die Statisterie, die auch zum Erfolg der Aufführung beitragen.

Von den Solisten muss an erster Stelle Stamatia Gerothanasi genannt werden. Zu Beginn fast schüchtern, dann ihre Zurückhaltung zunehmend aufgebend, ist sie im Spiel eine ebenso einfühlsame wie ausdrucksstarke Saffi. Dazu kommt ihr schön geführter, klarer, hinsichtlich jedes Tons stimmender, gefühl- und ebenso glanzvoller, strahlender Sopran, der ihre Rollengestaltung zu einem musikdramatisch gekonnt gestalteten Erlebnis macht. In Philipp Werner als Sándor Barinkay hat sie einen sich redlich um sie bemühenden und schließlich auch erfolgreichen Partner mit einem kraftvollen Tenor. Allein schon in der äußeren Erscheinung überragt der kräftige, hochgewachsene, stimmlich mit Bassesfülle aufwartende Lukas Schmid-Wedekind als Schweinezüchter Kálmán Zsupán das gesamte Ensemble.

Klein dagegen sind die Sopranistin Elisandra Melián als Arsena und der Bariton Arthur Cangucu als Ottokar – beide aber ebenso oho  ! wie die erzkomödiantische Lilian Huynen als Mirabella. Eine imposante Erscheinung ist die Sopranistin Dorothee Böhnisch in der ansonsten einer Altistin anvertrauten Rolle der Zigeunerin Czipra. Der Bariton Paul Jadach gefällt als Graf Homonay ebenso spielerisch und stimmlich wie der Bariton Klaus Geber als Conte Carnero in der rundum geglückten Aufführung.