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Der Silbersee - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 7. Mai 2018

Arbeitslosigkeit, Existenznot, Hunger – die Zeit der Weimarer Republik und Weltwirtschaftskrise ist von Ausweglosigkeit geprägt. Diese Thematik haben Kurt Weill und Georg Kaiser in ihrer gesellschaftskritischen Schauspieloper „Der Silbersee – Ein Wintermärchen“ verarbeitet, die kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 18. Februar 1933 an gleich drei Theatern uraufgeführt wird. (...) Der Pforzheimer Theaterintendant, Thomas Münstermann, hat den Dreiakter nun als solidarisches Bürgertheater mit Gegenwartsbezug inszeniert, am Samstagabend feierte „Der Silbersee“ Premiere. Mehr als 30 Bürger, viele aus dem „Kultur Schaffer“-Verein, stehen mit Chor, Extra- und Kinderchor des Theaters sowie weiteren 20 Abendgästen als Gesellschaft in blauen Overalls (Kostüme: Alexandra Bentele) auf der Bühne, ziehen vorher mit Schildern durch die Stadt.

„Wir tragen den Hunger zu Grabe“ steht etwa darauf geschrieben, ein Spruch, mit dem das Stück beginnt: Die Armen und Außenseiter, die in Hütten am Silbersee leben, zwingen ihn mit Macht hinein. Doch vergeblich: Severin zieht mit vier Burschen in die Stadt, um einen Lebensmittelladen auszurauben. Er selbst nimmt eine Ananas mit. Auf der Flucht wird Severin von Landjäger Olim angeschossen, den bald das Gewissen plagt. Nach einem überraschenden Lottogewinn kauft sich Olim ein Schloss und nimmt den ahnungslosen Severin bei sich auf. Dieser sinnt auf Rache, kommt Olim auf die Spur. Doch die Geschichte wäre kein politisches, durchaus an Heinrich Heines satirisches Versepos anknüpfendes „Wintermärchen“, wenn es keine glückliche Wendung gäbe, keine hoffnungsvolle Botschaft: „Wer weiter muss, den trägt der Silbersee.“ Severin und Olim wird der Weg in eine bessere Welt geebnet, ob sich ihr Wunsch erfüllt, bleibt offen.

In Münstermanns Inszenierung werden die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Schuld und Versöhnung, Verzweiflung und Zuversicht sichtbar gemacht. (...) Höchst beeindruckend sind aber die gewaltigen Bildkompositionen, an denen der kommentierende Bürgerchor mit langen Stangen großen Anteil hat. Damit stochert die Menge wütend in dem Grabloch, treibt Olim bedrohlich in die Enge oder pustet Schneeflocken poetisch in die Luft. Die Bühne, überzogen mit einem Zahlen- und Buchstaben-Raster bleibt weitgehend leer, wird jedoch mal Wald oder Schloss – dargestellt durch die vielen Mitwirkenden in blauer Uniform. Mittels Tafeln, auf denen „Ulme“ oder „Hecke“ gemalt ist, und Vogelgezwitscher entsteht ein Garten, durch wellenartige Beinbewegungen ein Fluss.

Großartig ist vor allem das Schlussbild, bei dem sich alle auf den Rücken legen und nach und nach mit einem silbernen Tuch bedecken – der See friert zu und trägt die beiden Protagonisten. Im Hintergrund leuchtet Fennimore mit ihren Engelsflügeln wie ein Heiligenbild. Sie verkörpert wie im Märchen die gute Fee im roten Kleid, die Türen öffnet. Sopranistin Stamatia Gerothanasi gibt ihr eine liebreizende Gestalt mit flexiblem, aber wenig verständlichem Gesang. Bezaubernd ist ihr „Bananentanz“, makaber ihr Totentanz.

Angetrieben wird dieser von Frau von Luber (herrlich intrigant und herrisch: Lilian Huynen), einer entmachteten Adligen, die die alten Verhältnisse wiederherstellen will. In den Hauptrollen überzeugen Philipp Werner als verschlossener, rachsüchtiger Severin mit kraftvollem dunkelgefärbtem Tenor und Tomas Möwes als schleimiger, verzweifelter Olim. Schöne, wenn auch nur kurze Auftritte haben Elisandra Melián und Natasha Sallès als adrette Verkäuferinnen, Klaus Geber als boshafter Baron und Dennis Marr als äußerlich und stimmlich glänzender Lotterieagent. Musikalisch bewegt sich die halb gesprochene Oper zwischen vielen Stilen, erklingt mal walzerhaft leicht, mal marschmäßig breit. Weill hat Chansons und Foxtrott-Rhythmen mit Arien und großen Chornummern verknüpft. Die Badische Philharmonie gibt unter Leitung von Florian Erdl der Komposition ein buntes Klangbild. Das Publikum spendet langen Applaus.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 7.5.2018

Wegen des Raubs einer Ananas wird vermutlich auf keinen Dieb mehr geschossen. Severin erwischt es. Als er mit vier Hungernden einen Laden überfällt, wird er auf der Flucht vom Landjäger Olim angeschossen. Doch Olim gerät ins Grübeln, als er sieht, dass der Verwundete nur eine Ananas bei sich trug, und er will seine Tat gut machen. Ein Lottogewinn versetzt ihn in die Lage, das Schloss der Frau von Luber und des Barons Laur zu kaufen, wo er Severin pflegt. Frau von Luber benutzt ihre Nichte Fennimore, um die neuen Besitzer auszuspionieren. Severin erfährt, wer auf ihn geschossen hat. Er vergibt Olim. Da sich Frau von Luber das Schloss wieder angeeignet hat, fliehen Olim und Severin an den Silbersee, der unter ihren Füßen gefriert und sie, wie Fennimore prophezeite, sicher trägt, „Wer weiter muss, den trägt der Silbersee“. Ein Traum von einer demokratischen Entwicklung, der nur auf der Bühne trug.
Kurt Weills in Zusammenarbeit mit Georg Kaiser entstandener und in Leipzig sowie an zwei weiteren Bühnen am 18. Februar 1933 uraufgeführter „Silbersee“ war erfolgreich. (...)

Bereits bei der Anfahrt zum Pforzheimer Theater trifft man auf das Volk in Blaumännern, das Kernaussagen des Stücks hochhält: „Nur die Haltung, nur die Haltung darfst du nicht verlieren“. Für das Märchen vom Silbersee hat Thomas Münstermann ehrenamtliche „Kultur Schaffer“ rekrutiert, denen sich vor jeder Vorstellung Interessierte anschließen können, um auf der Bühne die Utopie bis hin zum zugefrorenen See umzusetzen. Sie tragen die Preisschilder im Laden, stellen Bäume dar, illustrieren Vogelgezwitscher, hantieren mit langen Stöcken, aus denen sie den Schnee rieseln lassen. Das 1953 in Karlsruhe erstmals seit seinem Verbot aufgeführte Stück gelangt nicht oft auf die Bühne. Münstermann, der es bereits 2002 in Osnabrück erprobt hatte, findet auf der nahezu leeren Bühne einen gut gangbaren Weg aus Stilisierung, Reduktion, Wir-spielen-Theater („peng, peng, peng“) und satirischer Überzeichnung, der so sicher trägt, wie der zugefrorene See im Frühling. Das Publikum schien jedenfalls vom schwer zu vermittelnden „Silbersee“ tief beeindruckt. (...) Den Sängern fiel es nicht durchgehend leicht, über die von Florian Erdl souverän gesteuerte bläserlastige Instrumentation von Kurt Weill zu dringen. Wie Weill die Sozialanklage Kaisers umsetzt, ist von hintergründiger Schlagkraft. Unter den 16 Nummern finden sich alle operntypischen Formen von der Grablegungsszene zweier Arbeitsloser, die entsprechend Weills Ideal einer Volksoper Verwandte von Mozarts Geharnischten aus der „Zauberflöte“ sind, über Gassenhauer-Märschen, wie „Schnall deinen Gürtel enger um ein Loch“, bis zum großen Chorfinale mit Kinderchor. 

Die ohrwurmhafte Walzertristesse der Verkäuferinnen (hoch besetzt mit Elisandra Melián und Natasha Sallés), die Tangoparodie des Lotterieagenten (rossinisüß Dannis Marr), Fennimores harfenbegleitete und unmissverständliche Ballade von Cäsars Tod (lyrisch eindringlich Stamatia Gerothanasi), ihr Bananentanz als Referenz an Chaplin und Josephine Baker, die vom trompetenhaften Tenor Philipp Wernes gestählte Odysseus-Arie des Severin, das obszöne Duett der alte Zustände herbeisehnenden und sich im Schlaraffenland suhlenden Adeligen (mit der sprachgewaltigen Lilian Huynen und Klaus Geber) und die melodramatischen Erkenntnisse des Olim (Tomas Möwes) sind markante Signale der Partitur. Hier findet der Songstil der „Dreigroschenoper“ zur großen Form, mischen sich Schauspiel und Oper auf so selbstverständliche Weise, wie es wohl nie wieder gelang.