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Pforzheimer Zeitung

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Mit lebhafter Leichte-Muse-Musik und großartiger bunter Kostüm-Inszenierung begeisterte am Freitag das Theater Pforzheim sein Publikum bei der Premiere der Operette „Der Bettelstudent“ von Carl Millöcker. Die Regie dieser großen Ensemble-Produktion, bei der die Badische Philharmonie Pforzheim, Chor und Extrachor beteiligt waren, leitete der freischaffende Regisseur Wolfgang Lachnitt. Großen Applaus erhielt der Tenor Dennis Marr, der die Hauptrolle gab.

Eine unverschämt große Staubwolke bläst aus dem dicken Buch, das Gefängniswärter Enterich nach seinem erzählerischen Prolog auf der Bühne zuschlägt. Aus dem fetten Wälzer hat er gerade die Vorgeschichte rund um den Oberst Ollendorf vorgelesen. Die Story mag manchem tatsächlich als angestaubt und von vorgestern erscheinen. Dem ist so aber nicht! Anno 1704 in Krakau, während der sächsischen Besatzung Polens, hat der dreiste Sachsen-Gouverneur Oberst Ollendorf der verarmten polnischen Grafentochter Laura nachgestellt und sie auf die Schulter geküsst. Mit der jüngsten „Me too“-Kampagne und den Aufdeckungen von sexuellen Totalentgleisungen „mächtiger“ Männer weltweit ist Carl Millöckers beliebte Wiener Operette, 1882 uraufgeführt, wieder einmal topaktuell. Die Pforzheimer Produktion verzichtet dabei bewusst auf Gegenwartsbezüge. Sie bietet schlichtweg so richtig Operette in Reinform vom ersten Auftritt an, wenn Thomas Möwes in der Rolle des Ollendorf sich singend durch die Reihen im Parkett auf die Bühne begibt.

(...) Dass sich die beiden allerdings verlieben, dass sie als Paar zueinanderfinden und sich alle Zwänge von Adelsstand und Geldnöten in Wohlgefallen auflösen – das ist der Stoff, aus dem die Operette ist. Angeregt und ermuntert wird dazu alles von der herrlichen Musik aus dem Orchestergraben – so Millöckers Kompositionsidee. Unter GMD Markus Huber hört man ein wunderbar leichtfüßiges Orchester, quirlige Bläser machen die polnische Mazurka fröhlich beschwingt und federnde Streicher liefern einen liebevollen Dreiertakt ab. Das hat besten Operetten-Drive. Da haben es die Solisten leicht, musikalisch wie spielerisch mitzugehen.

Franziska Tiedtke in der Rolle der Laura überzeugt als heller und sicherer Sopran, mal charmant, mal frech. Den Wechsel von der koketten Adelstochter, die sich aus Kalkül reich verheiraten will, hin zur tatsächlich Liebenden, nimmt man ihr vollauf ab. Bestens besetzt ist Dennis Marr als Bettelstudent: Stimmlich aufrichtig und mit Hingabe singt sich sein eher weicher Tenor in die Herzen des Publikums. Ein im Gegensatz dazu etwas schärferes Timbre hat Tenor Philipp Werner, der den anderen vermeintlichen Studenten Jan Janicki singt. Dass die stimmlichen Leistungen höchsten Ansprüchen genügten, war insbesondere in den großen Szenen mit Chor zu hören, etwa als bei „Trink uns zu“ aus dem Damenschuh der Schampus geschlürft wurde. Einzig an der Hörverständlichkeit einiger Sprechdialoge kann noch gearbeitet und verbessert werden. Doch der Gesamtinszenierung tut das kein Abbruch. Vor allem die von Christian Albert verantworteten Kostüme ziehen den Zuschauer in die Fantasien der Operettenwelt. Gut sitzende Gehröcke, fesche Stiefel, kokette Pluderhöschen und nicht zu vergessen die vielen Locken-Perücken, die von Ollendorfs barocker Löwenmähne über Symons stylischen Wet-Look á la Michael Jackson hin zur erotischen roten Haarpracht Lauras reichen. Als Bühnenbild (Jörg Brombacher) tauchen im Hintergrund riesige Gemälde auf, es sind die „Gemüseporträts“ von Giuseppe Arcimboldo, umgeben von überdimensionalen Blattgoldbilderrahmen. Das gibt dem Ganzen erst recht musealen Charakter und ist wohl als Statement zu verstehen: Belassen wir Millöckers Operette weitestgehend als Original, wie wir es auch mit Museumsstücken halten. Einstauben müssen die Sachen dort noch lange nicht.

Badische Neueste Nachrichten

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Unerhörtes ist in Krakau passiert. Gefängniswärter Enterich weiß von der Demütigung, die ein sächsischer Oberst erlitt, dem die polnische Komtesse Laura mit dem Fächer ins Gesicht schlug, nachdem er ihr durch einen Kuss auf die Schulter zu nahe gekommen war. Und schon fährt Oberst Ollendorf selbst in die Einleitung von Millöckers „Bettelstudent“ und erzählt seine Version von „Ach ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst“, die, damit es ja nur keiner vergisst, im Lauf des Abends mehrfach wiederholt wird. Die Bagatelle ist gewiss der Motor für eine der erfolgreichsten Operetten aus der goldenen Ära der Wiener Operette, die den besten Werken von Johann Straus in nichts nachsteht.

Wolfgang Lachnitt fasst am Theater Pforzheim Millöckers Operette neu, indem er sie zwar im historischen Ambiente von 1704 während der sächsischen Fremdherrschaft Krakaus belässt, aber durch den ironischen Unterton des folgenden „Kleider machen Leute“- Motivs ironisch bricht. Damit zieht er dem Werk in gestaffelten Goldrahmen (Bühne: Jörg Brombacher) mit den vieldeutigen Bild-Kompositionen Archimboldos einen doppelten Boden ein. Mit seiner säbelrasselnden Soldateska plant Ollendorf Rache. Im Gefängnis sucht er den bestaussehenden Insassen, den er, reich ausstaffiert, der Komtesse als Heiratskandidaten präsentieren will. Die Wahl fällt auf den Studenten Symon, der seinen Freund Jan als Sekretär mit in die Freiheit nehmen darf. (...)

Dennis Marr wagt mit zartem Tenor manchen stimmlichen Husarenritt und ist als angeblicher Fürst von darstellerischer Verführungskraft; mit massivem Tenor wirft sich Philipp Werner als Jan ins Geschehen. Als heimlicher Anhänger der polnischen Freiheitsbewegung sorgt er für die Rückkehr von Herzog Adam, der Symon adelt, auf dass die Komtesse standesgemäß unter die Haube kommt. GMD Markus Huber hat das mazurkengetränkte Juwel der Wiener Operette zur Chefsache erklärt und führt den Abend nach bemühten Anfängen zum heftig beklatschten Erfolg: „Befreit das Land, geknüpft das Band“.