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"Das Rheingold" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 17. September 2018

(...) Mit wenigen Ausnahmen aus eigenen Kräften besetzt, gelang eine eindrucksvolle und spannende Inszenierung, die beim Premierenpublikum im voll besetzten Haus großen Beifall fand. Intendant Thomas Münstermann hatte die Regie übernommen und, wie bereits bekannt, die Handlung in eine Zirkusarena verlegt. Das Orchester saß – wie im Zirkus üblich – hinten und oben über dem Eingang zur Manege. Die Sänger kamen deshalb dem Publikum – für ein Musikdrama von Wagner sehr ungewohnt – außerordentlich nahe. Das gab dem Spiel eine besondere Dichte und Intensität, erhöhte auch die Textverständlichkeit. Gerade die ist ja in Bayreuth mit seiner speziellen Theateranlage oft sehr problematisch.

(...) Der Zirkus mit seinen ganz unterschiedlichen Figuren und Charakteren ist ja eine bunte Parallelwelt aus Spaß und Ernst, aus Clownerien und Abgründen. Darin ist er den Märchenfiguren der Götter, Riesen oder Zwerge und deren Interaktionen bei Wagner gar nicht so unähnlich. Auch gibt es gerade im „Rheingold“ viele Momente von Illusion und Zauberei. Und wenn Regisseur Münstermann die Zirkusarena mit dem Weltenrund vergleicht, dann hat die Vorstellung viel für sich. (...)

Im Bühnenbild von Jörg Brombacher und den attraktiven Kostümen von Alexandra Bentele gelingt es dem Regisseur auf alle Fälle, die Geschichte lebendig, gestisch vielgestaltig und optisch reizvoll zu erzählen. Er findet für die Zaubereien gute Lösungen und nutzt den Spielrahmen optimal aus. Es gibt auch drastische Elemente, so wenn Loge Alberich den Finger abbeißt, um ihm den Ring zu entreißen, den er dann Wotan vor die Füße spuckt. Loge ist überhaupt der Spielmacher in dieser Inszenierung, der am Ende den Göttern auf ihrem Seiltanz nach Walhall hämisch grinsend folgt. Gerade das Schlussbild mit diesem Balanceakt auf einer Leuchtspur ist packend und schließt eine Inszenierung überzeugend ab, die vor allem durch ihre spielerische Qualität und deutliche Herausarbeitung der Beziehungen zwischen den Personen besticht.

Die Badische Philharmonie Pforzheim spielte unter Generalmusikdirektor Markus Huber Wagners Partitur in einer Fassung mit reduzierter Bläserbesetzung von Alfons Abbass aus dem Jahr 1905. Die erlaubt einen transparenten, gelegentlich kammermusikalischen Klang. Markus Huber sorgt in flüssigen Zeitmaßen für klare Abläufe, sicher angelegte dynamische Entwicklungen und prägnante dramatische Akzente. Er erweist sich als klug gestaltender Wagner-Interpret.
Lukas Schmid-Wedekind ist ein flexibel deklamierender Wotan von eher jugendlichem Zuschnitt. Dorothee Böhnisch stattet Gattin Fricka mit ihrem ausdrucksvoll geführten Mezzo nachhaltig aus. Paul Jadach als Donner, Theodore Browne als Froh und Stamatia Gerothanasi gefallen mit frischen Stimmen in den anderen Götterpartien. Halbgott Loge wird von Philipp Werner mit kraftvollem Tenor sowie ausgefeilter Diktion gesungen und mit starker Bühnenpräsenz verkörpert. Deutlich gezeichnet und musikalisch pointiert gestaltet wird auch der Alberich von Hans Gröning. Heeyun Choi als Fasolt und Aleksandar Stefanoski als Fafner haben die geforderte Fülle in den Basspartien der Riesen – und Dennis Marr liefert eine zugespitzte Studie als leidgeprüfter Mime. Lisa Wedekind modelliert sehr klangschön und ausdrucksvoll die Partie der Erda und ist mit Elisandra Melián und Anna Gütter ein brillantes Rheintöchter-Trio. Der Kultur- Schaffer-Verein ergänzt in den stummen Rollen der Nibelungen das Ensemble.
 

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 17. September 2018

(...) Im roten Ring rücken die Akrobaten, Artisten, Kraftkünstler und Tänzerinnen hautnah an die Zuschauer heran, während Markus Huber und die Badische Philharmonie im Sinn eines Zirkusorchesters im erhöhten Hintergrund über den Schminktischchen und dem roten Vorhang keine der einst populären Ring-Potpourris in Kurkapellen-Arrangements liefern, sondern die Fassung mit reduzierter Bläserbesetzung, die auch kürzlich beim „Ring“-Experiment am Theater an der Wien wieder zum Zuge kam. 

Vorsichtig hat Huber am Klang gefeilt. Fehlende Fülle und Prachtentfaltung gleicht er durch bewegte Artikulation aus, wobei die Badische Philharmonie nicht durchgehend über die geforderte Kondition verfügt, Huber breitet aber dem Ensemble im Vordergrund einen roten Teppich aus, auf dem es bequem schreiten kann. Sicherlich hätte man sich im Konversationsstück par excellence einen bewegteren, flexibleren, drängenderen Gestus und eine klarere Diktion vorstellen können. Herausragend Lukas Schmid-Wedekind als jugendlich wuchtiger Göttervater und Dompteur, dem nach anfänglicher Nervosität stimmliche Autorität zuwuchs. 

Mit Glanz und Kraft, als wolle er sich auch gleich für die anderen „Ring“-Teile empfehlen, war Philipp Werner ein mit Brandschwären überzogener heldentenoral gleißender Loge, Stamantia Geronthanasi gab der Freia mit silbrig dezidiertem Ton die Eleganz einer Hochseilartistin. Mit wütend berstendem Bariton steigerte Hans Grönig den Alberich zum Gegenspieler der Götter, während Dennis Marr den als exotischer Wilden gezeichneten Mime mit ungewohnt schöner Tenorsanftmut anging.

Wenig von der Regie gefordert wurden Dorothee Böhnischs aparte Fricke und die Kraftartisten Heeyun Choi und Aleksandar Stefanoski als Riesen. Theodore Browne führte sich als unerschrockener Froh im Fakir-Gewand als erfreulicher Ensemblezuwachs ein, der mit Paul Jardachs rauem Donner den Göttern den Weg nach Walhall bereitet. Hier sprengt die Inszenierung Jörg Brombachers Zirkus, nutzt Hebebühne samt Unterbühne mit den herrlich klagenden Rheintöchtern – Elisandra Melian, Anna Güttler und der im Rollstuhl auch als lyrische Erda waltenden Lisa Wedekind – als Huldigung an den Theatermagier Wagner. Das begeisterte Publikum wird vermutlich nicht erfahren, wie die Götter ihrem Ende zueilen. Zumindest nicht in Pforzheim. Hochtheatralisch startete Regisseur Münstermann in das Unterfangen und bannte auf den die Arena umgebenden Vorhang Erinnerungen an Josef Hoffmanns romantisch wilde Uraufführungsszenen. Dahinter die Rheintöchter, wie zu zähmende Wildkatzen auf Hochsitzen, umschwärmt vom Alphatier Alberich. (...)