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Pforzheimer Zeitung

Montag, 29. Mai 2017

Mit eindrucksvoller Musik und expressionistischem Bühnenbild begeisterte am Freitag das Theater Pforzheim sein Publikum bei der Premiere der Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith. Die Regie dieser großen Ensemble-Produktion, bei der Philharmonie, Chor und Extrachor beteiligt waren, leitete Intendant Thomas Münstermann. Stark applaudierte das Publikum insbesondere für Bariton Hans Gröning, der am Abend sein Debüt in der Hauptrolle feierte.

Vielstimmig und quirlig erregt tönt es gleich zu Anfang aus dem Orchestergraben. Die Bühne ist noch leer. Nur der schwarze Gazevorhang hängt herab. Darauf verschieben und ordnen sich weiß projizierte Flächen, Rechtecke und Trapeze, ein Dreieck. Das sieht der Musik ganz ähnlich, wo sich in Hindemiths gekonnt eigenwilliger Komposition zeitgleich auch kleine Fugen und Kontrapunkte finden und ordnen.

Da zieht plötzlich dieser Schatten durchs Bild: Gezückter Dolch, Mantelkragen hoch-, Schlapphut runtergezogen. Diese „Cardillac“-Inszenierung unter Münstermann lässt sich voll und ganz auf eine wunderschöne, expressionistische Stummfilm-Ästhetik ein. Mit Bildprojektionen wird eine abstrakte Stadtlandschaft auf verschiebbare Wandelemente und Treppen geworfen. Hier zählt der optische Kontrast. In schwarz-weiße Kostüme gesteckt, mit Melonenhut und Augenmasken versehen, regt sich das Volk von Paris über die unerklärten Mordtaten in der Stadt auf: Allen Opfern wurde Schmuck des angesehenen Goldschmieds Cardillac geraubt. Die groß angelegten Szenen mit der aufgebrachten Menge sind in der Pforzheimer Inszenierung besonders eindrücklich. Die Leute der Menge wirken mit ihren mechanischen Gesten wie fremdgesteuert, ihre gestreckten Arme mit Zeigefinger erinnern an den Hitlergruß, was durchaus eine stimmige Interpretation ist. (...) „Viele sind die Mörder“, singen sie und passenderweise ist der Chor in der Dynamik sehr präsent, dürfte allerdings auch keinen Tick lauter sein. Generalmusikdirektor Markus Huber hält das gesamte moderne Musikspektakel bestens zusammen. Insbesondere der Wechsel zwischen gewaltigen Klangbewegungen einerseits und den fein geführten Einzelstimmen andererseits, wie etwa das dem Cardillac zugeordnete Saxofon, ist beste Musikdramatik. Mit Ensemblemitglied Hans Gröning war die Titelrolle am Abend passgenau besetzt: ein vielseitiger Bariton, stimmlich mit zuverlässigem Volumen. Einfühlsam sensibel singt Gröning die Passagen, in denen der stolze Goldschmied seine von ihm geschaffenen Kunstwerke besingt. Scharf und kräftig gestaltet er musikalisch den seelischen Abgrund des Meisters, der seine Kunden meuchelt, um sich jene Kunstwerke wieder zurückzuholen. Auch schauspielerisch kommt der in Nacken und an Schläfen kahl rasierte Bösewicht gut rüber. Gen Schluss muss er sogar in die Tiefe stürzen, ins Scheinwerferfeuer hinter die Kulisse.

Franziska Tiedtke gibt als Cardillacs Tochter einen beweglichen Sopran und Steffen Fichtner beeindruckt als ihr Geliebter vor allem mit tenoraler Energie. Als Schwiegersohn in spe provoziert der junge Offizier den angesehenen Goldschmied, hält stimmlich agil gegen den massigen Starrkopf an. Der Gesang folgt bei Hindemith manchmal ganz unerwarteten Tonfolgen, was zwangsläufig zulasten der Verständlichkeit führt. Deshalb war es gut, dass die deutschen Operntexte als Untertitel überm Orchestergraben eingeblendet waren.

Die Oper „Cardillac“ erzählt von einer grundlegend falschen Vorstellung von Liebe. Der Vater Cardillac gibt seine Tochter bereitwillig, aber halbherzig zur Heirat her. (...) Im Hintergrund schwelt dabei, dass hier eine ganze Gesellschaft an einer falschen Vorstellung von Liebe krankt. Man liebt nicht partnerschaftlich, um den anderen zu stärken. Man liebt, um den eigenen Vorteil dabei zu erlangen. So funktioniert Faschismus, was Münstermanns Inszenierung gut heraus arbeitet.

Hervorragend inszeniert und musikalisch interpretiert war denn auch jene „stumme Darbietung“ am Ende des ersten Akts. Stimmlich gut vorbereitet von Dorothee Böhnisch (Sopran) als Dame, die ihrem Kavalier (Tenor, gesungen von Johannes Strauß) abverlangt, ihr ein Cardillac-Geschmeide zu bringen. In jener Szene wird nicht mehr gesungen, stattdessen hört man ein Flötenduo und wenn der Kavalier ermordet wird, schweigt die Musik ganz. Die Pforzheimer Opernbesucher sehen an dieser Stelle, wie sich der Gazevorhang senkt. Jener Schatten mit Schlapphut und gezücktem Dolch ist wieder da, wird größer und größer. Was für ein tolles Stummfilmbild.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 29. Mai 2017

Zur Ouvertüre verschieben sich auf der schwarzen Projektionsfolie weiße Vierecke; Dolchmorde als Schattenspiel und eine dämonisch von unten angestrahlte Titelfigur: (...) Der Goldschmied Cardillac ist ein Goldfetischist und Künstler, der in seiner Werkbesessenheit zum Mörder wird. Die Oper von Paul Hindemith, die jetzt anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zu 250 Jahren Goldstadt im Spielplan steht, wurde in der heute bevorzugten Originalfassung von 1926 aufgeführt.

Das Libretto von Ferdinand Lion basiert auf der Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann, stellt aber wie das gleichnamige Schauspiel von Otto Ludwig den besessenen Goldschmied in den Mittelpunkt. Die Badische Philharmonie Pforzheim unter der Leitung von GMD Markus Huber verleiht zwar einerseits den polyphonen Strukturen des Werkes Transparenz. Die kleine Orchesterbesetzung mit fast ebenso vielen Bläsern wie Streichern, dazu Schlagwerk und Klavier, wirkt in der Balance recht ausgewogen, verweilt dynamisch aber seltener im Mezzoforte, öfter im Forte, was den Sängern leise Töne verwehrt. Das Sängerensemble besticht indes durch klare Textverständlichkeit. Kraftvoll und in allen Lagen tragfähig ist der Bariton Hans Gröning als Cardillac mit Hitlerfrisur – als Leitklang begleitet ihn treu das sonore Tenorsaxofon. Cardillac trägt als Einziger einen Namen; alle anderen Figuren sind nach ihren Funktionen benannt.

(...) in der Pantomime zum innigen Duett für zwei Flöten dürfen sich Johannes Strauß als Kavalier und Dorothee Böhnisch als Dame auch körperlich näher kommen, bis Cardillac die Liebesnacht mit einem Dolchstoß beendet.

Stimmlich entsprechen Kavalier und Dame ebenso den Erwartungen wie Franziska Tiedtke als Tochter. Nur ihre Phrasierungsbögen geraten mitunter etwas kurz. Ihren Liebhaber, den Offizier, mimt Steffen Fichtner, der über einen scharfen, metallischen Heldentenor verfügt. Aleksandar Stefanoski als Goldhändler und Paul Jadach als Führer der Prévôte komplettieren das überzeugende Solistenensemble. Chor und Extrachor des Theaters Pforzheim schleppen ein wenig im ersten Bild, fangen sich aber schnell und stellen souverän und stimmgewaltig das zur Lynchjustiz bereite Volk dar. Das Publikum dankte Sängern, Orchester und Regie mit lange anhaltendem Applaus.