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Badische Neueste Nachrichten

Montag, 27. Februar 2017

Ein Machwerk. Ein geniales. (...) Erst Ende der 1980er Jahre kristallisierte sich an der Scottish Opera in einer von Justin Brown, dem Karlsruher Generalmusikdirektor, dirigierten Aufführung eine praktikable Form heraus. Auf diese stützt sich jetzt auch das Theater Pforzheim, das sich nach Weills „Street Scene“ und Bernsteins „West Side Story“ neuerlich dem sich zwischen europäischer Operette und amerikanisch realistischer Broadway Opera sondierenden Musiktheater der Neuen Welt zuwandte.

(...) In seinem negativen Märchen machte sich Voltaire zwar über naiven Optimismus und Utopiegläubigkeit lustig. Doch die aus der „reinsten Glückseligkeit“ eines Schlosses in Westfalen vertriebenen, geschändeten, gestrandeten, getöteten und wieder belebten Gestalten, die den siebenjährigen Krieg und das Erbeben von Lissabon, Sklaverei und religiösen Fanatismus, Kriege und menschliche Niedertracht, Syphilis und Ausschweifungen erdulden, Kannibalismus und sich mit Affen paarende Menschen erleben, die von der Langeweile eines Lebens in Luxus geplagt werden und ihrer Vergangenheit Lebewohl sagen: Sie finden sich schließlich auf einem kleinen Bauernhof wieder: „Das Leben ist weder gut noch schlecht. Das Leben ist Leben, und alles, was wir wissen“. Also pflanzen Cunegonde und Candide ein Bäumchen.

(...) Den Gartensaal des Rokokoschlosses mit der kulissenhaft angebundenen Parkanlage macht Dirk Steffen Göpfert als Theater deutlich, in dem die schweren Samtvorhänge, die Spiegel, Bücherwände und das Kaminsims neue Funktionen übernehmen und sich die Wandpaneele lösen bis endlich im Venedig-Bild die Bühne nur noch Bühne ist. Theatralischer Furor, der von Kathrin Hegedüschs historisch fantastischen Kostümen unterstützt wird. In den sich teils überstürzenden, teils grotesk verzerrten Geschehen behält Fuchsberger die Übersicht, lässt die Satire nie zur Farce, den Spott nie zum Klamauk werden, wahrt eine rokokosanfte Ironie, die den galligen Witz und Humor des glänzenden Textes zur Geltung bringt.

Virtuos verwandelt sich Bernsteins Musik von Szene zu Szene, wirft sich sozusagen immer ein neues Kostüm über und lässt sich vom rhythmischen Wirbel der brillanten Ouvertüre bis zur emotionalen Wucht des Schlusschors in keine Schublade stecken. Da ist alles drin. Der ätzende Spott, mit dem Lehrer Pangloss Candide überschüttet, wird so wienerisch operettenleicht wie das Sahnehäubchen auf einer Torte serviert. Cunegonde, die eine Massenvergewaltigung hinter sich hat, singt ihre Juwelenarie „Glitter And Be Gay“ als Reminiszenz an französische Opéra Lyrique des 19. Jahrhunderts, was der dabei am Kronleuchter jonglierenden Elisandra Melián ausgezeichnet gelingt. Candides Mediationen, die Johannes Strauß mit keuscher Intensität und kindlicher Aufrichtigkeit singt, besitzen die Sanftmut einer Haydn-Arie. Spätestens mit „Candide“ hat Mino Marani sein Gesellenstück geliefert. Mit der Badischen Philharmonie reizt er alle Spielarten von Wagner bis Zwölftonmusik elegant und kabarettreif aus, wie im Tango der Alten Lady, deren bizarre Attitüde Anna Agathons mit einer charaktervoll zerfurchten Stimme sang, und nimmt das Stück in den ausdehnten Ensemble- und Chorpassagen als großes Musiktheater ernst. Das Ensemble, darunter Danielle Rohr, Paul Jadach, Kwonsoo Jeon und Cornelius Burger, wird in zahlreichen Rollen als Seeleute und Sklaventreiber, Indianer, Inquisitoren, Baron und Gouverneur gefordert. Das letzte Wort gehört dem wandelbaren Chris Murray, der als Voltaire wie als Erzieher Pangloss, durch das Stück führt: „Noch Fragen?“ Einfach hingehen.

Pforzheimer Zeitung

Montag, 27. Februar 2017

Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung. Sie ist, wie Doktor Pangloss sie propagiert – „die beste aller möglichen“. (...) Am Ende ist er um die ganze Welt gereist, muss enttäuscht eingestehen, dass es kein Eden gibt, und auch keine unschuldige Angebetete. Leonard Bernsteins komische Oper „Candide“, die im Theater Pforzheim Premiere feierte, basiert auf der Satire „Candide oder der Optimismus“ von Voltaire – einer bitterbösen, philosophischen Abrechnung mit der Weltanschauung von Leibnitz, der sich im Stück hinter dem Lehrer Pangloss versteckt.

Dessen blindem Optimismus wird das reinste Chaos gegenübergestellt, bei dem kirchliche und staatliche Würdenträger verspottet werden. So auch in der Inszenierung von Magdalena Fuchsberger: Den roten Faden durch die 180-minütige Aufführung spannen zwei große weiße Bücher mit den Aufschriften „Optimismus“ und „Zweifel“, ein glitzernder Kronleuchter und der runde Bühnenboden, der wohl die Welt bedeuten soll (Bühne: Dirk Steffen Göpfert).

Die beiden Sockel mit Globus, Leibnitz-Büste und dessen Thesen bleiben dagegen nicht lange stabil. (...) Oper, Operette und Musical treffen auf absurdes Theater mit Kitsch, Karikaturen und überladener Symbolik – und einem Kostümmix aus Pierrot-Look, Barock und Petticoats der 1950er-Jahre (Kathrin Hegedüsch). Betont wird vor allem das kirchen- und frauenfeindliche Thema.

Neben Hinrichtungen mit Galgenhumor gibt es Vergewaltigungen, Krieg, Sex, Sklaverei und Prostitution. Und eine Vielfalt an Musikstilen, die von breiter Walzerseligkeit über spanische Habanera und argentinischen Tango bis hin zu Polkas, Opernarien, Jazz und kurzen Klezmer-Anklängen reicht. Der Badischen Philharmonie unter Leitung von Mino Marani gelingt ein farbenprächtiges Potpourri, das bei den anfänglichen Erzählpartien etwas zurückhaltender hätte sein können. Star des Abends ist Chris Murray, der wie die meisten Darsteller mehrere Rollen verkörpert: den Erzähler Voltaire mit französischem Akzent, den stolzen Pangloss und den listigen Südamerikaner Cacambo. Als pessimistischer Holländer Martin bekommt Murray auch gesanglich Gelegenheit aufzutrumpfen – mit dem Auslach-Song „Words“. Johannes Strauß (...) überzeugt aber bei seinen traurigen Tenorarien mit viel Gefühl und lyrischem Schmelz. Äußerst präsent und stimmlich herausragend ist die Sopranistin Elisandra Melián als glamourliebende Cunégonde. Ihre Koloraturarie im Kronleuchter „Glitter and Be Gay“ meistert sie mit Bravour. Ein graziles Tanzpaar verkörpert das Traumbild der beiden.

Zu den sängerischen Höhepunkten gehören die Tangonummer der ausdrucksstarken Mezzosopranistin Anna Agathonos als Old Lady und die Arie von Kwonsoo Jeon als südamerikanischer Edelmann. Danielle Rohr gibt eine lebhafte Paquette, Paul Jadach zeigt seine komische Seite unter anderem als Maximilian. Nicht immer gelungen sind die Choreinlagen mit Inquisitoren, Paradiesbewohnern oder Sklaven. Das Premierenpublikum spendet tosenden Applaus.