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Pforzheimer Zeitung

Dienstag, 4. Oktober 2016

Den Swing und Jazz der 1920er-Jahre bringt das Musical-Ensemble von „Sugar – Manche mögen’s heiß“ auf die Pforzheimer Theaterbühne. Mitten drin: Jula Zangger als Marilyn-Monroe-Double. Fotos: haymann Mit viel ulkiger Bühnenkomik, pfiffigen Tanzideen und verlässlichem Broadway-Swing begeisterte das Theater Pforzheim sein Publikum bei der Premiere des Musicals „Sugar – Manche mögen’s heiß“. Die Regie dieser großen Ensemble-Produktion, bei der Philharmonie, Chor und Ballett beteiligt waren, leitete Intendant Thomas Münstermann. Er traf damit exakt den Publikumsgeschmack. Riesenapplaus!

Blonde Marilyn-Perücke, silbernes Glitzerkleid und – während aus dem Orchestergraben lautstark satter Big-Band-Sound tönt – eine kleine Ukulele im Arm. So stimmt Jula Zangger alias „Sugar“ Kane gleich zu Anfang des herzerfrischenden Musicals ihr eigenwilliges Loblied auf Chicago an und singt treffsicher „Oh, wie toll hier“. Auch das freilich ist – wie die Ukulele – so eine ironische Brechung. Denn Stadt und Publikum sind voller Gangster. Sie tanzen und steppen im Pforzheimer „Sugar“ elastisch und windig über die Bühne, tragen Trenchcoat, Al-Capone-Hut, Sonnenbrillen und als besondere Lachnummer einmal aufblasbare Maschinenpistolen über die Bühne. Das stereotype Kolorit des Chicago von 1929 wird in dieser Produktion gekonnt mit Klischee und Quatsch vermengt. (...)

Das männliche Traumpaar in Pforzheim waren bei der Premiere (es gibt ein weiteres Setting) Robert Besta als stellungsloser Bassist Jerry, der sich später in Daphne wandelt, und Julian Culemann als ebenfalls arbeitsloser Saxofonist Joe, der später Josephine wird. Beide liefern beste Musical-Präsenz, stimmlich durchweg sicher und einfühlsam, wobei die Tonabnahme und Mischung via Kinnmikrofon ein hervorragendes Klangbild in den Saal lieferte.

In der Story geraten die beiden arbeitslosen Jazzmusiker zufällig auf die Abschussliste des Gangsterbosses Spats Palazzo. Johannes Blattner spielt ihn mit fiesem Italo-Akzent, fest entschlossen, die beiden überall hin zu verfolgen und zu fassen. Deshalb verkleiden sich die Musiker als Frauen und heuern bei jener Damen-Jazz-Kapelle an, in der „Sugar“ Kane singt. Jula Zangger spielt das herzerfrischende, naive Blondchen wunderbar. Sie singt das „Boobledeeboo“ nett, sexy, überzeugend. Kein Wunder, dass sich Jerry und Joe in sie verknallen, als sie auf Tournee nach Florida fahren. Aus den befreundeten Männern in Frauenkleidern werden Rivalen. Wie sich die Stimmung ändert, wandelt sich auch die Szenerie, wobei die Pforzheimer Produktion hier auf lückenlose Schnelligkeit setzt. Hauptspielort ist ein großer abstrahierter Kontrabass (Bühne von Thomas Mogendorf), der wandlungsfähig genutzt wird als Theatersalon, Zugabteil und Jacht im Hafen von Miami.

Dort in Florida verguckt sich der heiratswütige Millionär Sir Osgood Fielding (köstlich gegeben von Klaus Geber) in Daphne. Der – damals unerhörte – Witz des Stücks ist nun, dass Daphne beziehungsweise Jerry nach einem Abend mit Osgood und wegen der Aussicht auf Reichtum durchaus den Gedanken zulässt, Osgood zu heiraten. Dass hier – begleitet von sanften Streichern, gestopfter Trompete und kindlich unschuldigem Glockenspiel – durchaus die tiefe Romantik von großem Musiktheater drin steckt, hätte man auch dicker auftragen können. Aber sei’s drum. Für Musical-Fans im Südwesten ist die Pforzheimer „Sugar“ jedenfalls ein Muss.

Badische Neueste Nachrichten

Dienstag, 4. Oktober 2016

Es ist Daphnes letzte Chance, sich durch die Heirat mit einem Millionär materiell abzusichern. Zunächst widerstrebend, dann aber mit zunehmender Begeisterung erliegt sie dem fordernden Tangoschritt des betagten Sir Osgood Fielding, der nach sieben oder acht Ehen neuerlich bereit ist, auf seiner Jacht Neu-Caledonia in den Hafen der Ehe zu stechen. Von Daphne sind alle angetan, auch die Girls der „Society Syncopators“, die sich bei Kleiderproblem helfen oder in Stilfragen beraten lassen und sich während der Fahrt im Schlafwagenabteil beim verbotenen Alkoholgelage an sie kuscheln.

Dabei hat Daphne genügend eigene Probleme, plagt sich mit dem Sitz ihres BHs, mit der verrutschten Perücke, müsste sich die Beine rasieren – und überhaupt scheint sie vergessen zu haben, dass sie ein Mann ist und eigentlich Jerry heißt. Zusammen mit Joe geriet er in Chicago zwischen die Fronten zweier Gangsterbanden, worauf die beiden als einzige Zeugen gejagt werden und in einem Damen-Orchester, das nach Miami aufbricht, unterschlüpfen. Trotz ihrer tantenhaften, aus einem Beerdigungsinstitut entliehen Kleider und dem verdächtig unsicher stöckelnden Schritt fliegenden den stellungslosen Musikern die Herzen zu.

(...) Es hat nicht die Kraft von Bernsteins „West Side Story“, an deren Inszenierung Thomas Münstermann anknüpfen will, doch mit der Könnerschaft und dem Funkeln des Ensembles macht der Intendant einen begeistert gefeierten Abend, der am Theater Pforzheim zum Renner der Saison werden könnte.

Großes Musical-Gepränge mit einem von Thomas Mogendorf entworfenen riesigen Bass, dessen Steg Showtreppe und Zugang zur Jacht ist, und in dessen Bauch die Drehbühne alle Spielorte unterbringt. Münstermann setzt auf 1920 Jahre Nostalgie, die Präzision in den intimen Bildern und Pep in den Ensembles besitzt. Alle Herzen fliegen Daphne alias Joe zu. Wie Robert Besta mit seinem Nachthemd kämpft und pfriemelt und sich das weite Ding irgendwie zwischen die Beine fummelt, dem klangvollen Bariton mütterlichen Honigschmelz abtrotzt, aber doch auch wieder Stier sein und nicht von jedem Mann in den Hintern gekniffen werden will, und wiederum beseelt vom Gedanken an seine Verlobung aufs Bett schwebt, ist amüsant und sehenswert. Zusammen mit Julian Culemann als Joe/Josephine dekliniert er alle Facetten der Verkleidungs-Klamotte und Geschlechterkomödie durch, wobei Joe immer wieder zu seinem männlichen Ich zurückfindet, um als vermeintlicher Shell-Spross die Ukulele-Spielerin Sugar Kane zu gewinnen.

Neben „I Wanna Be Loved By You“, einem Song aus den 20er Jahren, den die Monroe im Film sang und mit dem Jula Zangger als Sugar zeigte, wie wandlungsreich das Pforzheimer Ensemble aufgestellt ist, gehört das Duett zu den wenigen Ohrwürmern in Stynes Musik, über deren Leerstellen Tobias Leppert mit der Badischen Philharmonie forsch und mit Elan hinwegsah. Ein weiterer Hit ist der „November“-Song Oswoods, den Klaus Geber mit draufgängerischem Senior-Bariton gibt; außerdem gehört ihm der Satz des Abends, „Keiner ist perfekt“. Perfekt ist dafür die Aufführung eines nicht ganz so perfekten Musicals.