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Pforzheimer Zeitung

Montag, 10. April 2017

(...) Das Musical „Shylock“, das am Pforzheimer Theater seine Deutsche Erstaufführung erlebte, bemüht sich um Verständnis, warum hinter dem Klischee des ambivalenten „Unmenschen“ Shylock eine anrührende Geschichte steckt. (...)

Diese moderne Version, zu der die gefeierte Mezzosopranistin (und ehemalige Innsbrucker Intendantin) Brigitte Fassbaender den Text und Stephan Kanyar die Musik schrieben, hatte 2012 am Tiroler Landestheater Innsbruck ihre Uraufführung. Das Stück richtet sein Augenmerk ganz auf den Wucherer Shylock und blendet große Teile der Handlung weitgehend aus. Dafür aber wird in eingefügten Details und großen Rückblenden das Leben des vorgeblich so „bösen“ Juden als eine schmerzliche Abfolge von Zurücksetzungen, Beschädigungen und Misshandlungen erzählt, die der Figur zunehmend das Mitleid der Zuschauer sichert.

(...) musikalisch hat es durchaus seine Vorzüge. Die Komposition von Kanyar wartet mit einer Reihe von schönen Ohrwürmern auf, setzt in großen Rockballaden, bewegten Ensembles und intimen Szenen auf bewährte Muster des Genres und bewegt sich im klingenden Mix von knalligem Blech, treibendem Schlagwerk und atmosphärischem Streichersound stilistisch zwischen „Anatevka“, „Cats“ und „Les Miserables“, ohne deswegen zu einer wirklich eigenen Tonsprache zu kommen. In der fetzigen, engagierten Wiedergabe durch die animiert aufspielende Badische Philharmonie unter Tobias Leppert kommt dennoch eine mitreißende Aufführung zustande.

Vor allem aber ist es die ideen- und temporeiche Regie von Alexander May, die das Werk zu einem einmütigen Erfolg macht. Auf der geschickten Bühne von Isabell Kittnar, die auf verschiedenen Ebenen zwischen dem tristen Tresorkeller als Shylocks Reich und dem verspielten Ambiente der Nebenhandlung auch optisch eine hohe Spannung wahrt, lässt die Inszenierung in virtuos gemachten Schattenspielen die Vergangenheit des traurigen Helden Revue passieren.

Unbezweifelbare Stütze der Einstudierung ist der famose Chris Murray, der den Shylock durch seine imponierende stimmliche Leistung und darstellerische Bravur zwischen abscheulicher Bosheit, greller Raserei und anrührender Verletzlichkeit faszinierend vielgestaltig anlegt. Sein Gegenspieler Antonio gerät bei dem glänzend singenden Paul Jadach als allzu schrillem, gelbblondem Siegfried-Typ ein wenig plakativ, Philipp Moschütz als besorgter Freund Bassiano und Tobias Bode als Lorenzo steuern in Spiel und Gesang unauffällige Studien bei. Bei den sängerisch vorzüglichen Damen ist Danielle Rohr eine energische, klug agierende Portia, und Caroline Zins als Shylocks geliebte Tochter Jessica gibt der emotionalen Zerrissenheit des Mädchens glaubwürdige Kontur. Der verlässliche Theaterchor tritt solistisch in kleineren Partien, aber auch im bizarren Kollektiv der venezianischen Kanalratten wirkungsvoll in Erscheinung.

Der Pforzheimer „Shylock“ verdient die stehenden Ovationen, mit denen das begeisterte Premierenpublikum nach wiederholtem Zwischenapplaus den zweieinhalbstündigen Abend feierte.

Pforzheimer Kurier

Montag, 10. April 2017

(...) Doch dann setzt das Geschehen um den Kaufmann Antonio und den Geldverleiher Shylock ein. Shylock hasst Antonio – so sehr, dass er ihm ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden will. Wie konnte es so weit kommen?

Von Ausgrenzung und Hohn, Verbitterung und Rache handelt das Musical „Shylock!“, das nun in deutscher Erstaufführung am Theater Pforzheim Premiere hatte: Über zwei Stunden voller emotionaler Bilder und abwechslungsreicher Musik, vom Publikum am Ende mit Standing Ovations honoriert. Besonderer Jubel galt dem Sänger Chris Murray, der die Titelrolle bereits bei der Uraufführung des Musicals 2012 in Innsbruck verkörpert hatte.

Librettistin Brigitte Fassbaender und Komponist Stephan Kanyar haben „Shylock!“ an die umstrittene Shakespeare-Komödie „Der Kaufmann von Venedig“ angelehnt, aber die Perspektive gewechselt: Im Zentrum steht nicht der christliche Kaufmann Antonio, sondern der jüdische Geldverleiher Shylock – eine Figur, die von den Nationalsozialisten für antisemitische Propaganda missbraucht wurde. Fassbaender und Kanyar zeigen nun einen Menschen, der sein Leben lang Außenseiter war, vergeblich Gerechtigkeit verlangte und sich in den Wunsch nach Rache hineingesteigert hat.

Am Theater Pforzheim agiert Shylock in einem kalt beleuchteten Tresorraum (Ausstattung: Isabelle Kittnar); Schließfächer bergen seine Erinnerungen, die schönen und die meist bitteren. Regisseur Alexander May hat die Rückblenden als Schattenspiele inszeniert: eine Aneinanderreihung von Herabsetzungen und Demütigungen, die Shylock von Kind an erlebte und die er meist Antonio zu verdanken hatte. (...) Die schwerwiegendste Erinnerung ist doppelt präsent, vor und hinter der Wand: Shylock bittet um einen Arzt für seine in den Wehen liegende Frau, doch Antonio hält den Arzt auf seiner Party fest. Shylocks Frau stirbt.

Musikalisch ist „Shylock!“ durchkomponiert und kommt fast ohne gesprochene Passagen aus. Die Musik verbindet verschiedene Stile, dramatische Songs, große Balladen, innige Duette und komplexe Ensemblestücke. Neben Chris Murray, der als Shylock mit seiner Bühnenpräsenz und Stimmgewalt herausragt, überzeugt Paul Jadach als Antonio. Philipp Moschitz singt und spielt Antonios ehemaligen Liebhaber Bassanio, Danielle Rohr die Anwältin Portia, Caroline Zins Shylocks Tochter Jessica, Tobias Bode deren Liebhaber Lorenzo. Die Badische Philharmonie Pforzheim lässt die Stimmungen und Gefühle musikalisch plastisch werden – die Höhenflüge ebenso wie die Abgründe. Eine zwiespältige Rolle spielt der Chor des Theaters Pforzheim, der mit seinen Kostümen und Bewegungen an Ratten erinnert: Unmittelbar nachdem Shylock von den Wänden seines Tresorraums erdrückt worden ist, nachdem alle übrigen versucht haben, das Geschehene zu verarbeiten – „weiterleben – irgendwie“ –, hungern die Bewohner von Venedig schon gierig nach den nächsten Neuigkeiten.