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Das Orchester

Ausgabe 6/2018

Die leichte Muse pflegt das Theater Pforzheim mit seiner Musiktheatersparte auf höchstem und bestem Niveau: Mit dem Musical „La Cage aux Folles“ zeigte das Haus im März 2018 eine quirlig-erotische und temporeiche Ensemble-Produktion, die vor allem durch die künstlerische Vielseitigkeit der Darstellung in Tanz, Schauspiel und Gesang überzeugte, und auch durch die Musik! Aus dem Orchestergraben klang verlässlicher Broadway-Sound mit Drum-Set-Unterstützung, swingenden Blechbläsern, auch mit Banjo und als akustischem Glamour-Effekt freilich Glockenspiel.

Die Badische Philharmonie unter Leitung von Tobias Leppert war an jenem Premierenabend ein mehr als glaubwürdiges Musical-Orchester. Gut, dass Pforzheim jenen „Käfig voller Narren“, wie die ins Deutsche übersetzte Fassung heißt, in den Spielplan aufgenommen hat. (...) 
In der Pforzheimer Inszenierung von Gastregisseur Anatol Preissler gibt Mark Weigel einen generösen Georges im Glitzer-Jackett, der den Club „La Cage aux Folles“ in St. Tropez betreibt. Größter Star in dem Etablissement ist Georges Lebenspartner Albin, der in den Travestie-Shows als „Zaza“ auftritt. In Pforzheim spielt und singt diese Rolle meisterhaft das Ensemble-Mitglied Philipp Werner. Den populären und wichtigsten Song des Musicals „Ich bin, was ich bin“ gibt der Tenor sehr innig und durchweg einfühlsam für die in der Musik angelegte Steigerung der persönlichen Emanzipation. Dafür gab es rasenden Beifall im ausverkauften Haus. Hier zeigte sich der Riesenvorteil der deutschsprachigen Version. Bei hundert Prozent Textverständnis ist das Publikum zu maximaler Empathie mit den gezeigten Charakteren fähig. (...) Ein abgerundeter, angenehmer Ohrenschmaus!

Fürs Auge gab’s die sexy Stars der Balletttänzer: Mit gestreckten Männerbeinen in Netzstrümpfen und beherzten Sprüngen in den Spagat wurde das volle Programm an Revue-Ästhetik geboten. Wie gesagt: Leichte Muse auf höchstem Niveau. Nach „Sugar“ (Manche mögen’s heiß) von 2016 und nach der erstklassig gemachten Operette „Der Bettelstudent“ vom Dezember letzten Jahres wird die Spielplanrichtung mit dem „Käfig voller Narren“ bestens weitergegangen. 

Doch Pforzheim kann auch anders… Im Mai kam das Theater Pforzheim mit der Oper „Der Silbersee“ von Kurt Weill heraus. Die Texte hierfür lieferte in den späten Weimarer Jahren der Dramatiker Georg Kaiser und er entwarf darin die „hoffnungsvolle Utopie einer solidarischen Gesellschaft“. Geradezu sinnbildlich waren für diese Produktion Freiwillige zur Mitwirkung eingeladen. Es wurde echtes Bürgertheater auf die Bühne gebracht. 

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 216. März 2018

Noch ein bisschen mehr Mascara – Albin schminkt sich großzügig die Furcht vor dem Älterwerden und der Vernachlässigung durch seinen Partner Georges weg. Ganz die kapriziöse Diva lässt er sich zu seinem Auftritt als Zaza im „La cage aux folles“ beknien und wirft sich die Federboa um. Hätte er geahnt, dass Georges’ Sohn Jean-Michel, den er mit großgezogen hat, ihn beim Besuch der künftigen Schwiegereltern als wenig präsentablen Mutter-Ersatz nicht dabeihaben möchte, hätte er noch mehr geschmollt.

Mit der Ankündigung, er werde heiraten, treibt Jean-Michel seinem Vater Georges ein Messer ins Herz. Da spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass der Vater der Braut, der Abgeordnete Dindon, als Repräsentant von „Tradition, Familie und Moral“ die Travestieclubs an der Riviera schließen und damit Georges und Albin die Lebensgrundlage entziehen will. Der Aufeinanderprall der grundverschiedenen Familien bezieht seine zusätzliche Pointe aus Albins größtem Auftritt: Als Einspringerin für Jean-Michels mal wieder verhinderte leibliche Mutter mischt er die verstockte Situation in seiner Lebensrolle als Dame des Hauses auf. (...)

Ansonsten kann sich Anatol Preisslers Inszenierung auf die besondere Sogkraft von Hermans Musik und Harvey Fiersteins Buch verlassen, die Mischung aus Sentimentalität und großer Show, aus beinschleudernder Travestiekunst, schwulen Eheproblemen und Liebesromantik beim Abendspaziergang von Georges und Albin. Auch wenn Preissler die Ankunft der Dindons im dem von allem plüschigen Zierrat bereinigten und nun übertrieben spartanischen Interieur mit der feinen Doppelbödigkeit einer Feydeauschen Komödie einfädelt, liegt sein Hauptaugenmerk naturgemäß auf dem Glitter des Travestieclubs. Georges und Albins
Welt ist die Bühne, was Heiko Männich dadurch unterstreicht, dass er nahezu alle Szenen auf, hinter und neben der Bühne zeigt und dem Zuschauer die Verwandlung des schwulen Haushalts, in dem Johannes Blattner als stolze Jacobine ihr schelmisches Regime führt, in eine Mönchszelle vorenthält.

Die Aufführung hat ihren Star in Philipp Werner als in jeder Hinsicht gewaltige Diva Albin/Zaza. Ob im Paillettenkleid mit Federn, mit weißer, schwarzer oder brauner Perücke oder blondgelockt im züchtigen Kostüm, Werner sieht nicht nur fabelhaft aus, sondern zeigt auch heldentenorale Glanztöne. Am anrührendsten ist er in dem kleinen Chanson im Restaurant: „Die schönste Zeit ist heut“. Da öffnet auch Lilian Huynen als Wirtin Jacqueline die Schleusen ihrer Stimme und presst den Dindons die Einwilligung zur Hochzeit ab, nachdem Albin in der Ekstase des Erfolgs in gewohnter Manier seine Perücke vom Kopf reißt und der Politiker erkennt, in
welchen „Unrat“ er geraten ist.

Mit leichtem Plaudergesang und conferencierhafter Gelassenheit ist Mark Weigel der elegante Mann an Albins Seite. Neben diesem Traumpaar haben nur die Cagelles des Pforzheimer Balletts eine Chance, alle anderen, die sich mit unterschiedlicher Fortune den Gesangsaufgaben stellen – Bernhard Meindl als Jean Michel, Klaus Geber als Eduard Dindon, Gabriela Zamfirescu als Gattin, Konstanze Fischer als Anne – sind nur Staffage für eine unkonventionelle Liebe, die mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.

Pforzheimer Zeitung

Montag, 26. März 2018

Willkommen, bienvenue, welcome“ – nein, nicht im „Cabaret“, wie die Anfangssequenz vermuten lassen konnte, sondern im „Käfig voller Narren“ (La Cage aux Folles), der mit einer umjubelten Premiere im Theater Pforzheim seine Pforten öffnete. (...)

Georges betreibt mit seinem Lebenspartner Albin den Club „La Cage aux Folles“ in St. Tropez. Gefeierter Star der frivolen und glitzernden Travestie-Shows ist Albin, der als Zaza das Publikum begeistert. Ein Konflikt ergibt sich aus dem Heiratswunsch des Sohnes von Georges. Den Brauteltern muss ein „normales“ Umfeld vorgegaukelt werden – was misslingt, aber Raum für Situationskomik schafft. In einem überbordenden Finale wird die heile Welt wieder hergestellt, alle sind glücklich. Glücklich war auch das Premierenpublikum, denn die temporeiche Inszenierung von Gastregisseur Anatol Preissler bringt das Stück gehörig in Fahrt, tänzelt leichtfüßig über die Längen banaler Dialoge und fesselt mit immer neuen Revue-Eindrücken und Überraschungen. Die Bühne (Heiko Mönnich) ist freigeräumt von plüschiger Schwüle und papageienhafter Exotik. Wenige, geschickt eingesetzte Versatzstücke sorgen blitzschnell für romantische Stimmung oder Revuetheater-Atmosphäre. Die aufsehenerregenden und dennoch äußerst geschmackvollen Kostüme von Ulli Kremer sind absolute Hingucker. Der „Käfig“ wird bevölkert von einem ausgesprochen spiel-, tanz- und singfreudigen Ensemble. Mark Weigel gab in der Premiere den Georges als gut aussehenden, erfolgsgewohnten Sonnyboy, der alle im Griff hat. Ob im Solo, im Duett oder mit Mehrere – auch gesanglich eine vorzügliche Leistung.

Philipp Werner als Albin/Zaza zeigte souverän und mit weichem Tenor sowohl den großen Auftritt als Dragqueen in Paillettenrobe wie in leiseren Sequenzen den verliebten Mann, der sich als Frau fühlt. Die unangefochtenen Stars des Abends aber sind die Balletttänzer (Alexander Ziebart, Tobias Ziebold, Antoine Audras, Isaac di Natale, Stefaan Morrox, Adrien Ursulet und Dario Theiler), die auf hohen Hacken und mit tollen Figuren in aufreizenden Kostümen als „Cagelles“ täuschend echt die Damen geben (Choreographie Guido Markowitz).
Ein Höhepunkt ist im zweiten Teil der „Cop-Strip“ der „Chippendales“ zu dem Song „Ich bin ein Mann“. Wunderbar abgedreht Johannes Blattner als Butler/Zofe Jacob. Das bürgerliche Gegenteil dazu Bernhard Meindl als Jean-Michel. Zehn Mal zickiger als alle anderen seine Braut Anne Dindon (Konstanze Fischer, gesanglich etwas schwach). Herrlich klischeehaft Klaus Geber als Vater Eduard Dindon und Gabriela Zamfirescu als Mutter Marie Dindon. In kleineren Rollen Lilian Huynen als Restaurantbesitzerin und Fredi Noel als Bühnenmanager. Nur aus dem Hintergrund zu hören mit zuverlässiger Leistung der Opernchor (Einstudierung Carl Philipp Fromherz). Die Badische Philharmonie Pforzheim unter Leitung von Tobias Leppert widmete sich dem abwechslungsreichen Orchesterpart engagiert und mit Esprit. Minutenlange Ovationen für leichte Muse, wie man sie kaum unterhaltsamer gestalten kann.