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"Everyman (Jedermann)" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 8. April 2019

(...) Die Musik unterstreicht die Hammerwirkung des Bühnengeschehens. Matthias Engelmann (Bühnenbild und Kostüme) setzt Pathos, Bombast, ja auch Kitsch ganz bewusst als überspitzende Stilmittel ein. Philipp Moschitz (Inszenierung) setzt auf wirkungsvolle, sorgfältig getaktete Massenszenen, in denen Chor und Extrachor sing- und spielfreudig agieren und zusammen mit dem Ballett gewichtige Rollen spielen.

Die stimmlich und darstellerisch beeindruckende Amelie Kunzmann aus dem Kinderchor regiert als Gott mit ihrem kindlichen, in unschuldiges Weiß gekleideten Gefolge in einem von einem Regenbogen überspannten Paradiesgärtlein, das in der nächsten Szene zum Flower-Power-Lustgarten des reichen Lebemanns Everyman erblüht. Chris Murray gibt überzeugend den lässigen Dandy, den Todesahnungen gnadenlos aus dem Rausch einer wilden Party reißen und schließlich zur Reue bewegen. In seinem kraftvoll gestalteten Gesangspart legt er Reminiszenzen an den markanten Gesangsstil des Deep-Purple-Sängers Ian Gillan an.

Weder Everyman noch Chris Murray haben allerdings eine Chance, gegen Death, den von Andy Kuntz verkörperten Tod, zu bestehen. Der Vanden-Plas-Sänger, als göttlicher Botschafter in strahlendes Weiß gekleidet, zeigt enorme Bühnenpräsenz, ist Feind und Freund in einer Person, die überall im Theater auftaucht und seinen Gesangspart eindrucksvoll und stimmig interpretiert. Das Duett mit Chris Murray ist einer der stärksten Momente des Stücks. In seiner Gegenwart wird die rauschhafte Party in Everymans Lustgarten zum schaurigen Totentanz.

Die sängerisch starke Lilian Huynen hat eine wahrhaft reizvolle Doppelrolle: zunächst in blutigem Rot als Paramour/Buhlschaft das verführerische Partygirl, später als Allegorie des Mammons in Tiefschwarz. Dies ist eine der beeindruckendsten Szenen. Lisa Wedekind setzt mit Mother und Good Deeds weiche und lyrische Akzente in all der Wucht. Ingo Wagner ist ein überdrehter Flower-Power-Cousin und als Confession eine mit klarer Stimme die Massen erweckende Drag-Madonna. Steffen Fichtner gibt den nur in guten Tagen verlässlichen Fellowship. Mehrere Rollen verkörpert Anna Gütter, herzzerreißend ihr glasklar gesungener Soulgardian.

Wild umtanzen die sieben Todsünden (Johannes Blattner, Leon Damm, Elias Bäckebjörk, Isaac di Natale, Evi van Wieren, Alba Valenciano Lopez, Eleonora Penacchini und Stella Covi) in der Choreographie von Sven Niemeyer das Geschehen. (...) Viel Szenenapplaus und stehende Ovationen für eine furiose und begeisternde Bühnenshow.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 8. April 2019

Aus 500 Lampen strahlt der Regenbogen, der das Bühnenbild dominiert – und ist damit Symbol für die Üppigkeit dieser Neuinszenierung der Rockoper „Everyman“, die jetzt am Theater Pforzheim Premiere hatte. Wobei Rockoper ein zu eng gefasster Terminus für dieses bunte Spektakulum ist. Musikalisch ist dieser „Everyman“ (...) eine in jeder Hinsicht aus dem Vollen schöpfende Mischung der Opulenz des Musical, dem Drama der Oper, der Leichtigkeit des Jazz, pop-affiner Balladenseligkeit und der Härte der Metal-Musik. Das Bühnenbild (Mattias Engelmann) bildet diese Größe adäquat ab: Es kleckert nicht, es klotzt. Bunt, schrill, so wie sich Everyman seinen Garten der Lüste eingerichtet hat, aus dem er nun vertrieben werden soll, als Gott ihm den Tod schickt. Und siehe da: Der Pforzheimer Gott ist ein Mädchen (Amelie Kunzmann), das aussieht wie bei der Erstkommunion, aber Everyman und den Zuschauer in ziemlich forschem Ton darauf stößt: So wie ihr lebt, bleibt für uns nichts übrig. Die tragenden Rollen – Everyman und Tod – sind mit Musical Star Chris Murray und Vanden Plas-Sänger Andy Kuntz überzeugend passgenau besetzt. Murrays Everyman tritt auf als Geldscheine werfender Typ Promi-Schönheitschirurg mit Nebenberuf Skilehrer und wandelt sich zum von Selbstzweifeln und Verzweiflung zerfressenen Büßer. Murray kann die große Geste ebenso wie das verhuschte, zusammengekauerte Elend – und bedient dabei musikalisch die ganze Bandbreite der Inszenierung. Diese Stimme oszilliert jederzeit mühelos zwischen Oper, Musical und Rock. Andy Kuntz‘ Tod dagegen sieht nicht aus wie ein Fürst der Finsternis – im Gegenteil: In Plateaustiefel und silbernen Anzug gewandet, wirkt er wie ein ungefährlicher Glamrocker der 70er Jahre, aber sein Gesang ist wahrlich markerschütternd, triumphal, siegesgewiss und verbindet Präzision mit jederzeit abrufbarer Eskalation. Gegen den Tod wirkt der Teufel (Philipp Werner) schon fast zurückhaltend; dafür umwallt ihn die „teuflische Gesellschaft“ – das Ballett des Theaters – die durchaus imstande ist, beim Betrachter eine Art Lustangst zu erzeugen. Auch die weiteren tragenden Rollen – allesamt Ensemble-Mitglieder – sind erste Wahl: die wandlungsfähige Lilian Huynen – die als Paramour die Opernsängerin und als Mammon die vulkangleiche Rockröhre gibt; Lisa Wedekind zurückhaltend und umso eindringlicher als vornehme Mutter und missachtete (...) Mrs. Charity – die Everyman an seine guten Taten erinnert. (…)

Philipp Moschitz‘ Inszenierung will nicht auf die eindeutigen Urteile des Mittelalters hinaus, sondern verweist auf den Everyman in jedem von uns. Die Hauptfigur ist eben nicht nur der unsympathische Egoist, auch wenn sein asoziales Verhalten dem Zuschauer am drastischsten durch einen beklemmend grau in grau inszenierten Aufstand der Armen vor Augen geführt wird. (...)

Der Rockfan würde sagen: „es groovt wie Sau“, der Opernliebhaber ist erstaunt, dass diese Musik so harmonisch klingt. „Die musikalische Opulenz spiegelt natürlich auch die Opulenz von Jedermann als Person wieder, der muss aus dem Vollen schöpfen, sonst kann man dieses Thema gar nicht bedienen“, hat Philipp Moschitz wenige Wochen vor der Premiere gesagt. Das Thema hat in seiner Inszenierung eine Vollbedienung erfahren, die vom Premieren-Publikum mit mehr als zehn Minuten dauernden Standing Ovations honoriert wird.