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"Doktor Schiwago" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 1. Oktober 2018

Am Ende reißt es fast alle von den Stühlen. Nachdem die ein oder andere Träne getrocknet ist, sind stehende Ovationen und Bravo-Rufe der Lohn für eine großartige Leistung des gesamten Ensembles. Das Theater Pforzheim hat bei der Premiere des zwischen Schauspiel, Melodram und Musiktheater changierenden „Doktor Schiwago“ am Freitagabend in restlos ausverkauftem Haus mit fast 100 Mitwirkenden alle Register gezogen. (...)

Eindrucksvoll schon die Exposition: Nahezu im Minutentakt wechselt das Geschehen zwischen Massenszenen und intimem Spiel. Trotz aller Rasanz verliert die Regie von Tobias Materna, der viele große Bilder entwirft, nie die Übersicht. Die diversen Schauplätze werden gut vermittelt. Immer wieder erzählt eine Figur die Rahmenhandlung, anfangs etwa der opportunistische Politiker Viktor Komarovskij, sehr präsent dargestellt von Spencer Mason.

(...) Das Stück beleuchtet Krieg und Liebe zu etwa gleichen Teilen. Doch trotz der politischen Dimension geht die Pforzheimer Inszenierung ans Herz – was auch an Lucy Simons großem Quell an Melodien liegt. Ohnehin gibt es nur wenige Momente, in denen keine Musik erklingt: Da gibt es romantische Balladen ebenso wie Folkloristisches – und natürlich das berühmte, auf russisch gesungene „Laras Theme“ aus der Feder des Filmkomponisten Maurice Jarre. Simons harmonisierte, gut rhythmisierte sinfonische Partitur bedient in bester Musical-Manier große Gefühle. Bei der Badischen Philharmonie unter der Leitung von Philipp Haag ist sie in guten Händen.

Mitreißende Massenszenen sorgen für optischen Genuss. Opernchor, Extrachor und Statisterie begeistern nicht nur mit wuchtigem Gesang. Die Mitglieder agieren in verschiedenen Rollen. Sie schauspielern und beeindrucken mit Tänzen, die Janne Geest schön und stimmig choreografiert hat. Das luftige, reduzierte Bühnenbild (Jörg Brombacher) lässt der großen Spielfreude viel Raum: Eine aus Bögen und Leitern bestehende, flexible Holzkonstruktion deutet die Schauplätze an. Diese Kargheit lässt die Opulenz der üppigen Kostüme zur Geltung kommen. Ruth Groß hat eine Vielfalt von 300 historischen Gewändern entworfen – allein das Umziehen der Akteure in Minutenschnelle ist ein logistischer Kraftakt.

Die beiden Hauptrollen sind mit Gästen exzellent besetzt – sie haben das Zeug zum Traumpaar. Den fordernden Charakter des schneidigen, schnauzbärtigen und für seine Dichtung lebenden Jurij Schiwago stellt Kurosch Abbasi mit klarem Bariton und großem Charisma dar: zerrissen und verzweifelt. Femke Soetenga gibt eine leidenschaftliche, beseelte Lara. Ihr Sopran bringt so manche Melodie zum Leuchten. Und Herzen, gerade im intimen Duett mit Abbasi. Stamatia Gerothanasi überzeugt als tragische Figur der betrogenen Ehefrau Tonia, auch wenn die spannende Konstellation der Frauen nur angedeutet werden kann. Vor allem im zweiten Akt tritt Julian Culemann als Pawel „Pascha“ Antipov immer stärker auf, der zwar das politische System verändern will, sich aber von seinen emotionalen Verletzungen mitreißen lässt.

Die innere Spannung und das Dilemma zwischen politischer Überzeugung und Gefühlen zieht sich wie ein roter Faden durch das Musical, das zurecht so begeistert aufgenommen wird. Auch ohne die technischen Möglichkeiten großer, spezialisierter Bühnen bietet das Theater der „Musical-Stadt“ Pforzheim einen atmosphärischen Abend im russischen Schnee, der auch mit kurzweiligem, hohem Tempo nie an Intensität und Dramatik einbüßt.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 1. Oktober 2018

Theater am Limit. Schon der Spielzeitauftakt mit Wagners „Rheingold“ war eine ehrgeizige Herausforderung für das Pforzheimer Haus, und mit dem Musical „Doktor Schiwago“ folgt nun ein nicht minder eindrucksvoller Kraftakt für das ganze Ensemble.(...)

Nun also in Pforzheim, das auch in der Vergangenheit immer mal wieder Mut zur Ausgrabung bewiesen hat. Diese Findungslust hat sich bei „Doktor Schiwago“ durchaus bewährt. Regisseur Tobias Materna setzt die mal spannende, mal auch ergreifende Geschichte um das Schicksal Schiwagos, der sich zwischen zwei Frauen und zwei politischen Lagern entscheiden muss, in tempo- und kontrastreiche Bilder um. Bühnenbildner Jörg Brombacher hat für die Pforzheimer Einrichtung ein variables Gerüst gebaut, das schnelle Szenenwechsel erlaubt, mal Zimmer oder Gefechtsstand, mal Bibliothek oder Tribunal ist und zusammen mit den aufwändigen Kostümen (Ruth Groß) imposante Tableaus ermöglicht. 

In der Abfolge von hitzigen Massenauftritten und emotionalen Szenen entfaltet der Abend bezwingende Energie und mitreißende Theatralik. Wuchtiges Pathos und empfindsame Andacht bestimmen den Fluss des Geschehens, und wenn die Aufführung mal in gefährliche Nähe zum Kitsch gerät, holt die Inszenierung solche Rührseligkeit rasch zurück in das gemischte Bühnenspektakel von packender Vitalität, das die Liebesromanze des unglücklichen Helden in den Kontext dramatischer Konflikte und politischer Brisanz rückt. 

Hinter der klug dosierten Sprengkraft der Handlung bleibt die Musik der Komponistin Lucy Simon in ihrer gefälligen Konventionalität ein wenig zurück. Dabei gelingen ihr zwar neben zündenden Schlachtengesänge auch betörend innige Momente, die von der Badischen Philharmonie Pforzheim unter dem zurückhaltenden Dirigat von Philipp Haag hörenswert umgesetzt werden. (...) Im riesigen Ensemble ragen die Protagonisten besonders deutlich hervor. Vor allem die gastweise auftretenden Musical-Spezialisten bescheren dem Abend sängerisch und darstellerisch großartige Momente. Kurosch Abbasi in der Titelpartie führt den Reifeprozess und die inneren Konflikte des Helden einleuchtend vor. Femke Soetenga als vielschichtige Lara macht aus deren Zwiespalt und selbstloser Liebe zu Schiwago eine sensible, nuanciert ausgeformte Studie. Als ihre sanfte „Gegenspielerin“ Tonia, die leidende Ehefrau des Doktors, zeichnet die hauseigene Sängerin Stamatia Gerothanasi ein betont lyrisch getöntes, anrührendes Bild. Dem radikalen Partisanenführer Strelnikow, der sich aus früh enttäuschter Liebe zu Lara vom feuerköpfigen Studenten zum brutalen Fanatiker entwickelt hat, gibt Julian Culemann mit blendender Stimme das widersprüchliche Profil eines Despoten, hinter dessen eisiger Fassade ein verletztes Herz spürbar wird. Spencer Mason dagegen ist mit der Partie des zwielichtigen Schurken Komarovskij, der ebenfalls das Opfer seiner unerwiderten Zuneigung zu Lara ist, leider überfordert und kann die Figur kaum lebendig machen. Neben diesen Protagonisten bewähren sich weitere Pforzheimer Solisten zusammen mit zahlreichen Angehörigen des Chores in kleineren, stimmigen Auftritten, die dem Abend insgesamt eine überzeugende Qualität geben und der Ensembleleistung in dieser monumentalen Produktion ein beeindruckendes Zeugnis ausstellen. „Doktor Schiwago“ hat nach dieser umjubelten Premiere das Zeug, zu einem Publikumshit der Spielzeit zu werden.

Mühlacker Tagblatt

Samstag, 6. Oktober 2018

(...) Ist es auch nicht einfach, nach der mit fünf Oscars ausgezeichneten Verfilmung eines Stoffes wie in diesem Fall 1965 von David Lean mit Omar Sharif in der Titelrolle, in einem anderen Metier zu bestehen, so gelingt das dem Musical „Doktor Schiwago“ im Allgemeinen und der Pforzheimer Aufführung im Besonderen ohne jegliche Abstriche. Wenn auch „Lara’s Theme“ von Maurice Jarre aus dem Film weltberühmt ist und immer wieder vertont wurde, so lässt sich doch die gesamte musicalgerechte Komposition der inzwischen 75-jährigen Lucy Simon nicht nur hören, sondern sie ist dem 2006 in San Diego uraufgeführten Musical und seinem Stoff auch angemessen. Gleiches gilt für die Aufführung des Theaters Pforzheim, die überregionale Beachtung verdient.

Nicht nur geschickt ist das Bühnenbild von Jörg Brombacher, was bei immer wieder wechselnden Schauplätzen eigentlich Voraussetzung ist. Es hat auch stets Atmosphäre, obwohl nur zwei dreh- und verschiebbare Türme die Grundelemente sind. Dazu kommen die passenden, zeit- und stilgerechten Kostüme von Ruth Groß, die den historischen Hintergrund des Geschehens betonen. Vor allem ist es aber Tobias Materna, der mit seiner fantasievollen Inszenierung nicht nur der Vorlage gerecht wird. Es gelingt ihm auch, für eine abwechslungsreiche Handlung zu sorgen, ohne in Aktionismus zu verfallen. Er erzählt die zuweilen etwas verworrene Geschichte verständlich und hält dazu nicht nur die Protagonisten zu einer nuancenreichen Interpretation ihrer Rollen an.

Nicht minder werden der Chor und der Extrachor unter der Leitung von Alexandros Diamantis sowie die Statisterie des Theaters Pforzheim in das Geschehen integriert und dabei zu individualisierten Rollenträgern. Dazu kommt die Badische Philharmonie Pforzheim unter der gekonnten musikalischen Leitung von Philipp Haag, die sich geradezu als ideales Musical-Orchester präsentiert.

In der Titelrolle gibt der über einen ausdrucksvollen Bariton gebietende Paul Jadach dem Doktor Schiwago ein sowohl stimmlich als auch darstellerisch überzeugendes Profil. Als Lara ist die Musical-Darstellerin Femke Soetenga den Anforderungen dieser anspruchsvollen Rolle in jeder Beziehung gewachsen. Ein zwielichtiger Komaroskij ist Spencer Mason. Der Tenor Ingo Wagner gefällt als Strelnikov. Natasha Sallès ist eine mädchenhafte Tania. Ihre Eltern geben Klaus Geber und Lilian Huynen, die auch noch in der Rolle einer alten Frau auf sich aufmerksam macht.

Als Krankenschwester Olga wartet die Sopranistin Stamatia Gerothansai nicht nur mit einem schön gesungenen Lied auf, wobei sie sich spielerisch mit dem Akkordeon begleitet und sich weder einmal als ein echter Glücksfall für das Theater Pforzheim erweist.