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Pforzheimer Zeitung

Samstag, 13.1.2018

Die Narbe an Damian Koopmans Schienbein heilt nicht. Damian (gespielt von Bernhard Meindl) ist offenkundig das „Opfer“ von Prügel und Tritten älterer Mitschüler. Der Außenseiter ist extrem impulsiv und hyperaktiv. Tabletten sollen ihn ruhigstellen. In seiner Klasse wird er gemobbt und ausgegrenzt. Nur Rebecca Dijckstra (Sophie Lochmann) nimmt den lauten, zappeligen Jungen, dem stets die eigene Zunge im Weg scheint, vorbehaltlos „für voll“.

Das 2015 Theaterstück „Shut Up!“ des belgisch-niederländischen Teams Sobrie und Ruëll nimmt Ausgrenzung und Mobbing ins Visier. Im Theater Pforzheim wurde der Stoff am Donnerstagabend von Markus Löchner (Regie), Swantje Willems (Dramaturgie) und Pascal Grupe (Regieassistenz) erstmals auf eine Bühne der Bundesrepublik gebracht.

Die Coolness der aufmüpfigen Punkerin Rebecca vermag kaum über die seelischen Verletzungen aus ihrem familiären Umfeld hinwegzutäuschen. Ein Schulpsychologe bescheinigt ihr schnörkellos „Minderbegabung“ – und Damian „ADHS“. Damit wären die beiden wieder auf sich alleine gestellt, käme da nicht François Boulanger (Alexander Doderer) als neuer Mitschüler in ihre Klasse. François trägt autistische Züge und „langt auch mal zu“: In den zwei Jahren zuvor, haben ihn nicht weniger als sechs Schulen wegen seiner Gewaltausbrüche „vor die Tür gesetzt“. Nachdem sich die drei herrlich verpeilten „Looser“ der Klasse „beschnuppert“ haben, wendet sich das Blatt: Damian, und Rebecca richten sich an François zu gemeinsamer Stärke auf. (...) Oder, wie es die Jury des Duisburger Kinder- und Jugendtheaterpreises „Kaas & Kappes“ anlässlich der Prämierung des Stücks 2015 formulierte: „Wie unangepasst du auch bist, überleben tust du nur, wenn du Vertrauen in dich selbst hast“.

Die Premiere in Pforzheim stieß auf reges Interesse: Mehr als 90 Zuschauer drängten sich im Podium; etwa ein Drittel des Publikums rekrutierte sich dabei aus Lehrern und Schülern der Kirnbach-Realschule in Niefern-Öschelbronn, deren 8a die Produktion als Patenklasse begleitet.

Den drei exzellenten Schauspielern gelingt die Gratwanderung zwischen hoher Ernsthaftigkeit und unterhaltsamer Präsentation vortrefflich. Mit einfachsten, aber wandelbaren Requisiten und zutiefst glaubwürdiger Darstellung erreichen sie Publikum, das am Ende stehend applaudiert. „Shut Up!“ ist als Klassenzimmerstück angelegt und will Anregungen bei der Inklusion geben. (...)

Pforzheimer Kurier

Samstag, 13. Januar 2018

„Nehmen Sie die Menschen wie sie sind“, sagte einst Konrad Adenauer, „es gibt keine anderen“. Mit „Shut Up!“ von Jan Sobrie und Raven Ruëll, das mit dem renommierten deutsch-niederländischen Kinder- und Jugendtheater-Preis ausgezeichnet wurde, bringt das Pforzheimer Stadttheater ein flammendes Plädoyer auf die Bühne: Für bedingungslose Akzeptanz – und gegen den absurden, der Leistungsgesellschaft innewohnenden Zwang, sich ständig mit anderen messen zu müssen.

Drei von 24 Kindern der Klasse 8f sind „normal“. Die anderen? Pickel im Gesicht, abstehende Ohren, fast blind, dünner als eine Verkehrsampel. Und dann sind da noch Damian mit seinem ADHS, Rebecca mit ihrer Minderbegabung, und Francois mit seiner Neigung zu Wutausbrüchen.

Zwischen den mit vollem Körpereinsatz und viel Spucke exerzierten Gefühlssalven bekommt man Geschichten zu hören. Von kaputten, gestressten und desinteressierten Eltern, und von einem kaputten, auf Funktionalität und Wettbewerb ausgerichteten Schulsystem.

Sophie Lochmann, Alexander Doderer und Bernhard Meindl sorgten bei der Premiere im Podium am Donnerstagabend von der ersten bis zur letzten Sekunde für faszinierte, mitgerissene Gesichter, und zum Schluss für einen nicht enden wollenden Beifallssturm unter den anwesenden Schülern. Ein Zeichen dafür, dass hier ein Nerv getroffen wird und dass Schule auch heute, 50 Jahre nach 1968, von vielen als repressiv empfunden wird.

Wenn Francois abends am Fenster hängt und Autos zählt, sehnsüchtig auf den alleinerziehenden Vater wartend, wenn Rebeccas Mutter ihr Kind nur annehmen kann, wenn es Pillen genommen hat, wenn Damian im Bus in den Turnbeutel kotzen muss, weil er ebenfalls Pillen nehmen muss, dann werden hier vor allem diejenigen Kids gezeigt, die im System oft untergehen: Alles kümmert sich um die Raufbolde, aber die still Leidenden sieht man erst, wenn der Notenschnitt absackt, oder wenn sie mal wirklich Mist bauen. (...) Den Akteuren im Podium ist es gelungen, der Verzweiflung, die einen nicht unbeträchtlichen Teil der Teenager umtreibt, eindrucksvoll Ausdruck zu verleihen. Das Licht am Horizont kommt nicht von Außen. Nicht die Lehrer, und schon gar nicht die Eltern greifen ein, als Damian gemobbt wird, sondern Francois und Rebecca, seine Kumpel. „Best friends forever!“, so lautet die Devise, mit der die drei sich in der sozialen Wüste gegenseitig aus dem Wasser ziehen.