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Pforzheimer Zeitung

Dienstag, 2. Mai 2017

In ihren Rollstühlen liefern sie sich Wettrennen, sie albern miteinander herum, erzählen sich ihre Saufgeschichten und geben sich immer dann gegenseitig Ohrfeigen, wenn einem von ihnen kein neues versautes Synonym für den Liebesakt mehr einfällt.
So schaffen sie es gemeinsam, mit ihren Krankheiten und Behinderungen zurechtzukommen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Selten ist eine Inszenierung so zu Herzen gegangen wie diese. Das vom Pforzheimer Stadttheater im Haus der Jugend auf die Bühne gebrachte Stück „Mongos“ erzählt in knapp 75 Minuten humorvoll und bewegend die Geschichte zweier Außenseiter: Francis (Julian Culemann) leidet an Mukoviszidose, Ikarus (Henning Kallweit) ist querschnittsgelähmt. Sie lernen sich im Wartesaal eines Reha-Krankenhauses kennen, können sich zunächst nicht leiden, werden aber schnell beste Freunde.
Während Francis als klug, bedacht und umsichtig charakterisiert wird, erscheint Ikarus als sein genaues Gegenteil: Ständig redet er über Sex, gibt sich betont maskulin und wird immer wieder aggressiv. So versucht er, seine Verletzlichkeit zu kaschieren.
Den Schauspielern Culemann und Kallweit gelingt es, die Charaktere vielschichtig darzustellen. Das macht die Handlung authentisch: Keine aufgesetzte Jugendsprache, kein erzwungener politisch korrekter Diskurs über den Umgang mit Behinderten in der Gesellschaft, keine pathetischen Mitleidsbekundungen. Das hat dieses Stück auch gar nicht nötig.
Regisseur Markus Löchner hat für „Mongos“ die gleichnamige literarische Vorlage von Sergej Gößner umgearbeitet. Gößner ist seit 2015 Ensemblemitglied am Pforzheimer Theater, im Sommer wird er nach Hamburg wechseln. Das Jugendstück „Mongos“ ist sein Debüt als Theater-Autor.
Nachdem es bereits in Magdeburg aufgeführt wurde, hat man sich nun auch in Pforzheim an das heikle Thema gewagt. Löchner schafft in seiner Inszenierung zwar bewusst eine fiktionale Welt und weist sogar explizit auf diesen Umstand hin, indem er die beiden Protagonisten auf der Bühne ihre eigene Geschichte erzählen lässt. (...)

An die Stelle der Machosprüchen treten Gefühle. Ikarus will kein „Mongo“ sein, kein „Behindi“ und kein „Spasti“. Es stört ihn, dass die Menschen oft nur nach ihrem Äußeren beurteilt werden. In emotional aufgeladenen inneren Monologen lässt Kallweit die Zuschauer tief in die Gefühlswelt seines Charakters blicken, die weitaus komplexer gestrickt ist, als es auf den ersten Blick scheint.
Francis hingegen wird von Culemann mit deutlich weniger Pathos verkörpert. Er findet stattdessen Metaphern, die seine Gefühle auf den Punkt bringen. Die Schauspieler stehen allein auf der Bühne, tragen Alltagskleidung, haben viel Raum, um ihre Charaktere lebendig werden zu lassen. Das minimalistische Bühnenbild (Rosa Scheffold), das aus nichts als fünf an Stangen befestigen Vorhängen besteht, lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz auf die Protagonisten. Und das Ende? Bleibt an dieser Stelle offen.
Das Stück „Mongos“ ist im Rahmen der Jugendtheaterstück-Tage am Dienstag, 27. Juni, zu sehen. Zudem für Schulklassen buchbar beim Jungen Theater.

Pforzheimer Kurier

Dienstag, 2. Mai 2017

Es geht laut her, emotional und ehrlich zwischen den zwei Jugendlichen mit Behinderungen. Eine Behinderung davon ist allerdings keine. Sie ist ein Entwicklungsphänomen: die Pubertät. Wir kennen sie, die Sprücheklopfer, Angeber, Aufschneider. Die Behinderungen aber überhöhen dieses Phänomen und stempeln die beiden zu Außenseitern. Sie nennen sich selbst „Mongos“, wie das Jugendstück von Sergej Gößner titelt, das Regisseur Markus Löchner am Freitag auf die Bühne des provisorischen Haus der Jugend gebracht hat. Ein gelungenes, mitreißendes Abschiedsgeschenk für seinen Kollegen Gößner, der das Stadttheater verlässt. Die „Mongos“ erlebten bereits im Februar ihre Uraufführung in Magdeburg. Nach der Pforzheimer Premiere, die von den rund 70 Zuschauern frenetisch gefeiert wurde, soll es durch Schulen der Stadt und des Umlands reisen.
Die beiden Protagonisten, Ikarus (Henning Kallweit) und Francis (Julian Culemann) lernen sich in einer Reha-Klinik kennen. Francis leidet an einer Nervenkrankheit. Ikarus ist querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Eine scheinbar deprimierende Ausgangslage, die den Gefühlszustand der beiden eher Richtung Aggression ausschlagen lässt. (...)
Die nackten Tatsachen sehen aber anders aus: Beide schildern sich ihre Lage knallhart, bis hin zum Heulen. Sie spielen Jagdszenen mit Krücke und Rollstuhl, sind ganz die verspielten, kämpfenden Jugendlichen. Und sie schweigen zusammen. Die Verzweiflung macht sie zu Freunden. Ikarus glaubt nicht an die Therapie. Immer nur reden, reden, reden. Auch mit Delphinen zu schwimmen passe nicht zu ihm: „Ich bin ein Hai-Typ, man müsste mich zu weißen Haien werfen.“
 Dann taucht da plötzlich Jasmin auf, eine Mitpatientin, etwas reifer, brünett, „und ein Duft wie Zuckerwatte“, wie Ikarus schwärmt und nur noch betört lallt: „Liebe machen, Liebe machen …“. Ikarus lädt sie zum „DVD“-Abend ein, das Codewort für jenes „Liebe machen“. Alles geht gehörig schief, Jasmin findet ihn nett und witzig, mehr nicht. Durch den Liebeskummer steht die Freundschaft vor der Zerreißprobe. (...) Jede Szene wird durch einen Schlag als akustischer Vorhang von der nächsten getrennt. Der härteste Schlag kommt mit der Entlassung von Francis, die Ikarus umwirft. Er fürchtet das Ende der Beziehung.
Kallweit zeichnet Ikarus mit präzisem Detailreichtum, traurig, aufsässig, verzweifelt, zornig und nur mühsam sich einfühlend in den anderen. Die Romantik versteckt sich in den Träumen – die Liebe ist noch roh und unbeholfen. In seiner Doppelrolle als Jasmin hat Francis seine stärksten Szenen, neben seiner Kreativität, den „Spasti“, wie er sich selbst nennt, gnadenlos darzustellen. Mit einem fiktiven Kaugummi im Mund und einer weiblichen Mimikry verwandelt er sich in jene verständnisvolle Frau, die nicht so recht in das Schema von Ikarus passt, das von sexuellen Wunschvorstellungen geprägt ist. Sergej Gößners Jugendstück war für den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes 2016 nominiert und ist im Rowohlt Verlag erschienen. Als mobile Produktion kann es beim „Jungen Theater“ des Pforzheimer Stadttheaters von Schulen gebucht werden. Empfohlen wird es für Kinder ab elf Jahren. „Mongos“ wird außerdem innerhalb der Jugendstücktage Ende Juni am Theater Pforzheim zu sehen sein.