Inhalt

Pforzheimer Zeitung

Montag, 22. Januar 2018

Das gelbe Tuch auf der Bühne beginnt sich zu bewegen. Erst ganz langsam, dann immer heftiger. Zappelnd kommt Clemens Ansorg darunter zum Vorschein. Schon die ganze Zeit, während die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, hat er unter dem Tuch gelegen. Jetzt will er sich aufrichten, aber er kann nicht. Stattdessen nimmt er laut schnaufend eine anstrengende Handstand-Position ein: beide Füße angewinkelt in der Luft, den Kopf zwischen den Beinen hindurchgestreckt. Die Figur, die er spielt, heißt Gregor Samsa – und sie hat sich über Nacht in ein käferartiges Ungeziefer verwandelt. Vor mehr als hundert Jahren hat sich Franz Kafka die Geschichte mit dem Titel „Die Verwandlung“ ausgedacht, Robert Besta (Regie) hat am Pforzheimer Theater zusammen mit Anja Noël (Dramaturgie) ein Ein-Mann-Stück aus ihr gemacht. Eines, das vor allem Jugendliche ansprechen soll.

Schließlich geht es in dem Stück um das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören, die an einen gestellten Erwartungen nicht erfüllen zu können. Für Protagonist Gregor eine der schlimmsten Vorstellungen überhaupt. Nie hat er in seinem Beruf als Handelsvertreter auch nur einen Tag gefehlt. Immer hat er hart gearbeitet, damit seine Familie ein gutes Leben führen kann. Ein Leben auf seine Kosten.(...) Präsent sind nur die Stimmen, die Ansorg mithilfe eines Mikrofons imitiert.

Es geht in der minimalistisch gestalteten Inszenierung ganz allein um Gregor und um seine Sicht der Dinge. Er allein ist die Perspektivfigur, die den Zuschauer über all das aufklärt, was vor der Verwandlung geschehen ist.

Er trägt nichts als ein weißes Unterhemd und eine Stoffhose. Auf einer leeren Bühne spielt Ansorg mit viel Hingabe, verrenkt und verdreht seinen Körper, hält in den unbequemsten Positionen manchmal minutenlang aus, um die Zuschauer an seinen Gedanken teilhaben zu lassen. Die trägt er trotz der grotesken äußeren Umstände nüchtern-distanziert vor, so wie jemand, der sein Umfeld nicht mehr verstehen kann, der sich nach Jahren der Selbsttäuschung darüber wundert, dass der immer arbeitslos gewesene Vater auf einmal in einer Bank arbeitet, dass die unter Asthma leidende Mutter plötzlich feine Wäsche für ein Modegeschäft näht und dass die Schwester Stenografie lernt. Mit der Verwandlung Gregors wird überdeutlich, was eigentlich vorher schon klar war, nämlich, dass seine Familie auch ohne ihn überlebensfähig ist.

Verstehen können die übrigen Familienmitglieder Gregor ohnehin nicht mehr. Über ein Megafon kommuniziert Ansorg mit der Außenwelt. Es verfremdet seine Stimme und lässt so auch auf sprachlicher Ebene die Distanz zwischen ihm und seiner Familie deutlich werden. Die empfindet ihn zunehmend als lästig und ist alles andere als traurig, als er am Schluss alleingelassen und ungeliebt stirbt. Es ist das Ende eines bedrückenden Erkenntnisprozesses, der Gregor die Augen öffnet. Ob er sich tatsächlich in einen Käfer verwandelt hat oder ob es sich lediglich um eine seine innere Haltung beschreibende Metapher handelt, das lässt die Inszenierung vollkommen offen. Eigentlich ist es auch unerheblich. Das Premierenpublikum dankt mit stürmischem Beifall.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 22. Januar 2018

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Lapidar beginnt die Geschichte, wäre da nicht ein ungeheuerlicher Kontrast zwischen Erzählweise und dem Inhalt des Erzählten. Da schält sich ein Mensch auf der Bühne im Podium im Stadttheater aus der Bettdecke und sein ganzes Leben steht plötzlich Kopf – wortwörtlich. Er hat sich in ein käferartiges ungeheures Ungeziefer verwandelt. Oder ist ihm über Nacht nur sein Leben bewusst geworden? „Man verstand die Worte nicht mehr, obwohl sie mir nie klarer vorkamen“, sinniert Gregor, die Kreatur die von seiner Familie nicht mehr verstanden wird. Vielleicht träumt Gregor auch nur? So genau weiß man das nicht. Denn über die Verwandlung selbst wird nichts weiter berichtet. Sie ist eine Tatsache, die nicht hinterfragt wird. Auf eine Erklärung, wie es zur Verwandlung kam, wartet man vergebens.

Das Hauptmotiv für Gregor Samsas in hohem Grade ungeliebte Tätigkeit als Handelsreisender vor seiner Verwandlung war seine Sorge um die Familie, die vermeintlich ohne seine Anstrengungen nicht überlebensfähig gewesen wäre. (...) Und noch immer ist die 1912 entstandene Erzählung aktuell. Am Freitagabend hatte das Stück „Die Verwandlung“ nach Franz Kafka im Podium im Stadttheater Premiere.

In einem temporeichen, von Komik und Tragik zugleich geprägten Spiel stellt Clemens Ansorg mit vollem Körpereinsatz den verwandelten Handlungsreisenden Gregor dar. Vom Premierenpublikum mit reichlich Applaus bedacht. Vater, Mutter, Schwester und dem Prokuristen verleiht Ansorg allein mit seiner Stimme Bühnenpräsenz. Großartig, wie er die käferartige Gestalt in verschiedenen Facetten auf die Bühne bringt, von ungläubig ob der Verwandlung über den invaliden Käfer bis hin zu dem ergreifenden Moment, wenn die heiß geliebte Schwester fordert: „Es muss weg.“

Für Regie, Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet Robert Besta, der als Schauspieler, Regisseur und Leiter der Veranstaltungsreihe „Theater Urban“ am Theater Pforzheim tätig ist. Er inszenierte die kafkaeske Atmosphäre mit dem auf unergründliche Weise Bedrohlichen, dem bedrückenden Eingesperrtsein und den manchmal kleinen hellen Momenten der Hoffnung. Das Stück nach der berühmten Erzählung ist als Produktion für das Klassenzimmer, ab Klasse 8, konzipiert und kommt mit spartanischem Bühnenbild aus.