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Pforzheimer Zeitung

Freitag, 20. Januar 2017

Von der verzückten Euphorie der ganz großen Liebe bis in tiefste Verzweiflung über deren Verlust – es ist eine Berg- und Talfahrt der intensivsten Emotionen, die drei Schulklassen des Berufskollegs an der Carlo-Schmid-Schule gestern hautnah miterleiden konnten. Mit auf diese Reise durch die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten hat sie der Schauspieler Henning Kallweit genommen – bis in den Tod. Das Stück „Die Leiden des jungen Werther“, inszeniert von Markus Löchner, hat als Klassenzimmer-Produktion des Theaters Pforzheim Premiere gefeiert. Goethe ganz anders: in die Gegenwart übersetzt, auf das Notwendigste reduziert.

Aus dem Briefroman ist ein Monolog samt Facebook-, Sprachnachrichten und SMS geworden. Ein Werther, der seinen Schmerz lieber mit Koks statt mit Alkohol betäubt. Und auch, wenn er in der Sprache zur Zeit Goethes von seiner Lotte schwärmt – sie selbst bleibt ein Schattenschnitt an der Wand –, packt der Text die Schüler zwischen 17 und 20 Jahren. Gebannt hängen sie an Kallweits Lippen, der mit kraftvollen Bewegungen zu moderner Musik den Klassenraum zu füllen versteht. „Es ist doch interessanter, jemanden handeln zu sehen, als einen, der 20 Seiten Liebesgewäsch abgibt“, ist der Schauspieler überzeugt. Ein anderer Werther als erwartet – aber einer, dem es gelingt, den Schülern einen Zugang zu dem alten Werk zu schaffen.

Kallweit und Löchner, sie haben den Zeitsprung gemeistert. Zwei Wochen lang haben sie den Text gekürzt, bis von einst 70Seiten noch 13 übrig blieben – eine Essenz der Leiden in 45 Minuten. „Das war so ausdrucksstark, das kommt im Buch gar nicht so rüber“, sagte eine Schülerin im anschließenden Gespräch mit den Schauspielern sowie Musikpädagoge Christoph Traxel und Theaterpädagogin Anja Noël. „Bei vielen sind die Barrieren zu Goethe mehr aufgebrochen“, ist Deutschlehrer Daniel Baumann überzeugt. So kann in der Klassenarbeit in zwei Wochen kaum mehr etwas schiefgehen.

Pforzheimer Kurier

Freitag, 20. Januar 2017

Sich aus Verzweiflung einen Schnaps nach dem anderen hinter die Binde gießen? Das würde nicht passen, findet der Regie führende Markus Löchner vom Stadttheater Pforzheim. Die „Leiden des jungen W.“ aus der Feder von Johann Wolfgang von Goethe müssen sich vor den beiden Berufskolleg-Klassen der Carlo-Schmid-Schule in einer Koks-Orgie (mit Mehl) äußern.

Und natürlich indem der junge, vor Liebeskummer fast wahnsinnige Mann ständig sein Smartphone checkt oder ungeduldig auf seinem Laptop herum hackt. Die verzweifelten Wutausbrüche, die kraftzehrende Unrast jedoch, die Schauspieler Henning Kallweit mit ohrenbetäubenden Schreien und bis in die letzte Reihe erschreckenden und hallenden Schlägen auf den Tisch untermalt, mögen auch nach über 200 Jahren noch die gleichen sein. Am Ende der Premiere hat auch der letzte der durchschnittlich 18-jährigen Schüler verstanden, dass der junge Werther tatsächlich in höchstem Maß an der Liebe zu Lotte leidet, die einem anderen versprochen ist und es keinen anderen Ausweg mehr für ihn gibt, als sich zu erschießen. Das Stück ist ergreifend dargestellt – und nachvollziehbar.

Weniger die fast schon belastende Lautstärke als vielmehr die Intensität des Spiels und die ausdrucksstarke Gestik von Henning Kallweit – den Markus Löchner als „Hipster“ sieht und mit einem Schnauzbart und Koteletten eine Reminiszenz an Goethesche Zeiten zu geben scheint – sind es, die in den Gesichtern der Schüler Mitgefühl spiegeln lassen. Komplimente prasseln auf den Darsteller ein, der sich nach 45 Minuten schweißgebadet erst einmal einen Schluck Apfelsaftschorle zu Gemüte führt. Erst sorgt es offenbar für Irritationen, dass ein Theaterstück auch nur von einer Person leben kann. Dann aber räumen die Schüler ein, dass es durchaus ausgereicht hat. Neben der ausladendenden Gestik und dem raumgreifenden Spiel Kallweits hätte kaum auch noch ein anderer Darsteller gepasst. Dass Lotte nur in Gestalt eines Schattenrisses erscheint, ist bewusst gewählt, wie Musikpädagoge Christoph Traxel erklärt. „Sonst wäre sie entzaubert.“ Er sorgt bei der Aufführung für die akustischen Effekte, begleitet wird die Theatertruppe von Theaterpädagogin Anja Noël, die die Schüler zu Fragen ermuntert. (...) Die Idee hinter der Aufführung erklärt Traxel: Barrieren zwischen jungen Leuten und dem Theater sollen eingerissen werden. Appetit auf mehr soll entstehen. Und nebenbei zeigt man: Theater geht überall.