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Pforzheimer Zeitung

Montag, 23. Mai 2016

Arabisches Märchen mit Beatbox-Rap ◆ Flotte Jugendoper „Abu Hassan“ feiert Premiere im Pforzheimer Stadttheater.

Sie leben in Saus und Braus, haben alles verprasst. Um wieder an Geld zu kommen, verfolgen Abu Hassan und seine Frau Fatime eine wahnwitzige Idee: Sie erklären sich für tot. Schließlich zahlt das Kalifen-Paar die Begräbniskosten für Hinterbliebene. Nach „Geschichten aus 1001 Nacht“ für Kinder ist mit Carl Maria von Webers Singspiel „Abu Hassan“ nun ein weiteres Stück aus dem morgenländischen Geschichtenbuch am Theater Pforzheim zu erleben. Der heitere Einakter, der bei der Premiere viel Applaus erhielt, wurde von Kerstin Steeb als moderne Jugendoper inszeniert – mit WhatsApp, Beatbox-Rap und tiefsitzenden Haremshosen. Die Zielgruppe selbst ist im neu gegründeten Jugendchor gleich mit auf der Bühne. Gleich am Anfang taucht die Tasche im Getümmel auf, bringt aber keine Bombe zum Vorschein, sondern nur eine Wasserspritzpistole und einen Zettel mit den zu verteilenden Rollen. Bass Cornelius Burger muss „den Arsch“ spielen – Geldwechsler Omar, der die Schulden des Paars aufkauft und Hassans Frau begehrt. Das macht er glaubwürdig, auch wenn er mit übergestülpter Tasche am Schluss etwas albern erscheint. Die Titelpartie übernimmt der vortrefflich singende Tenor Johannes Strauß, der mit blondem Prinzenhaar alles andere als arabisch wirkt und einen dümmlich-naiven Hassan abgibt. Rollenklischees werden ohnehin hinterfragt – oder „wer findet noch, dass Kochen Frauenaufgabe ist?“ Fatime jedenfalls ist emanzipiert, darf nach zehn Uhr noch alleine raus. Sopranistin Natasha Young verkörpert sie mit Leidenschaft und Gerissenheit, kann aber gesanglich nicht immer überzeugen. In allen weiteren Rollen unterhält Schauspieler Timo Beyerling als brillanter Komiker, sei es als Erzähler oder Kalif in Unterhose, als piepsende Herrschergattin mit Handtäschchen oder vollbusige Zofe. Manchmal jedoch geht der Klamauk zu weit, so manche Aktion bleibt zudem rätselhaft – die Annäherungen im Publikum zum Beispiel. Die Zuschauer sitzen mit den Akteuren auf der Bühne – aber nicht etwa rundherum, sondern brav auf einem Podest. Nah bei den Solisten spielt das Kammerorchester, besetzt mit Studenten der Hochschule für Musik Karlsruhe. Sie begleiten die Arien und Duette feinfühlig, in den dramatischen Szenen fehlt jedoch etwas Nachdruck. Der Dirigent Danilo Tepša – wie die Regisseurin die Dialoge gefasst hat, so hat er die Musik arrangiert – fällt öfter mit verbalen Einwürfen auf, etwa: „Er kommt zurück, Erdogan schickt doch eh alle wieder heim.“ Der Jugendchor hockt allzu oft auf orientalischen Kissen, peppt aber ironisierende Arien wie „Oh Fatime, meine Traute“ gestenreich auf, verstärkt als Gläubigergruppe den Druck auf Hassan oder sorgt beim Verfolgen der Fatime für schöne Bilder. Nach 70 Minuten ist alles erzählt, Happy End inklusive. Trotz aller Realitätsbezüge – das „1001 Nacht“-Stück ist ja doch nur ein Märchen.

Pforzheimer Kurier

Montag, 23. Mai 2016

Liebesduett mit digitalen Zwischentönen Singspiel - „Abu Hassan“ begeistert Zuschauer

Fatime weiß auch mit WhatsApp umzugehen Es waren sehr viele Personen auf der Bühne des Stadttheaters versammelt am frühen Samstagabend: Die Premiere des Singspiels „Abu Hassan“ von Carl Maria von Weber (1786-1826) brachte Zuschauer und Akteure auf der Bühne des Großen Hauses zusammen und zeigte schon etwas vom Charakter der Inszenierung. Die Hinterbühne war die Spielfläche, links saßen die insgesamt zehn Musikerinnen und Musiker: Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, zwei Violinen, Bratsche, Violoncello, Kontrabass und eine Pauke, die der kleinen Besetzung gegenüber manchmal zu laut war, besonders in der sonst schön gespielten Ouvertüre. Rechts im Hintergrund hielt sich meistens der Jugendchor auf, begleitete das Geschehen vor ihm mit mehr oder weniger Gelassenheit und sang seine Partien sehr überzeugend. Die vier Hauptakteure stellten sich auf und diskutierten die einzelnen Rollen. Heraus kam: Natasha Young spielte Fatime, Johannes Strauß den Abu Hassan, Cornelius Burger Omar, den Geldwechsler, und Timo Beyerling gab den Erzähler, sowie alle übrigen Rollen, wie Kalif und Diener. Auch war er der Souffleur für die drei Sänger. Die Dekoration war sparsam, der Chor saß auf einigen Kissen, die beim sehr fein gesungenen Duett „Tränen, Tränen“ Fatime und Abu Hassan als Liebeslager dienen. Eine große Tasche, die allerlei Krimskrams enthielt, diente als „Kabinett“, in das der liebeshungrige Omar von Fatime bei der Rückkehr ihres Mannes eingesperrt wurde. Kostüme waren nicht nötig: um eine dicke Dienerin darzustellen, genügten einige Stofffetzen, um gewisse Stellen auszupolstern. Aus dem Schauspieler Timo Beyerling wurde ganz einfach der Sultan, indem er seine Hose auszog und als Turban um den Kopf wickelte. Die Sänger überzeugten alle, großartig war das Duett „Tränen, Tränen“ von Fatime und Abu Hassan, und das Duett „Siehst du diese große Menge“ mit Fatime und Omar. Die wenigen Musikerinnen und Musiker schlugen sich hervorragend, besonders die Streicher, die es wirklich schwer hatten. Der Dirigent Danilo Tepša hatte seine Musiker alle im Griff und ließ den Sängern auch genügend Spielraum, damit sie die Regieeinfälle umsetzen konnten. Die Regie von Kerstin Steeb, die auch für Bühne und Kostüme verantwortlich war, ging auf den heutigen Umgangston von Jugendlichen ein, aber so, dass es immer noch verständlich auch für ältere Semester war. Auch mit eBay und WhatsApp können Abu Hassan und Fatime umgehen. Die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten sind sehr zu loben. Da Weber das Schelmenstück als Reaktion auf seine Erfahrungen in Stuttgart trotz Verhaftung und Ausweisung aufgrund seiner Schulden in heiterer Form verfasst hatte, ist diese Inszenierung mit den heutigen Dialogen legitim, die das Publikum immer wieder zum Lachen brachte. Am Ende der kurzweiligen Aufführung gab es langen Beifall.

Mühlacker Tagblatt

Einem selten gespielten Türken-Stück mit Musik galt die jüngste Premiere des Theaters Pforzheim. Für Inszenierung, Bühne und Kostüme zeichnet die freiberufliche Musiktheaterregisseurin Kerstin Steeb verantwortlich. Die musikalische Leitung hat Danilo Tepša, der in Mainz Schulmusik, Theologie und Gesang studierte, drei Jahre in Koblenz als Tenor engagiert war und seit dieser Spielzeit Theaterpädagoge in Pforzheim ist.

„Abu Hassan“ heißt das einaktige Singspiel von Carl Maria von Weber, in dem das Kolorit der Schauspielmusik zu „Preziosa“ vorbereitet ist und „Oberon“ schon von ferne grüßt, das in der Tradition von Glucks „Pilger von Mekka“ und Mozarts „Entführung aus dem Serail“ steht und in dessen treffenden Milieuschilderungen man schon den später erfolgreichen Musikdramatiker ahnt. Das Libretto stammt von Franz Carl Hiemer, einem Jugendfreund aus Stuttgarter Tagen, der schon den Text zu von Webers Oper „Silvana“ geschrieben hatte. Diesem diente die „Geschichte von Abu el-Hasan dem Schalk oder dem erwachten Schläfer“ aus dem zwölften Band der von Antoine Galland Anfang des 18. Jahrhunderts publizierten „Les Milles et Une Nuits, Contes Arabes traduits en Français“ als Quelle, wobei er die Geschichte erweiterte und neue Motive einführte.

Die Geschichte spiegelt aber auch ein wenig des Komponisten eigenes Leben, seine Sturm- und Drangjahre, die damit endeten, dass der Musiklehrer Herzog Ludwigs von Württemberg, durch seinen Vater schuldlos in einen Korruptionsskandal verwickelt, nicht nur eine 16-tägige Gefängnisstrafe verbüßen, sondern auch 1810 das Land verlassen musste. Kein Wunder, dass bedingt durch die eigene wirtschaftliche Not im Sommer desselben Jahres als Erstes von „Abu Hassan“ der Gläubigerchor „Geld, Geld, Geld !“ entstand. Schließlich bekam Carl Maria von Weber 440 Gulden von Großherzog Ludwig I. von Hessen, dem er das Werk widmete. Doch die Uraufführung von „Abu Hassan“ fand nicht in Darmstadt statt, wo das Singspiel entstanden war, sondern nach nur vier Proben am 4. Juli 1811 im Münchner Residenztheater.

Zehn, durch einen gesprochenen Dialog verbundene Musiknummern, von denen eine Arie aus dem fast ein Jahrzehnt zuvor entstandenen Jugendwerk „Peter Schmoll und seine Nachbarn“ stammt, das ist „Abu Hassan“, ein heiter-beschwingtes Werk, keines aus seelisch-menschlichen Tiefen, das durchaus innige Töne enthält, sich aber besonderes durch erotische Pikanterien in der Melodik, Harmonik und Instrumentation auszeichnet. Ein Gitarreständchen mit Solo-Fagott fällt in dem Singspiel ebenso auf wie die konzertierende Verwendung von Solo-Cello und -Violine.

Abu Hassan und Fatime haben überall Schulden. Sie gehen deshalb zum Kalifen und dessen Frau Zobeide. Bei ihr meldet Fatime den Tod Abu Hassans, ihm berichtet er vom Tod Fatimes. So erhalten sie zweimal eine Trauergabe. Und schließlich glaubt auch der Wechsler Omar, Fatimes Liebe kaufen zu können. Als dann das Kalifenpaar auftaucht und wissen möchte, wer denn nun zuerst gestorben ist, Abu Hassan oder Fatime, ist die Verwirrung groß, aber auch das Happy End nahe. Lässt sich doch Abu Hassan das Preisgeld für des Rätsels Lösung nicht entgehen. So springt der „Tote“ auf, bekennt dem Kalifenpaar, als Erster gestorben zu sein, und bittet um Vergebung. Diese wird ihm selbstverständlich gewährt, nachdem zuvor noch Omar davongejagt wurde.

Für die Pforzheimer Aufführung hat Kerstin Steeb eine in die Gegenwart übertragene, mit Modernismen durchsetzte Dialogfassung erstellt. Die Instrumentation für das fast auf die Hälfte reduzierte Orchester stammt von Danilo Tepša, der auch den Jugendchor des Theaters Pforzheim und das aus Studenten der HfM Karlsruhe zusammengesetzte Orchester mit großer Empathie dirigiert. Dabei stehen, neben dem zehnköpfigen Chor, lediglich drei Gesangssolisten und ein Schauspieler in weiteren Rollen auf der Bühne. Als Schau- und Orchesterplatz dient die Hinterbühne. Die Besucher sitzen auf der eigentlichen Bühne. Sowohl die Solisten als auch die Choristen tragen überwiegend sportliche Trainingskleidung von heute und gestalten ihre Rollen dementsprechend. Der Tenor Johannes Strauß ist der blonde Abu Hassan, die Sopranistin Natasha Young die dunkelhaarige Fatime, der Bass-Bariton Cornelius Burger der zu Fatime in Liebe entbrannte Omar. Der Schauspieler Timo Beyerling verkörpert gleich mehrere Rollen und betätigt sich dazu als Moderator. Zuweilen wird auch das Publikum ins Spiel einbezogen.