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Pforzheimer Zeitung

Montag, 2. Januar 2017

(...) „Mann mit Flügel“ heißt die Produktion, die am Silvesterabend ihre Uraufführung im Podium feierte. Geschrieben hat das Musical Fernsehpreisträger Árpád Bondy, der schon seit Jahrzehnten erfolgreich Film- und Fernsehmusik komponiert, unter anderem für SOKO 5113 und Sketchup. Herausgekommen ist dabei ein kurzweiliges, humoriges Stück, das aber ganz wesentlich von der Leistung eines einzigen Mannes abhängt: Tobias Bode. Denn wenn er den Protagonisten Dix spielt, steht er ganz alleine auf der Bühne. Ohne einen Kollegen, der ihm unterstützend zur Seite springen könnte.

Aber Bode macht seine Sache gut. Es gelingt ihm hervorragend, den Emotionen des Protagonisten Dix Ausdruck zu verleihen, der 15 Jahre lang in einem kleinen Theater als Techniker gearbeitet hat. Als die Handlung einsetzt, ist er gerade dabei, auf der Bühne die Reste der letzten Vorstellung zusammenzukehren. Das Theater ist insolvent und muss geschlossen werden. „Schluss, aus, Ende“, denkt sich der verzweifelte Dix auch in Bezug auf sein Leben und will sich einen herumhängenden Strick nehmen, als der alte Konzertflügel plötzlich ein schepperndes Geräusch von sich gibt. Es scheint, als wolle das Instrument den Suizid verhindern.

Die Tasten und Pedale bewegen sich wie von Geisterhand. Ein beeindruckender Anblick. Neu ist diese Technik zwar nicht. Aber gewöhnlich ist es nicht, dass ein Flügel von selbst spielt. Findet auch Dix, der schnell von seinem Vorhaben abkommt und sich auf eine Interaktion mit dem Instrument einlässt. Ihm erzählt er fast alles.

Dass er mit 17 von zu Hause weggegangen ist, dass er Musiker werden wollte und wie er als Techniker zum Theater kam. So wird der Konzertflügel zum zweiten Protagonisten des Stücks. Die Dialoge mit Dix wirken authentisch, unverkrampft und kommen ohne aufgesetzte Tragik aus. Bode hat auf der Bühne viel Raum, um seinen vielschichtigen Charakter lebendig werden zu lassen. Sein Spiel wirkt spontan und frisch. Seinen Text beherrscht er problemlos (...) 

Mit seiner unverkrampften Spielweise gelingt es dem in Leipzig ausgebildeten Schauspieler, tiefe Einblicke in das Seelenleben des Protagonisten zu geben. Die herumliegenden Requisiten, ein Stofftiger und der Flügel: Sie alle repräsentieren Stationen seines Lebens, verkörpern Gedanken, Sorgen und Ängste, die jeder Mensch in sich trägt. So wird auf der Metaebene mehr aus dieser Inszenierung, für die Alexander May verantwortlich ist. Zusammen mit Dirk Steffen Göpfert hat er sich auch um das Bühnenbild und die Kostüme gekümmert. (...)

(...) Aber gegen Ende nimmt sie mehr an Fahrt auf. Dann klingelt nämlich der Klaviertransporter an der Türe, der das Instrument abholen will, mit dem sich Dix mittlerweile angefreundet hat. Ihm hat er sein Innerstes offenbart, von seiner abgeschobenen Freundin und enttäuschten Hoffnungen erzählt, und mit ihm schmiedet er Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Es sind aber nichts als Tagträumereien in einer Zeit, in der es für Kulturschaffende immer schwerer wird. Auch das macht dieses Stück überdeutlich.

Es ist gut, dass es seine Uraufführung ausgerechnet am Pforzheimer Stadttheater gefeiert hat. Denn auch hier hat man in der Vergangenheit immer wieder heftig über die Finanzierung debattiert. Mit tosendem Applaus des Premierenpublikums endet die Vorstellung – und mit einer Zugabe der besonderen Art: Denn Árpád Bondy setzt sich zum Schluss selbst an den von ihm programmierten Flügel.

Pforzheimer Kurier

Montag, 2. Januar 2017

(...) Bis zu diesem Moment ist „Mann mit Flügel“ unglaublich dicht, emotionsgeladen, verzaubernd und packend gespielt. Ein kleines, magisches Juwel des Kammerspiels. Der in sich verlorene Bühnentechniker (gespielt von Tobias Bode), der in 15 Jahren seine Karrierepläne vergessen hat und zwischen Selbstmord und Selbstverwirklichung hin- und hergerissen ist. Sein schüchterner, unbeholfener Gesang, der in sich die unausgesprochene Frage trägt, ob er nach so langer Zeit noch gut genug ist oder sein Talent verloren hat. Seine bittere Sicht auf die Welt: „Die Welt ist nicht ´Komm wir gehen in die Oper´. Die Welt ist: Du gehst auf den Weihnachtsmarkt, dann kommt der LKW und fährt dich platt.“

Ein Satz, bei dem dem Publikum für einen Moment das Herz zu gefrieren scheint und die Leere greifbar ist, die Lin zurückgelassen hat. Seine Lin, von der ihm nur ein Tigerrucksack geblieben ist. Die er schwer traumatisiert kennenlernte und erst nach langer Zeit umarmen oder gar küssen durfte. „If you love me, don´t fuck me“, hatte sie gesagt und ihm damit jegliche Hoffnung auf mehr körperliche Nähe genommen. Trotzdem hatte er sie geliebt, diese Entbehrung akzeptiert und trotzdem hatte er sie verloren. Und nun steht da dieser Flügel, der zum Leben erwacht.

 Man hört ihn förmlich atmen und er redet in Tönen. Unterschätzt und weggegeben. Zu so viel mehr fähig, als nur „Für Elise“ zu spielen. Mann und Flügel nähern sich Schritt für Schritt einander an. Sind vereint in Schmerz, Enttäuschung und Desillusion. Jeder scheint zu wissen, was der andere fühlt und der Zuschauer vergisst, dass von irgendwo der Flügel gesteuert wird. Jede Faser dieses Stücks ist auf Drama ausgelegt. Ein hervorragendes, beklemmendes, tiefes Drama. (...)