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Badische Neueste Nachrichten

Dienstag, 1. Dezember 2015

„Das hier ist eine Oper“ stellt der Rabe fest, und „In einer Oper wird gesungen“, weiß die Gans. Margo und Marlene sind die beiden Kommentatoren, die am Pforzheimer Theater durch die berühmteste Kinderoper führen, Fachfremdes von „O mein Papa“ über „Over The Rainbow“ bis zum „Knallroten Gummiboot“ unterjubeln und sich unerschrocken an die Gesangsnummern wagen: Konstanze Fischer gibt als Marlene einen garstig grummelnden Sandmann und Cornelius Burger lässt das Taumännchen, gar nicht ungeschickt, vom hohen Sopranregister in Bassregionen steigen. Die beiden achten außerdem aufs Tempo, „Jetzt muss dringend etwas passieren“, und stellen nach 70 Minuten fest „Ende, Schluss fertig“.

Länger dauert die Singspielfassung nicht, die Hausdramaturg Thorsten Klein und Dirigent Danilo Tepa aus Engelbert Humperdincks dreiaktigem Märchenspiel destilliert haben, das sie damit zu seinen Ursprüngen zurückführten – auf das für den häuslichen Gebrauch unter Beteiligung der gesamten Familie entstandene Singspiel. (...)

Zumindest Tepa kann man keinen Vorwurf machen. Er hat das „Kinderstuben-Weihfestspiel“ so geschickt für sein Elf-Mann Orchester zurecht instrumentiert, dass sowohl der Singspielgestus wie der Wagnerglanz erhalten blieben, es aber Hänsel und Gretel nicht leicht fiel, über das Orchester zu dringen und textverständlich zu agieren, weshalb Eltern die Altersangabe „Ab fünf Jahre“ unbedingt ernst- nehmen sollten. Myriam Mayer sang die Gretel mit festem Sopran und dem rechten Singspielton, während Chiharu Takahashi mit wortunverständlichem und aufgeblähtem Mezzo wenig überzeugte. Da mussten die beiden Senioren heran: Klaus Geber als Hallodri-Vater und vor allem Gabriela Zamfirescu die resolute, am Flachmann hängende Mutter ebenso überzeugte wie als die in einem Traum aus Rosa schwebende Hexe, der sie einige gloriose Töne entlockte. Der Regie führende Ballettdirektor Guido Markowitz verließ sich auf die Routine seiner ausgebufften Profis. Ausstatter Dirk Steffen Göpfert gewährt Einblicke in eine armselige Wellblech-Behausung, die sich zu einem possierlichen Zauberwald samt einem Knusperhäuschen aufblättern lässt, das so gar nicht wie ein Lebkuchenhaus aussieht, weshalb die Produktion auch nach Weihnachten ihr Verfallsdatum noch nicht überschritten haben wird.

Pforzheimer Zeitung

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Mit dem Märchen der Gebrüder Grimm hat die Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ im Pforzheimer Theater nicht mehr viel gemein. Ausgehend von der spätromantischen Opernfassung Engelbert Humperdincks hat Dramaturg Thorsten Klein gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Danilo Tepša ein kurzweilig-vergnügliches Singspiel kreiert, das dank kunstvoll platzierter Effekte dazu in der Lage ist, Erwachsene und Kinder gleichermaßen in seinen Bann zu ziehen.

Im Mittelpunkt der Inszenierung von Ballettchef Guido Markowitz stehen die Geschwister Hänsel und Gretel (Chiharu Takahashi und Myriam Mayer), deren entbehrungsreiches Leben von Hunger und harter Arbeit geprägt ist und deren strenge Mutter (Gabriela Zamfirescu) sie zum Beeren Suchen in den Wald schickt, wo die Geschwister prompt der bösen Hexe begegnen. Im Gegensatz zu Humperdincks Original hat Klein die Besetzung geschickt um zwei Figuren erweitert, die der Handlung einen modernen Anstrich verleihen: der Rabe Margo und die Gans Marlene, die von Cornelius Burger und Konstanze Fischer mit Handpuppen eindrucksvoll gemimt werden. Sie sind es auch, die das Publikum mit ihren eigenwilligen Wortspielen, ihrer frechen, trotzigen und vorlauten Art ein ums andere Mal herzhaft lachen lassen.

(...) Für Kostüme und Kulisse sind Dirk Steffen Göpfert und Flora Fritz verantwortlich, die stark auf Details setzten. Besonders gut gelungen ist ihnen die böse Hexe (Gabriela Zamfirescu in der Doppelrolle), die trotz pinken Rüschenkleids durch Schminke, Hakennase und zerzauster Frisur eine herrlich Furcht einflößende Gestalt abgibt.

Einem ausgeklügelten Mechanismus ist es zu verdanken, dass Umbaupausen entfallen und sich das karge Elternhaus im Handumdrehen in einen dunklen Wald verwandelt, in das kunterbunte Hexenhaus oder ein Gefängnis.

Die Musik, gespielt von der Badischen Philharmonie Pforzheim, unterstützt die Handlung, ohne sich dabei in den Vordergrund zu rücken. Die Stimmen der Darsteller harmonierten grandios, auch wenn an so mancher Stelle nicht jedes Wort zu verstehen ist. Tiefgründige Weisheiten oder gar eine moralisierende Lehre suchte man in der rund 70 Minuten dauernden Inszenierung vergebens, findet dafür aber gute schauspielerische Leistungen gepaart mit virtuoser Musik und eindrucksvollem Bühnenbild. Viel Beifall.