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Pforzheimer Kurier

Montag, 10. April 2017

Wenn sie in den Spiegel schaut, dann sieht sie: eine Gequälte. Aber auch: eine Gewählte. Eine gewählte Bürgermeisterin. Das Amt zwingt sie zum Nachdenken, würde sie zum Handeln zwingen. Doch die Arme fuchteln hilflos in der Luft herum. Das Amt wird unwichtig, die Person auf ihr Menschsein „reduziert“. „Ich bin eine Frau von Lampedusa. Und ich habe Fragen.“

Hinter den letzten Satz werden bei der Premiere des Stücks „Die Bürgermeisterin von Lampedusa“ am Freitag im Podium des Theaters gleich von drei Schauspielerinnen Fragen, Ausrufezeichen, Auslassungspunkte gesetzt. Was soll sie angesichts von Hunderten von Leichen tun, die das Meer an einem Tag an den Strand ihrer Insel spült? Sichere Boote schicken, um die Flüchtlinge „abzuholen“? Den Friedhof vergrößern?

Den Anblick von Booten verbindet die Bürgermeisterin automatisch mit Flüchtlingen. Und ist erleichtert, wenn es nur die eigenen Fischer sind, die in den Netzen dann auch mal wieder das haben, „wofür sie geknüpft wurden“.

Gut eine Stunde lang hört man immer wieder dieselben Sätze, riecht dazu den Knoblauchduft und Pasta-Gerüche. Ein Ausschnitt aus dem Film „Havarie“ folgt, später eine Vertiefung mit dem Neuenbürger Autor und Psychologen Dietrich Wagner, Dekanin Christiane Quincke, dem ehrenamtlichen Flüchtlings-Paten Christian Schmidt und Theaterleuten. Und man fragt sich selbst: Darf man das überhaupt? Begeistert sein von dieser Inszenierung? Obwohl es um Flüchtlinge geht und die Mundwinkel nach unten zeigen sollten? Unbedingt. Dass der künftige Oberspielleiter Hannes Hamleitner beim ersten Lesen des Textes im Glauben war, der Autor habe selbst erlebt, worüber er schreibt, spricht für sich. Wie er als Regisseur den Stoff umsetzt und mit der Premiere des Stücks am Freitag im Podium auch seinen Einstand im Theater gibt: Das ist nicht nur fein zubereitet, es ist das Sahnehäubchen auf einer Mahlzeit, die eigentlich nicht schmecken dürfte. Dass der Monolog der Bürgermeisterin fast schon gebetsmühlenhaft wiederholt wird, nervt nicht, es betont die Seelenpein, die schonungslos das Mitleid als bloßen Selbstschutz enttarnt. Dass der Monolog dreigeteilt auf die unterschiedlich Lebenserfahrung spiegelnde Konstanze Fischer, Anne-Kathrin Lipps und Heidrun Schweda gepackt wird, ist ein genialer Schachzug.

Auch der Zuschauer merkt, er findet keine Ruhe im Liegestuhl auf der Insel. Er blickt auf azurblaues Wasser, in dem die letzten Sauerstoff-Bläschen der Ertrinkenden nach oben steigen. An den paradiesische Fantasien herauf beschwörenden Kalkfelsen und unberührten Buchten stranden in der krachenden Brandung die Schilderungen von Hunderten, tausenden Toten.

Seit 1990 sollen es 25000 ertrunkene Flüchtlinge sein. Und doch bleibt es unvorstellbar, da geht es wohl nicht nur Schauspielerin Konstanze Fischer so, dass es immer abstrakter wird, je öfter man davon hört.

Man kann es lächerlich finden, angesichts des Engagements eines Christian Schmidt, dass Heidrun Schweda mit dem Proben für das Stück „nur“ Gewohnheiten geändert hat und jetzt Wasser spart oder auch ihr unheimlich erscheinende Flüchtlinge grüßt. Aber es ist die Art von Wachsamkeit, die sich Autor Dietrich Wagner für die Gesellschaft wünscht. Und sicher kann und darf man weiter feiern, shoppen, schlemmen und dabei feststellen, dass einem – wie Regisseur Hannes Hametner meint – der ein oder andere Bissen im Hals stecken bleibt. Die Bürgermeisterin blickt auf ihren Teller: „Zitronen, die bluten auf dem Fisch.“

Pforzheimer Zeitung

Montag, 10. April 2017

(...)  Das Stück ist ein Werk des Neuenbürger Psychologen Dietrich Wagner. Er hat es erfolgreich beim Marburger Kurzdramenfestival eingebracht – und den Publikumspreis gewonnen. Nun gibt das Werk einen Vorgeschmack auf die Handschrift des neuen Schauspieldirektors Hannes Hametner. Der hat „Die Bürgermeisterin von Lampedusa“ ernst genommen – und zeigt eine berührende Inszenierung.

Die Rolle der Protagonistin hat er auf drei Schauspielerinnen (Heidrun Schweda, Anne-Kathrin Lipps und Konstanze Fischer) verteilt – so scheint es zumindest. Die spielen Alltag, kochen Pasta im schwarzen Abendkleid. Und sie verkörpern Giuseppina Maria Nicolini. Eben die „Bürgermeisterin von Lampedusa“ – und damit derjenigen Insel, die die Flüchtlingskrise am frühesten und härtesten getroffen hat.

Nicolini ist wütend, gütig, nachdenklich, dann voller Hoffnung: Sie kämpft. Sollen die doch alle übers Meer kommen – aber irgendwie kann das nicht die Lösung sein. Nicolini ringt mit sich – in schnellem Wechsel werfen sich die drei Darstellerinnen Lösungsansätze und Zweifel an den Kopf. Am Ende hat die Bürgermeisterin eingesehen, dass es da nicht nur eine Antwort gibt auf das Leid und nicht eine Lösung für ihre Probleme. Heidrun Schweda ist als einzige Darstellerin übrig geblieben, aus gespaltenen Persönlichkeiten ist eine geworden. Sie hält den Nudelteller wie eine Opferschale vors Publikum.

Schade, dass sich daran sofort ein Filmbeitrag anschließt. Der rund 20-minütige Ausschnitt des Films „Havarie“ fügt nichts Substanzielles hinzu, ist verkopft – und das fast ausverkaufte Podium zunehmend stickig. Das Publikum traut sich am Ende kaum, zu klatschen, bis die Schauspielerinnen die Bühne betreten. Verdienter Applaus für ein vielschichtiges Projekt – und am Ende: alle Fragen offen.