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Pforzheimer Zeitung

Dienstag, 2. Mai 2017

Experimentelle Werkstatt-Produktionen kleinerer Ballett-Compagnien sind oft von besonderem Reiz. In hohem Maß gilt das für die drei Stücke, die im Pforzheimer Theater-Podium beim neuen „TanzPur“-Abend Premiere hatten. Da waren originelle Spiel-Ideen und innovative Konzepte zu erleben, die deutlich in die Richtung des modernen Tanztheaters weisen.
Aufwühlende Hektik ist eindrucksvoll in Moritz Ostruschnjaks Choreografie „I had absolutely no reason to move in any direction“ („Es gab absolut keinen Grund für mich, mich in irgendeine Richtung zu bewegen“) zu spüren – auch als Spiegelung unserer Gesellschaft, die von Existenzängsten und Ziellosigkeit bestimmt scheint. Die sieben Akteure in dunkler Alltagskleidung laufen auf der dreiseitig von Publikums-Reihen eingerahmten Tanzfläche durcheinander und nehmen zur Donauwellen-Walzermusik von Johann Strauß allmählich Tempo auf. (...)

Ein faszinierendes tänzerisches Formen-Crescendo bietet die zweite Tanz-Kreation – ein Duett, das ihr Choreograf Damian Gmür „Drift“ („Dahintreiben“) genannt hat. Ein Mädchen und ein junger Mann (Alba Valenciano López und Daan Visser) wagen in immer neuen gleitenden Anläufen die körperlich-seelische Annäherung, was in eine zerbrechliche Zweisamkeit mündet.

Nach der Pause zeigte Edoardo Novelli, selbst Pforzheimer Ensemble-Mitglied, mit barfüßigen Tänzern seine „Features of Future“ („Merkmale der Zukunft“). Zu Musikschnipseln von Madonna, Tschaikowsky und Underworld sind alle Protagonisten von Kopf bis Fuß von seidig weiß glänzenden Hauben und Ganzkörper-Trikots überzogen und wirken wie häschenhafte Zukunftsgeschöpfe, die piepsen, jaulen und sich zuweilen auch in Kunstsprachen artikulieren. Ein Sprecher tönt in die Runde: „Wir sind das, was sein wird.“ (...) Der Tanz ist zu minimalistischen Sequenzen geschrumpft, zu verspielten Momentaufnahmen aus einer digital beschleunigten, monströs niedlichen Zukunftswelt, in der die Körper jegliche Individualität verloren haben. Für derlei Visionen gab’s im Podium langanhaltenden, auch begeisterten Premieren-Applaus.

Pforzheimer Kurier

Dienstag, 2. Mai 2017

„Tanz Pur“ lautet eine Reihe des Theater Pforzheim, nun haben wieder drei zeitgenössische Choreografen mit dem hauseigenen Ballettensemble jeweils ein Stück erarbeitet. Auf der Podium-Bühne kann das Publikum nun das vielfältige Ergebnis aus nächster Nähe erleben.

Den Auftakt macht Moritz Ostruschnjak mit einem halbstündigen Stück, das den etwas sperrigen Titel „I Had Absolutely No Reason To Move In Any Direction“ trägt. Er wirft die Frage auf, wie man mit dem „Dauerrauschen unserer Zeit“ zurechtkommen kann, ohne in Anbetracht der unbegrenzten Informationsangebote in Schockstarre zu verfallen. Sieben Ensemblemitglieder nimmt er mit auf seine Suche. Ausgestattet mit dunklen Chino-Hosen und Shirts, schreiten diese individuelle Wege ab: Raumgreifend laufen sie über die Bühne, zirkeln, verharren auf der Stelle. (...) Das Bewegungsrepertoire der Tänzer erinnert an postmodernen Tanz der Judson Dance Theater Bewegung: minimalistisch, raumgreifend und durch Alltägliches geprägt. (...)

Geradezu als Kontrapunkt hierzu präsentiert sich das anschließende Duett des Choreografen Damian Gmür: „Drift“ bietet den Tänzern Alba Valenciano López und Daan Visser den Rahmen, in präzise abgesteckten Bewegungsabläufen den zeitgenössischen Tanz zu zelebrieren. Sind sich die Tänzer in einem Moment noch nah, driften sie im nächsten Augenblick auseinander und gehen eigene Wege. Energiegeladen und mit viel spannungsreicher Dynamik überzeugt dieses Paar spielend das Publikum. Auch wenn in dieser Choreografie nichts Bahnbrechendes zu entdecken ist, so bereitet sie beim Zusehen dennoch großen Spaß.

Den Abend beschließt der Assistent der Ballettdirektion Edoardo Novelli mit seiner Zukunftsvision der Menschheit in „Features Of Future“. Mit der Tendenz zur Albernheit demonstrieren vier Tänzerinnen und zwei Tänzer in weißen Ganzanzügen und Badehauben eine Zukunft des Menschen ohne Gehirn und Fortpflanzungsnotwenigkeit. Johannes Blattner erläutert sprachgewandt die Zukunftsvisionen, die dann vom Ensemble tänzerisch umgesetzt werden. Ein durchweg gelungener Moment ist es, wenn Madonnas Pophit „Vogue“ erklingt und das Ensemble auf seine Hocker steigt, um vogue-artige Bewegungen auszuführen. Insgesamt bietet der Abend die Möglichkeit, drei äußerst unterschiedliche choreografische Handschriften zu entdecken. Das Ensemble des Theaters Pforzheim zeigt , dass es jeder dieser Herausforderungen gerecht werden kann.