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Tanz pur - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 30. April 2018

Was ist moderner Tanz? (Welt-) Musik oder elektronisch erzeugte, rhythmisch pointierende Geräuschkulissen ergreifen von den Muskeln der Tänzer Besitz und modellieren ihre Körper, deren Bewegungen sich in Raum und Zeit, in Gesten und Haltungen entfalten. Tänzerischer Ausdruck und Abstraktion sind die beiden Pole, die auch die Choreografien des neuen Dreiteiler-Abends der Reihe „Tanz pur“ im Podium des Pforzheimer Stadttheaters bestimmen und einen herausragenden, in der Premiere vom Publikum begeistert aufgenommenen Beitrag zur Tanz-Avantgarde leisten.

In Ana Torres Choreografie „Initiation to an illusion“ veranstalten (zu Musiken von Byetone, Trikk Mundo Ritual, Bachar Mar-Khalifé und Tlon) drei in rote, blaue und grüne Hemdchen und Hosen gekleidete Mädchen einen regelrechten Zickenkrieg. Anfangs liegen sie, mit den Köpfen fast aneinanderstoßend, wie ein dreistrahliger Stern am Boden. Nach bodengymnastischen Übungen tanzen sie, meist in Dreiecksformation aufgestellt, klüngelhaft synchron zur Musik, sich gegenseitig geradezu feindselig belauernd – bis bei jeder Tänzerin individuelle Ausbruchsversuche sichtbar werden. Körpergeschlängel, auch der Griff zwischen die Beine, sind Ausdruck ihrer angespannten Situation. Später wird das rote Mädchen (Ana Torre) übel gemobbt und handgreiflich fertiggemacht. Nun kämpfen in ausufernden Tanzaktionen, die manchmal an Slapstick-Szenen Charlie Chaplins erinnern, Grün (Selene Martello) und Blau (Evi van Wieren) um die Vormachtstellung, wobei keine endgültige Entscheidung fällt. (...)

Adrien Ursulets Choreografie „After game“ zeigt (zu Musiken von Auntie Flo und Le Trio Jou-bran) das genaue Gegenteil – den eingespielten Freundschaftsbund zweier durchaus unterschiedli-cher Jungs. Wie nach einem anstrengenden Arbeitstag „hängen die beiden Schlackel ab“, lassen ihre Körper baumeln, taumeln kleinschrittig, fuchteln, hampeln und hüpfen, richten sich aneinander auf, stützen sich gegenseitig. Dabei agieren der blonde Junge (Stefaan Morrow) und der Schwarzhaarige (Adrien Ursulet) nicht nur nach ihrem Äußeren als personifizierte Kontraste, sondern präsentieren auch tänzerisch ein verständnisvolles und – obwohl sie beide „down“ sind – fast fröhliches Multikulti-Miteinander.

Erregend und überaus spannend geht es nach der Pause in der Blackbox-Bühne des Podiums zur Sache. Denn das Hauptstück des Abends ist ein für das gesamte Pforzheimer Tanzensemble nicht nur schweißtreibend anstrengendes, sondern auch das Publikum strapazierendes Tanztableau. Zu einer vielteiligen Musikcollage fliegen in Felix Dumerils „Cart(o)ons“ einige Tänzer buchstäblich über das Kuckucksnest. Es geht drunter und drüber wie in einem sich auflösenden Irrenhaus. Ein Abbild unserer Welt? In vertrackten Bewegungsabläufen wuseln lebendig gewordene Pappkartons am Bühnenboden, anscheinend beaufsichtigt von einer fünfköpfigen Personengruppe, die mit ihren aufgezwirbelten Schnauzbärtchen und in ihren Courrèges-Kostümen aussehen wie eine wilhelminisch disziplinierte Turner-riege. (...)

Was steckt wirklich in den Pappen? Eine Aufseherin hat sich offenbar in einen Boxen-Bewohner verliebt, umschmeichelt den im Fokus platzierten Karton, streichelt ihn mit ihrem Körper, versucht den Verborgenen durch die Grifflöcher der Schachtel zu ertasten, schlüpft schließlich in die Behausung hinein. Sinnfällig ertönt dazu rauschhafte, Richard Wagner-Opern evozierende Musik. An anderer Stelle – eine raffiniert ausgestaltete Szene – bilden die Insassen eine „Menschwerdung“ nach, indem sie einem ihrer kriechenden Genossen eine aus kleinen Würfeln gebildete Wirbelsäule verpassen. Schließlich vermischen sich die erschöpften Akteure zu schrill auftrumpfenden Akkordeonklängen und versuchen, ihrem Gefängnis zu entkommen. Ein wilder, mitreißender Tanzabend.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 30. April 2018

Tanzen bis zum Umfallen. Bis sich einer den Fuß anstößt oder eine auf dem Podest steht. Exakt gegendert. Ein Frauenstück, ein Männerstück und eines für das zwölfköpfige Ensemble. Mit drei Choreografien, zwei hausgemacht aus dem eigenen Ensemble und eine von dem Schweizer Gast Felix Dumeril, bespielt das Pforzheimer Ballett bei seiner aktuellen Ausgabe von „Tanz Pur“ die Black Box des Podiums. Frauen untereinander, das heißt nicht nur Kuschelkurs, wie es das weiche Kriechen, Rollen, Hocken, die gleitenden Posen, schwingenden Arme und starken Gesten der Hände suggerieren. In ihrer vierteiligen „Initiation to an Illusion“ wirft Ana Rita dos Santos Brito de Torre die „soft skills“ rasch über Bord, lässt zu den perkussiven Klängen von Trikks „Mundo Ritual“ die Frauen in rot (Torre), blau (Evi van Wieren) und grün (Selene Martello) ihre Kräfte messen. Das private Hin und Her gerät zur handgreiflichen Studie über Dominanz und Unterwerfungen. Rot liegt am Boden. „Do you think it’s ok?“ fragt sie das Publikum, als sich die beiden anderen in versöhnlichen Parallelen wiegen. (...)

Ohne Pointe kommt Adrien Ursulet in „After game“ über das „Mysterium männlicher Intimität“ aus. Mit ihrer kraftvollen Performance ist ihnen die Aufmerksamkeit in jeder Pforzheimer Disco sicher: sportiv fantasievoll Stefaan Morrow, rauer und aggressiver Adrien Ursulet. Jeder für sich, dann wilder im Gleichschritt aus breiten Aktionen, Läufen, Sprüngen. Sie tanzen bis zur Erschöpfung. Atemlos stützen sie sich, um nicht zu fallen. Zwei Buddys tasten sich ab: kabbelnde Rangelei, schlenderndes Miteinanders und absolutes Vertrauen bündelt Ursulet in seinem rasanten Zehnminüter. Hier stimmen Musik (Dancefloor mit einer Beigabe World Music von Auntie Flo und dem Trio Joubran), Schritte, Ausdruck.

Ein Schelm ist Felix Dumeril, der in „Cart(o)ons“ Trickfiguren in schwarz-weißen Kurzkleidchen und Zweiteilern aus steifem Gummi, die den Zuschauern im stickigen Podium beim Anschauen Schweißausbrüche bereiten, auf lebendig gewordene Kartons oder daraus hervorkrabbelnde Gestalten treffen lässt. Das ist pfiffig, komisch, völlig sinnfrei und etwas zu lang (35 Minuten). Herrmanns „Psycho“-Musik und Ben Cherests Music-Hall-Sound passen zum surrealen Spiel, für das nicht nur die stolz gezwirbelten Schnurrbärte der Männer und Frauen stehen. (...)