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"Tanz pur 4" - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 13. Mai 2019

(…) Die spektakuläre Rotunde mit den Unterwasser-Korallen-Steilwänden bildet phantastische Raumkulissen und -situationen, ohne die gebotenen Tanz-Aktionen zu erdrücken. Ganz im Gegenteil: Das einer australischen Tiefsee-Landschaft nachempfundene Rundbild belebt und bietet den Zuschauern auch von seinem in der Rotunden-Mitte errichteten Aussichtsturm originelle Perspektiven auf die sich tänzerisch abrackernden kleinen Menschen. In der maritimen Umgebung landen die Pforzheimer Compagnie und ihr Chef, Ballettdirektor Markowitz, offensichtlich am gewünschten Ufer – nämlich bei einem Tanztheater, das zwischen theaterverspielten und balletteusen Szenen changiert. (…).

Das zweite Stück des Abends, Damian Gmürs Choreografie „Wolken die uns nicht tragen“, wird mit „one, two, three“ scharf angezählt. Harte Schlagrhythmen und Geräuschlärm lösen bei zwei Paaren einen erregenden Tanz-Tumult aus. Sie umkreiseln einen scheinbar leblosen Körper, der an einem herabbaumelnden Seil aufgehängt ist. (…) Paartänze enden in verzerrter Boden-Gymnastik. Wut und resignierende Traurigkeit liegen dicht beieinander. Und immer schwebt der am Seil Aufgehängte wie Treibholz auf Meereswogen in ihrer Mitte. Zuweilen stoßen ihn die Akteure zu neuem Schwung, bis er kopfüber taumelt. Dann sind Schüsse zu hören, die Tänzer bleiben erschöpft am Boden liegen und Meeresrauschen rollt in Brechern über sie hinweg.

Nach der Pause verwandelt sich das Gasometer in ein versunkenes Schiff. Edan Gorlickis Choreografie „Diving The Yongala“ umspielt in facettenreichen Szenen eine unheimliche Havarie (…). Während die mit Taschenlampen ausgestatteten Zuschauer aus den dunklen Gasometer-Katakomben über Stufen und Emporen des Panorama-Aussichtsturms bis zum Schiffsdeck aufsteigen, kämpfen die ertrinkenden Passagiere ums Leben, vereinen sich in letzten verzweifelten Liebes-Tänzen. Die musikalisch wirkungsmächtig beschallte Untergangs-Theatralik mündet in einer choralartig dröhnenden Totenmesse, die vom Ensemble tänzerisch eindrucksvoll zelebriert wird. Die Pforzheimer Choreografen und Ausstatter haben sich kongenial von dem Aufführungsort inspirieren lassen, der Auszug aus dem Theaterhaus hat sich gelohnt.

Stuttgarter Nachrichten

Montag, 13. Mai 2019

Über Damian Gmürs „Wolken, die uns nicht tragen“

(…) Dass im Gasometer überhaupt getanzt wird, ist dem Pforzheimer Ballettchef Guido Markowitz zu verdanken, der seine Kunst raus in die Stadt trägt, um ihr neue Perspektiven und Zuschauer zu ermöglichen. Auch einen Austausch mit der schwedischen Partnerstadt Linköping hat er in diesem Sinne angeregt. Ein sechsköpfiges Choreografen-Kollektiv von dort zeichnet nun verantwortlich für die Ouvertüre des Ballettabends „Tanz Pur 4“ , die eine Tänzerin mit lampionhafter Kopfbedeckung und im Rahmen eines vorgegebenen Rahmens improvisieren lässt. Eleonora Pennacchini füllt in „Meanwhile – Inzwischen“ den Raum mit mächtigen Bewegungen. Zwischen Agieren und Reagieren, zwischen Handeln und Zögern changiert Damian Gmürs Beitrag „Wolken, die uns nicht tragen“ – und passt ebenfalls perfekt in den Kosmos der von Menschen gefährdeten Natur: Ein Tänzer hängt da wie ein Fisch am Haken, zwei Paare machen im Dialog untereinander und mit dem menschlichen Pendel Spannungen greifbar. Einen Status quo, der ein Ausruhen erlauben würde, gibt es hier nicht. (…)

Tanznetz.de

Montag, 13. Mai 2019

Über Damian Gmürs „Wolken, die uns nicht tragen“

(…) Die fließenden Gewänder verbergen nicht, wie sehr die Strömung an den Körpern reißt in dem vom stellvertretenden Ballettchef Damian Gmür choreografierten Teil „Wolken die uns nicht tragen“. Eine faszinierende, gleichzeitig verstörende Kraft reißt an ihnen. Trägt sie, lässt sie fallen, reißt sie mit sich. Ein Mensch – die Menschheit? – hängt am Seil. Ergeben, dann wieder verzweifelt (und ästhetisch) strampelnd, verzweifelt rudernd, sich hingebend ans Schicksal. An seinem Leib hängen die TänzerInnen wie Schiffbrüchige.

Mal klingt die Musik wie ein Aufbrechen von Krusten, sich gewaltsam ans Licht bahnendes Leben. Dann wieder beschwört sie ein Bild von quietschenden Tauen, die mühsam das tropfende Schiff halten. Mit metallenem Klang schlägt es doch auf dem Meeresboden auf. Tänzer fallen zuckend zu Boden.

Über Edan Gorlickis „Diving the Yongala“

„Diving the Yongala“, eine Mischform aus Theater und Tanz, und etwas Slapstick. Ein Taucher in Montur geleitet die Gäste flossenplatschend zum Ort des Geschehens, dem Aussichtsturm. Der wird sozusagen zum Ausguck der „Yongala“. Der Kapitän und seine Crew, koffertragende Touristen an Bord, bewegen sich in Zeitlupe auf verschiedenen Ebenen. Die ZuschauerInnen mittendrin. An Bord des 1911 durch einen Taifun vor der Ostküste gesunkenen Schiffs. Es wird hektisch, „the ship is sinking“! Der Masten hängt schräg, das Schiff kippt, man spürt den Sog nach unten, die Verzweiflung ist greifbar, am eigenen Körper spürbar. Wie ein Lauffeuer breitet sich vom Scheitel bis zur Sohle eine Gänsehaut aus. Es kommt der Moment, in dem sich der Kapitän verzweifelt an sein Steuerrad klammert. Und letztlich in schlangenhaften Bewegungen die Treppe hinuntergleitet, man hört das Wasser rauschen. Und man kann gar nicht anders, als der Besatzung der „Yongala“ in die Tiefen zu folgen. Der Sog ist zu stark. Doch kurz vor der „Bewusstlosigkeit“ erreichen einen akustische Schimmer der Hoffnung. Die Crew der „Yongala“ hat sich ihrer Alltagskleidung entledigt und mutiert in dunkel glänzenden Anzügen schuppenhaft zu einem Fischschwarm. In der Tat ist die gesunkene „Yolanga“ heute eine der wichtigsten ökologischen Lebensräume.

Vielleicht haben die etwa 120 Gäste der Premiere anfangs noch irritiert im Trüben gefischt, nicht ahnend, was in den Tiefen des Great Barrier Reef auf sie warten würde. Herausgezogen haben sie eine Schatztruhe voller Sinnesfreude und Emotionen.