Inhalt

Pforzheimer Zeitung

Montag, 22. Januar 2018

(...) Guido Markowitz’ Tanzfassung, die am Pforzheimer Theater eine begeisternde Premiere erlebte, fügt einfallsreich neuartige Elemente hinzu. Da ist die Leitidee, die Wände zwischen den beiden sich ohnehin nahestehenden Sparten Musiktheater und Ballett beiseitezuschieben. Der umfangreiche, die Akustik des Stadttheaters zuweilen arg strapazierende Chor (aus den vereinten Ensembles Theaterchor und Oratorienchor Pforzheim) lamentiert nicht nur ausdrucksstark aus beleuchteten Notenbüchern, sondern spielt auf der Bühne mit.

In malerisch rotlichtig aufgeschlitzten Mänteln agieren die vier, ihre jeweiligen Parts gediegen umsetzenden Vokalsolisten Elisandra Melián (Sopran), Danielle Rohr (Alt), Dennis Marr (Tenor) und Lukas Schmid-Wedekind (Bass). Das Musikalische führt Generalmusikdirektor Markus Huber am Pult seiner Badischen Philharmonie, deren Bläser und Perkussion besonders gefordert sind, solide zusammen.

Auch für die Tanzgestaltung selbst hat sich Markowitz manches Neue ausgedacht. Seine kleine Compagnie umspielt munter zwei Tanzsolisten: Ein Mädchen (Ana Rita dos Santos Brito da Torre) und den Tod (Antoine Audras). Ihr Generalthema ist das Sterben – die Trauer darüber und die Furcht davor. Aber als Drittes bricht sich mit tröstlich-beruhigender Helle gleichsam „das ewig leuchtende Licht“ seine Bahn, auch in Oliver Feigls optisch wunderschönen Video-Liveprojektionen, den schwebend-tändelnden Federwölkchen und bunt schlängelnden Schwärmen erlöster (menschlicher) Seelen, die Bewegungen der Tänzer abbilden.

Der Tod ist in seinem knochigen Rippen-Kostüm kein Strahlemann. Aber er geht zumeist sehr zart mit dem Mädchen um, entlässt es aus sanfter Umarmung wieder in seine Freiheit. Die Kindfrau tanzt in hellblauem Hemdchen und weißen Hosen. Ihr Wesen scheint lebensbejahend: Da sind Liebe, atemlose Leidenschaft, besinnungslose Rauschzustände. Nicht umsonst hat Markowitz dem Titel seiner Choreografie den Appell „Feiert das Leben!“ beigegeben.

Ein kurzer Prolog zu Philipp Haags Musik „Geolyptikon“ eröffnet mit donnerndem Paukenschlag und tänzerischen Blitzen die Choreografie. Vom Theaterhimmel schwebt ein transparenter, rätselhafter Kubus herab, der ein zentraler „Seelen“-Spielort des Tanzabends sein wird. Zur einsetzenden Requiem-Musik marschiert der Chor auf, bildet Impulsgeber und gleichzeitig einen voluminös tönenden Resonanzkörper für Tod und Mädchen, auch für freie, ausgelassene Ensemble-Tänze.

Schlussendlich präsentiert sich das Mädchen aufrecht stehend in lichtheller Bühnenmitte. Alle anderen, auch der Tod, treten zum klangsatt interpretierten „Lux aeterna“ respektvoll ins Dunkle zurück. So gelingen Markowitz und seinem Ausstatter Philipp Contag-Lada Schrittfolgen und Bilder, die in umwegloser Kürze und Konzentration seelische Vorgänge anschaulich machen. Das vom Publikum gefeierte Mozart-Requiem ist ein Theater-Hybrid, der Synergie-Effekte freisetzt. Vielleicht gehört solch edlen Mischwesen die Bühnenzukunft.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 22. Januar 2018

Die Welt zerfällt nicht. Den in sie hineingeworfenen Körpern leuchtet ein helles Licht. Mozarts Totenmesse, die „das ewige Licht“ feiert, hat Guido Markowitz in seinem neuen Pforzheimer Tanzprojekt „Mozarts Requiem – Feiert das Leben!“ für Solisten, Chor und Tänzer eine kurze Einleitung vorangestellt. Uraufgeführt wird ein von der Apokalypse kündenden Werk, das sich in seiner übersichtlichen Besetzung auf Mozarts „Requiem“-Orchester bezieht. Das knapp zehnminütige Stück des Pforzheimer Komponisten und Solorepetitors Philipp Haag mit dem rätselhaften Titel „Geolyptikon“ wirkt mit seiner griffig aufgesplitterten Orchestersprache wie eine in die Gegenwart geschleuderte Bernard-Herrmann-Adaption, die den dunklen Soundtrack zu einer von kreisenden Planeten überschatteten Apokalypse schafft. Neun Tänzerinnen und Tänzer in schwarzen Abendanzügen tasten sich schreitend und verbiegend ab und umkreisen sich mit ausgreifenden Armen, bis sich ein durchlässiger Kubus über eine Solistin senkt und sich bruchlos Mozarts „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe“ anschließt.

Das Ringen der Frau (Ana Rita dos Santos Brita da Torre als „Sie“) mit dem Tod des stärker geforderten ausdrucksvollen Antoine Audras, der sie birgt und trägt, sich als Bote nähert und als Liebhaber zu erkennen gibt, steht im Mittelpunkt des Tanzabends, zu dem das Ensemble, das Gesangsquartett in Priestersoutanen, deren rotes Futter der einziger Farbtupfer bleibt, und die auf eurythmische Sparsamkeit bedachten Chöre nur den Rahmen bilden. Die lemurenhaft gesichtslosen Wesen, die sich windend nähern, scheinen einem Bronzeportal der italienischen Renaissance, wie es beim „Kyrie“ auftaucht, entkrochen und beleben sich zum „Tag der Rache“ zu aufbäumenden Skulpturen.

Die ausgreifende Gestik und das exzessive Tanzvokabular, geschmeidiger und runder als in anderen Arbeiten von Markowitz, ergeben in manchen Momenten dunkle Abbilder hochbarocker Darstellungen und Plastiken (...). Einzelabschnitte sind von überzeugender Bildhaftigkeit, darunter die um die Solisten arrangierten Trage- und Treppenfiguren, die Überschläge und Sprünge im „Recordare“, die Szenen von Unterdrückung und Folter im „Confutatis“ oder die erstickten Schreie der sich quälenden Kreaturen im „Offertorium“. Intime Einzelmomente sind die Szenen der Frau mit dem Tod als kleine Soli oder Zweierszenen, deren Höhepunkt die im „Osanna“-Allegro des „Benedictus“ vollzogene Verwandlung des Todes in einen jungen Mann und der anschließende Liebesakt im „Agnus dei“ ist, an dessen Ende die Frau den Mann trägt, wozu der für die Videoprojektionen zuständige Oliver Feigl Flammen züngeln lässt, bevor er die Bühne (Philipp Contag-Gmür)(sic!) in strahlendes Licht gießt, in dem wir den Menschen im Abendanzug wiederbegegnen.

Markus Huber sorgte für eine musikalische Realisation, die auch für sich gestanden hätte. Dicht und zügig, durchaus dramatisch wuchtig und ohne falsche Lacrimosa-Süßlichkeit. Von den vorzüglichen Gesangssolisten Elisandra Melian, Danielle Rohr und Dennis Marr nutzte Lukas Schmid die solistische Möglichkeit des „Tuba mirum“ für die Posaunengewalt seines Basses. Nach anfangs noch mit den Tücken der Raumaufstellung kämpfendem Klang fanden der Chor des Theaters und der Oratorienchor Pforzheim zu geschlossener Einfachheit.