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Badische Neueste Nachrichten

Montag, 7. November 2016

„One of my first memories“, beginnen die Senioren zu erzählen. Kommen dabei ins Stocken, brechen ab, beginnen von neuem. In einer Endlosschleife werden ihre Gesichter auf den Boden der Bühne projiziert, die Dirk Steffen Göpfert als weißen Pool entworfen hat, um den das Publikum beim neuen Tanzabend im Podium des Pforzheimer Theaters auf drei Seiten sitzt und auf die zu seinen Füßen stattfindende Ballettkreation von Guido Markowitz blickt. (...)

Der Zuschauer dieser Ballett-Version muss sich allerdings damit abfinden, dass der Fluss der 30 Variationen, die in Glenn Goulds Referenzaufnahme erklingen, immer wieder angehalten wird und durch die eigens für diese Produktion entstandenen, ebenfalls vom Band erklingenden Texte (Henning Kallweit) herbe Ernüchterung eintritt. Es geht um Erinnerung, die Angst des Vergessens, Vergänglichkeit, Sterben, Tod. Die Weltumrandung endet bei Markowitz nach 60 Minuten freilich nicht am Ausgangspunkt, sondern in Resignation: „Da ist einfach nichts“. Der Kreis hat sich nicht geschlossen.

Entsprechend gebrochen und verstörend sind die Tanzaktionen des zehnköpfigen Ensembles, das mit einer aus einem Pas de trois entwickelten Fünfergruppe der Männer beginnt, unter die sich die Tänzerinnen mischen und eine Harmonie und Eleganz entwickeln, zu der Bachs Musik Choreografen gemeinhin einlädt. Der Schein trügt. Markowitz setzt auf Brechungen und Brüche. Das im zeitgenössischen Tanz ausgebildete, barfuß in schwarzer Trainingskleidung agierende Ensemble zeigt sich bestens gerüstet für die oft wagemutigen Sprung- und Hebefiguren, die überraschenden Drehungen, abrupten Wendungen, die angedeuteten Pirouetten, die Rollen und gymnastischen, an Turnhallenpflicht erinnernden Aktionen. Es suggeriert unter den aus den Kapuzen rieselnden schwarzen Flocken Spiele im Schnee, die von poetischen Annäherungen bis zu bösen Rangeleien, fast mobbingartigen Opferszenen und Fluchtversuchen aus der boxringgroßen Tanzfläche ins Publikum reichen.

Das Ensemble, das sind Johannes Blattner, Alba Valenciano, López, Sara Escribano Maenza, Stefaan Morrow, Edoardo Novelli, Eleonora Pennacchini, Ana Rita dos Santos, Adrien Ursulet, Daan Visser, Evi van Wieren. Alle zehn sind durchgehend gegenwärtig, oft als lauernde Beobachter, erschöpft am Rande kauernd, ziehen ihre Kleidung aus, setzen sie neu zusammen (...)

Pforzheimer Zeitung

Montag, 7. November 2016

Die fünf Männer tanzen das ruhige Thema vor, sie wiegen sich zu Bachs Klaviermusik aus den Lautsprechern synchron. Sie drehen, fallen, fangen sich. Erst zum letzten Akkord der Aria gehen die fünf Frauen den Tänzern entgegen und schwingen sich in deren Arme. Sie verbinden sich. Dann folgt die erste Variation: rhythmische Erfrischung und mehr Bewegung bei den Tänzern – kullern, stoßen, zucken und vieles mehr.
Dieser Tanz steckt voller Ideen, die aus der Gruppe heraus improvisierend entwickelt werden. Deshalb überzeugte das Ballett „Goldbergvariationen“ am Samstagabend zur Musik von Johann Sebastian Bach von Guido Markowitz auf der Podium-Bühne des Theaters Pforzheim insbesondere als gemeinschaftliche Ensemble-Leistung.
Getanzt wird in schwarzer Gymnastik-Kleidung in einem quadratischen mit weißem Boden ausgelegten Tanzpool. Wie in einer Arena sitzt das Publikum darum herum. Energiereiche Strecksprünge, das hektische Kopf-in-den-Nacken-Werfen sowie die provozierenden Blicke der Tänzer lassen sich hautnah erleben. Wer neuen künstlerischen Tanz liebt, sollte sich diese Produktion nicht entgehen lassen. (...)

Stattdessen dreht sich alles um das Thema Erinnerung. Vor Vorstellungsbeginn werden per Video schwarz-weiße Gesichter auf den Tanzboden projiziert; eine Stimme aus dem Off fragt sich, was die allererste persönliche Erinnerung ihres Lebens gewesen ist. Zwischen einzelnen Tanzepisoden werden per Lautsprecher sinnkriselnde Sprechtexte eingespielt. Sie kreisen um das Unvermögen, sich an die eigene Vergangenheit befriedigend zu erinnern. (...)

Was überzeugt, ist (...) die Tanzfreude des Ensembles. An die vielen und vielseitigen Bewegungsideen kann sich der Zuschauer aber im Einzelnen nicht mehr erinnern. Und vielleicht ist ironischerweise das die Botschaft der Produktion? Schließlich werden gegen Ende mit schwarzer Kreide – neben vielen anderen Sprüchen – die Worte „Afraid of forgetting“ geschrieben, was so viel heißt wie „Furcht vor dem Vergessen“. Das Premierenpublikum jedenfalls nimmt es furchtlos hin. Das Stück wird mit großem Applaus gut aufgenommen.