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„Sein oder Nichtsein?“ – Öffentliches Statement der Pforzheimer Theaterleitung zur vorübergehenden Schließung der deutschen Bühnen / Theater Pforzheim, 04.11.2020

Wir protestieren gegen den Entscheid von Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, die Theater erneut zu schließen. Damit richten die regierenden Parteien von Bund und Ländern großen Schaden in der gesamten Kulturlandschaft an, nicht zuletzt an unserem Theater Pforzheim.

Theater dienen nicht nur der reinen „Vergnügung“ und „Unterhaltung“. Sie sind Gradmesser der politischen Verfasstheit eines Landes und liefern wesentliche Beiträge zur seelischen und geistigen Gesundheit einer Nation. Ohne diese kann keine Maßnahme, die dazu dienen soll, auch die körperliche Gesundheit zu pflegen, wirklich Erfolg haben. Dazu gehört, dass wir gemeinsam reflektieren, uns austauschen und Dinge auch in Frage stellen. Genau das tut die Kultur zusammen mit ihrem Publikum. In diesem Sinne machen Theater Städte und Regionen erst lebenswert, vermitteln soziale Nähe und stärken demokratischen Zusammenhalt. Und sie zählen dank bewährter Hygienemaßnahmen zu den derzeit sichersten öffentlichen Orten Deutschlands. Denn bislang haben sie die Anstrengungen von Politik, Bürgerinnen und Bürgern im Kampf gegen die Pandemie sehr ernst genommen und tatkräftig unterstützt.

Gerne hätten wir auch weiterhin gegen die Krise und die gegenwärtige Einsamkeit jedes Einzelnen angespielt und unserem Publikum einen sicheren Hafen des Trosts, der Hoffnung und der Zuversicht geboten. Politische Entscheidungsträgerinnen und -träger, die unserem hygienetechnisch außerordentlich umsichtig agierenden Publikum genau dieses Gemeinschaftserlebnis nehmen und unsere erfolgreichen Bemühungen um einen gefährdungsfreien Spielbetrieb ignorieren, verkennen den eingangs beschriebenen Wert der Kultur. Schlimmer noch: Sie beschädigen – möglicherweise irreparabel – die langfristige Substanz auch unseres Theaters. Und das in einer Zeit, die mehr denn je nach Sinngebung und persönlichem Halt verlangt.

Wir relativieren keineswegs die akute Notlage, in der sich unser Land befindet, aber wir fordern von den regierenden Parteien mehr differenzierteres Handeln sowie konstruktiven Erfahrungsaustausch mit betroffenen Einrichtungen. Wenn das kulturelle Leben verstummt, ist die Demokratie gefährdet. Und: Gegen einen geschlossenen Vorhang hilft auch kein Streaming-Angebot.

Sein oder Nichtsein? Wir werden, wenn man uns lässt, in hoffentlich naher Zukunft weiter spielen. Denn wir nehmen unseren Kulturauftrag genauso ernst wie die Sicherheit der Zuschauerinnen und Zuschauer. Und dann machen wir das, was Theater am besten kann: ausschließlich live und lebendig sein. Aber wir tragen diese politische Entscheidung inhaltlich nicht mit, wenngleich wir uns selbstverständlich an die verordneten Maßnahmen halten. Wir setzen uns ein für eine freiheitliche Kultur, die niemals stillhält. Am allerwenigsten in Krisenzeiten.

Insofern gilt mehr denn je Richard von Weizsäckers Appell von 1991 zum Schutz der Kultur: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“

Thomas Münstermann – Intendant
Uwe Dürigen – Verwaltungsdirektor
Robin Davis – Generalmusikdirektor
Peter Oppermann – Chefdramaturg
Markus Löchner – Schauspielleitung, Leitung Junges Theater
Ulrike Brambeer – Schauspielleitung
Guido Markowitz – Ballettdirektor
Dr. Rüdiger Zagolla – Künstlerischer Betriebsdirektor
Thomas Kalkofen – Technischer Direktor
Sabine Hägele – Leiterin der Pressearbeit

Von: Mittwoch, 04. November 2020