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3. Preis in der Altersgruppe 3

Lunas Sommernachtstraum
von Jeanne Mercier – 3. Preis in der Altersgruppe 3

Luna schlenderte lässig durch die Touristenmenge, die sich ein um diese Zeit weniger volles Pantheon erhoffte. Luna war das gewohnt und kannte ein paar menschenleere Wege. Sie hasste es, wenn fremde Leute sie nach etwas fragten und hatte überhaupt nur wenige Freunde. Ihre Mutter fand sie zu distanziert, ihr Vater sagte, sie sei noch in einer Entwicklungsphase, und ihr Bruder fand sie, wie alle Brüder, komisch. Aber darüber dachte Luna gerade nicht nach, sondern hörte Jazzmusik, worüber ihre zwei Freundinnen sie immer neckten.
Sie lief im Takt des Liedes und kam nach ein paar Minuten in ihrem Lieblingswald an. Dort war es viel frischer als auf den sonnengebadeten Straßen. Luna hörte keine einzige Menschenstimme mehr. Sie setzte sich an einer ungewöhnlichen großen Eiche, schloss die Augen und atmete die angenehme Luft ein und aus. Eine leise und feenhafte Melodie drang zu ihren Ohren. Luna wusste, dass sie so etwas nie zu ihrer Playlist gestellt hatte, und nahm ihre Kopfhörer raus. Tatsächlich, die Musik wurde lauter, aber blieb sanft. Das Mädchen war verwirrt, und das alles steigerte sich, als plötzlich zwei Eicheln gleichzeitig auf ihren Kopf fielen. Sie schaute hoch und sah vier oder fünf weitere auf sie hinabsausen. Jede Eichel ließ sie zusammenzucken, bis alles aufhörte und sie erstarrt dasitzen ließ. Wenige Sekunden später fing es wieder an, aber diesmal kamen die Eicheln vom Baum nebenan.
Jetzt bekam Luna es mit überwältigender Angst zu tun und schrie: „Oh Wald! Warum greifst du mich an? Was habe ich getan?“ Jemand versuchte ein freches Kichern zu unterdrücken, doch ohne Erfolg. „Zeig dich! Wer auch immer du bist. Ob Mensch oder Tier, ich werde dir nicht schaden, ich verspreche es.“ „Mein wahres Gesicht bleibet dir verborgen, doch fürchte dich nicht, du, die im Wald Verborgenheit sucht. Wenn du erlaubst, werde ich dir die Schönheiten des Hauses der Tiere und Pflanzen zeigen“, rief jemand, und eine sehr große Eule, größer als Luna es für möglich hielt, flog im nächsten Moment auf sie zu. Sie landete neben ihr, stupste Lunas Schulter an und fragte: „Oh Menschenskind, was ist der Grund für deinen Besuch?“ Das Mädchen antwortete nicht gleich, doch als sie entschieden hatte, dass das Tier vertrauenswürdig war, sprach sie: „Ich liebe es, allein zu sein, denn Fremde kann ich nicht leiden.“
„Warum diese Angst? Schreckst du beim Anblick der Tiere und Bäume zurück? Sie sind dir so fremd wie ich.“ „Ich sehe nur Angst oder Hunger in den Augen der Tiere, denen ich hier begegne, und du siehst nicht aus, als würdest du über mich urteilen“, antwortete sie. Die Eule runzelte die Stirn, drehte den Kopf und schaute in die Ferne, als denke sie an einen ganz bestimmten Ort. Dann zeigte sie auf ihren Rücken und schaute Luna eindringlich an. Jene verstand sofort und stieg auf den Rücken des Vogels. Das Tier breitete seine Flügel aus und sprang hoch in die Luft. Erst als beide weit über den Baumkronen waren und ihr Schwindelanfall vorüber war, wagte es das Mädchen, wieder zu reden: „Wie ... wie heißt du eigentlich?“ „Warum fragt ihr Menschen immer nach den Namen? Die Sache, die wir eine Rose nennen, würde unter jedem anderen Namen ebenso lieblich riechen. Mein Name wird dir nicht helfen herauszufinden, wer ich bin!“ Darüber musste Luna noch nachdenken und erwiderte deshalb nichts.
Sie flogen noch eine Zeit lang über den Wald, ohne etwas zu sagen, bis die Eule sich auf einem hohen Ast niederließ und Luna ansprach: „Ich habe dir meinen Namen nicht verraten, aber du hast das Recht, zu wissen, wer oder was ich bin. Denn ich bin nicht, was ich bin! Du vertraust wohl deinen Augen, aber ist die Wahrheit in allem, was du ansieht oder hörst?“ „Wem soll ich dann vertrauen? Du hast mir gesagt, dass dein Gesicht mir verborgen bliebe, doch kein Wesen kann sich in Eulen verwandeln!“, flüsterte Luna verwirrt. „Also sag mir: Du sagtest du, seist nicht, was du bist. Aber was bist du dann?“ „Die Frage des Seins oder nicht Seins macht dir Angst, nicht wahr? „Ich werde dir zeigen, wer ich bin, oder wenigstens, wie ich aussehe.“ Und das tat die Eule auch.
Ihr Körper begann sich umzuformen. Die Flügel wurden lange Arme, die Beine wurden elegante Menschenbeine und alle Federn verwandelten sich in Blätter und formten sich zu einer wunderschönen Kleidung. Luna suchte panisch nach einer Lösung, um von dem Baum herunterzukommen. Als sie keine fand, schaute sie die Eule, oder was davor eine Eule gewesen war, an und bemerkte erst jetzt, wie sehr sie sich getäuscht hatte. Vor ihr sah sie einen jungen Mann mit einem frechen Lächeln und freudigen Gesicht. In seinen Augen strahlte Abenteuerlust und sie fand die Änderung nahezu unmöglich. Zwar hatte sie weniger Angst vor ihm, aber ihr war das alles viel zu seltsam, und deshalb wollte sie mehr denn je von diesem Ort weg, deshalb bat sie: „ Bitte lass mich runter! Das alles kann gar nicht sein, also lass mich von hier weggehen!“ „Ich wollte dich nicht erschrecken und will dir nichts Böses. Ganz im Gegenteil! Ich will dir helfen die Menschen zu lieben, aber dazu musst du mir vertrauen und mitkommen. Mein Name ist Puck. Ich bin Elf und Menschenfreund.“ „Warum hast du mir deinen Namen gesagt? Ich dachte, Namen sind nichts wert?“ „Namen sagen nicht aus, was man ist, aber um zu rufen oder nennen, sind sie ganz nützlich! Ihr Menschen vertraut einer Person doch mehr, wenn ihr deren Namen kennt!“ Luna wollte ihm widersprechen, doch Puck ließ ihr keine Zeit zum Sprechen. „Komm, ich will dir etwas zeigen!“, rief Puck fröhlich und sprang von dem Zweig ab.
Elfen können vielleicht so weit springen, aber Menschen sicherlich nicht, also sprang er wieder hoch und holte Luna. Als beide wieder unten waren, erklärte Puck, dass sie ihm folgen sollte, und ging voraus. Luna tat, was er gesagt hatte, lief ihm hinterher und fühlte sich wohler denn je in einem Wald. Es fühlte sich so an, als kenne sie die Bäume schon. Nach gefühlt sehr kurzer Zeit erblickte Luna in der Ferne einen blauen Schimmer und fragte Puck danach. Er antwortete: „Das ist der Ort, den ich dir zeigen wollte. Dort sind die Pflanzen blau und eine Zauberblume versteckt sich dort in der Mitte. Sie entstand als Amor seinen Pfeil falsch schoss und dieser sich in eine unschuldige Blume bohrte. Ich wurde vor langer Zeit beauftragt, eine solche Blume zu pflücken und unsere Königin durch den Nektar zu verlieben. In deinem Fall aber ist deine Angst vor den Menschen ein Hindernis für die Blume. So kann sie dich aber nicht verlieben, sobald du sie probiert hast.“
Als Puck sie fragte, ob sie damit einverstanden war, nickte sie. Ihr Leben war bisher eher langweilig, farblos, und sie wollte etwas so Spannendes nicht verpassen, trotz ihrer Angst. Und schon waren Sie in diesem perfekten Kreis, wo alles normalerweise Grüne nun blau war. Tatsächlich erblickte Luna in der Mitte der blauen Bäume eine gewöhnliche, jedoch rot gesprenkelte Tulpe. Luna drehte sich um und schaute Puck fragend an. Dieser gab ihr ein Zeichen, sie solle mit der Pflanze reden. Das Mädchen hatte in den letzten Stunden schon so viel Unrealistisches erlebt, dass es ihr schon fast normal vorkam, dass Tulpen reden, also setzte sie sich hin und sprach so leise, dass nur die Blume es hören konnte: „Tat der Pfeil dir weh? Sag mir, wie kann ich ein Stück deiner Gabe nutzen, ohne dir zu schaden?“ Die Blume sagte nichts und Luna fing nach drei Minuten an zu zweifeln. Doch dann bewegte sich die Pflanze und schüttelte kräftig ein Blütenblatt ab. Das Kind dankte der Blume und aß das Blatt. Sie fühlte eine wohlige Wärme von der Blüte zwischen ihrer Zunge und Gaumen kommen, und ihr wurde sofort schläfrig zumute. Einen Augenblick später war sie nicht mehr in dieser Blaubaumlichtung, sondern lag auf sehr frisch riechendem und weichem Moos. Elfen mit verschiedenen Kleidern kamen angetanzt, und zum ersten Mal machte sie, ohne nachzudenken, fröhlich mit.
Der Vollmond schien, es wurde gesungen, getanzt und gelacht. Nach einer Weile hielten sich alle an den Händen, sodass eine riesige Schlange gebildet wurde, und tanzten durch Wälder und Felder, Dörfer und Städte und Luna sah Farben, wie sie noch nie so schöne gesehen hatte. Zum ersten Mal war das Leben bunt. Doch was sie am meisten erstaunte, waren die Farben, die die Menschen durch ihre Gefühle in die Welt setzten. Niemand sah gleich aus. Und sie merkte, wie wichtig jeder einzelne Mensch für diese Schönheit war.
Luna spürte etwas Hartes unter sich und hörte ein neues Jazzstück anfangen. Sie machte langsam die Augen auf und sah den ihr bekannten Wald wieder. War das ein Traum oder ist das echt passiert? Sie fand es zu schön, um zu akzeptieren, dass es nie passiert war. Jedoch, als sie etwas zwischen den Zähnen fand, und sich dadurch stark, glücklich, furchtlos, frei und offen fühlte, war sie sich sicher.
„Hallo, wie komme ich zum Pantheon?“ „ Ja, also …“