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Pforzheimer Zeitung

Montag, 28. September 2015

"Sein oder Nichtsein" als turbulente Polit-Farce


"(...) und nun im Pforzheimer Stadttheater von Caroline Stolz als heftig überdrehte Farce inszeniert wurde. Dabei darf das Ensemble seinem komödiantischen Affen reichlich Zucker geben (...)"

"Spiellaune ihrer Darsteller"

"...das Bühnenbild von Lorena Diaz Stephens... hübscher Details ...pointierten Kostüme und verfremdeten Nazi-Uniformen von Jan-Hendrik Neidert."

"Bei den Protangonisten zieht namentlich Markus Löchner als lächerlicher Tragöde Tura kräftige, manchmal allzu grelle Register der Selbstironie und Komik wider Willen. "

"Thomas Peter spielt den ungemein fiesen Gestapochef Erhardt mit hohem darstellerischem Potenzial"

"Joanne Gläsel als verhuschte Garderobiere Anna mit wenigen Auftritten nachhaltige Akzente setzt."

"Der neu engagierte Robert Besta als wendiger Theaterchef Dowasz, Jens Peter und Konstanze Fischer als wackere Mitglieder des aufmüpfigen Ensembles, Tobias Bode als bizarrer Spion Silewski und Mario Radosin als dürrer, heftig outrierender Sturmführer Schulz tragen zum großen Lacherfolg des Abends nach Kräften bei. Dem Pforzheimer Schauspiel ist mit dieser tiefschwarzen Komödie (...) ein ermutigender Neuanfang gelungen."

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 28. September 2015


Nazi-Satire "Sein oder Nichtsein" am Theater Pforzheim


"Keiner weiß, was er von seinem Gegenüber halten soll. Gruppenführer Erhardt und der angebliche Gestapo-Spion Silewski umschleichen sich wie zwei beschnuppernde Tiere. Der falsche Spion gibt nonchalant wieder, was er dem echten Spion abgelauscht hat: „Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, endlich wieder Gestapo-Luft zu atmen.“

Diesen Drahtseilakt in „Sein oder Nichtsein“, einer Bühnenfassung des Ernst-Lubitsch-Klassikers, gestalten Markus Löchner als falscher Spion und Thomas Peters als Gruppenführer mit trockener Bravour. Löchner gibt einer Starschauspieler, der von der Bühne ins wahre Leben geworfen wird, nun die Rolle seines Lebens spielt und dabei doch der rasch gekränkte Schauspieler bleibt. Peters, spitz präzise wie ein Raubvogel, der jeden Moment zuhacken kann, ist als pfauenhaft paradierender Kriegs-Darsteller nicht weniger eitel."

"Wer sind die „besseren“ Nazis – die Schauspieler des Warschauer Theaters im Jahr 1939, oder die echte Truppe von Gruppenführer Erhardt? Gerade noch haben die Schauspieler eine Nazi-Parodie geprobt, als die Deutschen in Polen einmarschieren und die Premiere verboten wird. Stattdessen wird wieder „Hamlet“ hervorgekramt, in dessen Titelrolle der selbstverliebte Alt-Star Josef Tura dadurch irritiert wird, dass ein junger Offizier in jeder Vorstellung beim Monolog „Sein oder Nichtsein“ den Zuschauerraum verlässt – aber nicht wegen Turas Darstellungskunst, sondern weil er zum Rendezvous mit Turas Gattin eilt. Als Bomben fallen, treten die mittlerweile im Untergrund agierenden Schauspieler in Nazi-Uniformen den Invasoren entgegen – und Tura schlüpft in die Rolle des Spions Silewski. 

"Der emigrierte Jude Ernst Lubitsch und sein jüdisch-amerikanisches Team destillierten 1942 im Film „Sein oder Nichtsein“ aus Kriegsgräuel einen Komödienklassiker,. „Sein oder Nichtsein“ ist sowohl das Stichwort für den jungen Liebhaber als auch die Überlebensstrategie für die tüchtig blödelnden und grimassierenden Knallchargen und Mimen. Die Bühnenadaption des Briten Nick Whitbys eroberte 2008 den Broadway und anschließend die deutschen Bühnen. Nun auch Pforzheim, wo die neue Intendanz ihre Schauspielsaison im Großen Haus einläutete." 

"Dass aus Spaß blitzschnell tödlicher Ernst werden kann, wird aber vor allem spürbar, wenn der zuvor wenig rampensäuische Markus Löchner und Thomas Peters ein Fest der Schauspieler ausrichten."

titel-kulturmagazin.net

Donnerstag, 7. Januar 2016

›Sein oder Nichtsein‹ (Erscheinungsdatum: 15. Februar 1942 (Los Angeles), Regie: Ernst Lubitsch, Musik: Werner Richard Heymann, Drehbuch: Edwin Justus Mayer und Story: Ernst Lubitsch, Menyhért Lengyel) ist solch ein Beispiel, mit dem der jüdische Regisseur die Kür seiner Slapstickeinlagen zusammen mit denen der Ironie unter Beweis stellte. In Pforzheim überzeugt die Theaterfassung (von Nick Whitby) der heiteren und turbulenten Polit-Farce ›Sein oder Nichtsein‹. Die Inszenierung von Caroline Stolz, unter musikalischer Leitung von Frank Rosenberger, reiht sich in den aktuellen Schwerpunkt von Shakespeare-Inszenierungen ein und überzeugt durch Witz, Ironie, Zufall und gewohnt guter Schauspielkunst.

Insgesamt wird die Pforzheimer Inszenierung zur Persiflage, nicht nur auf den einstigen Führerkult, wie er zu Zeiten des Nazi-Regimes herrschte, sondern auch zu einer auf den Narzissmus und den Hang des Menschen zur Selbstdarstellung. Im Stück zeigt er sich nicht nur auf der politischen Ebene, sondern gerade auch auf der privaten Beziehungsebene der Figuren untereinander. Das Ganze verteilt sich auf drei Erzählstränge: der Geschichte der Ehe zwischen der Schauspielerin Maria Tura, im Stück oftmals bezeichnet als »Futura«, (erotisch-weiblich, witzig, in der Abwechslung zwischen naiv und weiblich-dominierend: Katja Thiele, Ehefrau des Schauspielers Josef Tura) und ihrem Gatten Josef (in der Kohärenz des Stückes überzeugend, als Narzisst aber teilweise, wohl intendiert, nervig: Markus Löchner). Josef führt als Teil der Warschauer Theatergruppe, die im Stück als Figuration des »Spiels im Spiel« agiert, immer wieder den ›Hamlet‹ auf.

Zeichen dessen ist nicht nur sein Kostüm, das wie die meisten anderen in Beige-, Braun- und Schwarz- bzw. Sepiatönen gehalten ist, um als dramaturgisches Mittel einen Film auf die Bühne zu bringen, den viele Zuschauer kennen, wie es Bühnenbildner Jan-Hendrik Neidert (für das Bühnenbild außerdem verantwortlich: Lorena Diaz Stephens) schon in der Vorschau zum Stück auf pz-news.de betont. Er hält im Zeichen der Drehbühne auch immer wieder einen Totenkopf hoch und murmelt den Satz »Sein oder Nichtsein«, teilweise unterstrichen und ergänzt durch eine Stimme aus dem Off. Dieser Satz ist gleichzeitig Initiator des zweiten Erzählstranges, der Affäre seiner Frau mit dem polnischen Fliegeroffizier Stanislaw Sobinsky (überzeugend souverän und dennoch erheiternd: Sergej Gößner).

Immer dann, wenn Schauspieler Josef auf der Bühne steht und sich in seiner Rolle wundervoll fühlt, sie in Wahrheit aber eher schlecht als recht darstellt, treffen und überlagern sich diese beiden Stränge. Offizier Sobinsky bringt Maria während Josefs Auftritten als Hamlet immer wieder (Papier-) Blumen. Sie betont immer wieder seine kriegerischen Attribute wie sein Flugzeug, das sie augenscheinlich erotisch inspiriert. Als der Offizier sich allerdings zu ihr bekennt und ihre Liebe zu ihrem Mann in Abrede stellen möchte, quittiert sie ihr gegenseitiges Verhältnis. Ihr Mann übt sich währenddessen zusammen mit den anderen Darstellern in Nazi-Possen – Hitler selbst wird persifliert, in dem einerseits das Foto im Bühnenbild zerstört wird und er in persona auftritt. Die Gestapo lädt zum Ball, die ganze Truppe kommt auf die Bühne. In mehreren Szenen macht sich Gestapo-Gruppenführer Erhardt (witzig und zugleich heroisch-impressiv: Thomas Peters) an Maria heran, während ihr Mann Josef ihren Betrug in gewohnt narzisstischer Manier vor dem Gruppenführer zu hinterfragen versucht.

Der Widerstreit des Ehepaares gestaltet sich bis hin zur privaten, das Spiel im Spiel unterbrechenden Sequenz, am Ende des Stückes, als alle zusammen noch einmal den gemeinsamen Gang aufs Schauspielparkett hin wagen. Während sie die Rolle »des Juden« ergründen wollen, nähern sich Josef und Maria wieder an und stören damit die Handlungsbasis des Spiels. Gleichzeitig macht sich Schauspielerin Eva Zagatewska, Mitglied des Warschauers Ensembles (auch in dieser Rolle vollauf überzeugend: Konstanze Fischer), in einer Nebenszene, die sich am rechten Bühnenrand abspielt, zur Ablenkung an einen Nazi-Offizier heran, der ihr seine ganze Geschichte erzählt. Das gesamte Ensemble flieht daraufhin, begleitet von Offizier Sobinsky, vor den Nazi-Besatzern nach London.

Am Ende dreht sich die Bühne wieder, eine Stimme aus dem Off kommentiert wiederum das Geschehen. Hamlet bzw. Josef kommentiert das Geschehen ebenfalls mit dem Satz »To be or not to be« (der englischen Übersetzung von »Sein oder Nichtsein«, die eine erfolgreiche Flucht und einen anschließenden Auftritt in London suggeriert) und zeigt seinen Totenkopf, der im Shakespearschen Hamlet das Verhältnis zu seinem Vater symbolisiert. Eine gute Szene, um das Schauspiel zu beenden. Abgerundet wird es durch den interaktiven Auftritt von Frank Rosenberger, der zuvor das ganze Spiel, selbst als Teil der Szenerie, auf seiner Kinoorgel mit musikalischer Untermalung ergänzt, die zumindest zum Teil der Zeit des Stückes entspricht, also den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, und auch Teil der ursprünglichen filmischen Inszenierung ist. Er stürmt am Ende mit Papierrosen in der Hand und dem Ausruf »Vorsicht!«, seitlich aus dem Publikum, ähnlich wie Sobinsky dies zu Anfang des Stückes tat, um hinter die Bühne zu Maria zu gelangen. Josef und Sobinsky, der im erneuten Spiel im Spiel eine Statistenrolle übernommen hat, halten auf der Bühne inne und schauen sich ebenso verdutzt wie vielsagend an. Insgesamt erntet das den nicht endend wollenden und begeisterten Applaus des dieses Mal auch teilweise jüngeren Publikums im fast bis auf den letzten Platz besetzen Großen Haus. Einfach gelungen!