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Die Frauen von Troja (Der Untergang) - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 25. September 2017

(...) Das Theater Pforzheim hat das Stück unter dem Titel „Die Frauen von Troja“ nun zur Eröffnung der Saison in der Regie des neuen Oberspielleiters Hannes Hametner aufgeführt. Ein programmatischer Auftakt. Sind doch die Bilder kriegerischer Verwüstungen und menschlichen Leids in Syrien oder Afghanistan überall präsent. Da genügen wenige optische Akzente der Aufführung, um diese aktuelle Verbindung herzustellen.

Nicht umsonst zitiert der Titel die trojanischen Frauen, die nach dem Sieg der Griechen unter den Feinden aufgeteilt, verhökert und verlost werden. Ein Chor beklagt vielstimmig ihr Schicksal, und ihre Königin Hekabe hat mit ihren Töchtern grausame Demütigungen zu erwarten: Kassandra soll als Nebenfrau dem Griechenkönig Agamemnon dienen, Andromache wird dem Sohn des Achilles zugeschlagen, Hekabe selbst dem Kriegshelden Odysseus. Die Königin beklagt sich bei den Göttern für solche Schändung – und bei ihrer Schwiegertochter Helena, deren Schönheit den Krieg einst heraufbeschwor und der sie nun ebenfalls den Tod wünscht. Das Ende ist hoffnungslos. Mit dem Bild des brennenden Troja endet die Tragödie – und die Inszenierung in Pforzheim. (...)

Den Pforzheimern ist mit der Wahl dieser Bearbeitung ein guter Griff gelungen. Jens hat dem Stück alles Pathos ausgetrieben und stattet die Figuren mit zupackender sprachlicher Kraft aus, die den Schauspielern viel abverlangt, dem Abend aber dort, wo er dieser Kraft vertraut, eindringliche dramatische Wucht verleiht.

Bei Susanne Schäfer, die sich als Hekabe dem Publikum erstmals vorstellt, gelingt diese Energie des Ausdrucks überzeugend. Sie schleudert ihre Anklagen, ihre Bitternis und empörte Wut mit schmerzlicher Heftigkeit heraus, verkörpert glaubwürdig das fassungslose Entsetzen der Königin und bestimmt durch gestraffte Präsenz weitgehend das Niveau des Abends.

Mit ähnlicher Sprachkraft und souveräner Autorität absolviert Heidrun Schweda den wichtigen Part der Chorführerin, während der Chor der klagenden Trojanerinnen in der Laien-Besetzung dem Anspruch von Text und Inszenierung nur unzulänglich gerecht werden kann. Als zürnender Poseidon setzt Jens Peter gleich zu Beginn einen Markstein sprachlicher Prägnanz. Ganz auf der Höhe ihrer tragischen Statur führt Konstanze Fischer die Kassandra vor, die sich angesichts des Schreckens in den hellsichtigen Irrsinn rettet. Mira Huber gibt der geschundenen Andromache im Kampf ums Kind und die Selbstachtung auch in großen Ausbrüchen sprachlich eine eher flache Kontur.

Mit der Helena-Szene eröffnet auch die Aufführung eine neue szenische Dimension. Sophie Lochmann spielt die kapriziöse Helena als durchtriebene Verführerin, die alle Register auch körperlicher Reize zieht. In den Auftritten der drei Schreckensboten steuern Markus Löchner, Jens Peter und Bernhard Meindl sorgfältige Studien zwischen Grausamkeit und Einfühlung bei.

Das Szenenbild von Giovanni de Paulis nutzt ausgiebig und effektvoll die technischen Möglichkeiten der Bühne. Allerdings bleibt der Einsatz von allerlei Kriegsgerät im Oberflächenreiz stecken und verwässert die Aufmerksamkeit auf die sprachliche und gedankliche Substanz des Stückes. Immerhin: Diese „Frauen von Troja“ setzen in ihren vielen gelungenen Momenten und der überzeugenden Ensembleleistung gleich zu Beginn der Spielzeit einen markanten Akzent.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 25. September 2017

Poseidon lacht sich eins. Er ist ein Gott, und Götter, das weiß man, können die Gestalt wechseln. Er tritt auf als Travestit: nackter Oberkörper, knallroter Tüllrock, das Gesicht schrill geschminkt. Es ist ein bitteres Lachen, das Jens Peter in der Rolle des Poseidon lacht. Schließlich ist es eine bittere Botschaft, die er den Menschen bringt. Eine Mahnung: Sie sollten nicht meinen, „man könne Städte niederbrennen, ohne selbst zugrund zu gehen“. Sagt der Meeresgott in dem Stück „Die Frauen von Troja (Der Untergang)“, das Walter Jens (1923 bis 2013) auf Grundlage der Tragödie „Die Troerinnen“ von Euripides (480 bis 406 v. Chr.) verfasst hat und das jetzt als erste Inszenierung des neuen Oberspielleiters Hannes Hametner am Theater Pforzheim herauskam. (...)

Da ist etwa, mit Nachdruck dargestellt von Mira Huber, Andromache. Sie, die Königstochter, soll künftig Neoptolemos als Bettgespielin dienen – Sohn jenes Griechenfürsten, der ihren Mann Hektor erschlagen hat. Und da ist Kassandra, Hektors Schwester, die eigentlich ein jungfräuliches Leben als Priesterin des Apoll führen soll und will. Schon bei Euripides steht, dass sie im Tempel vergewaltigt wird. Jetzt ist sie dazu verdammt, Agamemnon als Zweitfrau gefügig zu sein. Großartig, wie Konstanze Fischer auf der Grenze zwischen fröhlichem Wahnsinn und erschütternder Hellsicht balanciert, wie sie Schmerz und Rachegewissheit in eins bringt. Sie ist die Prophetin, der niemand glaubt, und die doch genau voraussieht, welch blutiges Ende den griechischen Helden erwartet.

Nicht minder eindrucksvoll Susanne Schäfer als Hekabe. Schäfer spielt sie mit Würde, ohne Larmoyanz. Und lässt mit jedem Wort, jeder Geste erkennen, wie tief diese Mutter und Königin gefallen ist. Nichts bleibt ihr. Selbst ihr Enkel, der letzte männliche Überlebende Trojas, wird ermordet, auf dass auch ja kein neues Geschlecht heranwachsen kann, und selbst Hekabes Versuch, Helena zur Rechenschaft zu ziehen, scheitert. Denn die Griechin, deretwegen der Trojanische Krieg entfacht wurde, schafft es, ihren Ehemann Menelaos, den sie einst mit dem schönen Trojaner Paris betrog, zu umgarnen, so dass er zumindest zeitweise schwach wird; Sophia Lochmann legt die Rolle der Verführerin mit kühlem Sex-Appeal an, schlingert geschickt zwischen Angst und falscher Demut, Raffinesse und Panik, während Lars Fabian den Menelaos als aalglatt-windigen Typen gibt.

Mit ihm kontrastiert (mit Heidrun Schweda als markante Chorführerin an der Spitze) aufs heftigste der Chor. Das sind Frauen aus Pforzheim, die – ebenso wie die akustische Begleitung durch Jürgen Grözinger am Schlagwerk – der Aufführung eine archaische Note geben. Gegenwartsakzente setzt das Bühnenbild von Giovanni de Paulis, der unter anderem ein Flughafenschild mit arabischer Aufschrift platziert, ein Comedy-Einsprengsel steuert der insgesamt sehr überzeugende Markus Löchner bei, der sich den Part des Thaltybios mit Bernhard Meindl und Jens Peter teilt. Sie stehen für die Spezies der Willfährige, die alles mitmachen, aber nie an irgendetwas schuld sind. Ob die Botschaft des Poseidon am Schluss angekommen ist, muss bezweifelt werden. Die Geschichte spricht dagegen: Wie viele blühende Städte wurden seit Troja in Schutt und Asche gelegt. Am Theater Pforzheim kommt noch ein dramaturgischer Effekt hinzu. Der an sich starke Abend hätte eindringlicher, zwingender sein können, wenn man die Trickkiste öfter mal geschont und auch die musikalischen Akzente sparsamer gesetzt hätte. Sparsam, sprich: Spärlich war dafür der Besuch der Premiere. Dafür war der Applaus umso intensiver.

Die deutsche Bühne

Mittwoch, 27. September 2017

Die Männer kommen in Euripides Tragödie „Die Troerinnen“ nicht gut weg. Sie führen Krieg, töten und lassen sich totschlagen. Und die Frauen bleiben als Witwen, Bräute und Waisen im Elend zurück, werden von Siegern geschändet, wie Vieh verlost, versklavt oder in die Flucht getrieben. Das während des Peloponnesischen Krieges 415 v. Chr. in Athen uraufgeführte, als bitter ernste Warnung vor Kriegstreibern konzipierte Stück, das den (damals allen Griechen bekannten) Mythos vom Kampf um Troja aufgreift, ist nun am Pforzheimer Stadttheater in einer fulminanten Inszenierung von Hannes Hametner zu sehen (...).

Als sprachmächtiger Gott Poseidon und eigentlicher Gründer Trojas kündet Jens Peter im Prolog vom Untergang seiner Stadt. (...) Dabei ist der Ton seines Berichts vom Schrecken und Jammer der Besiegten, die vor ihm als Kriegsopfer verstreut auf dem Bühnen-Schlachtfeld liegen, mehr ironisch aufgeladen als von weihevollem Pathos getragen. Dann beschwören in einer Abfolge von Klageszenen die gedemütigten Fürstinnen Trojas und der „Chor“ der Trojanerinnen, die ängstlich ihrer Verschleppung entgegensehen, ihr von den siegreichen Griechen zugeteiltes Los. Susanne Schäfer zelebriert als die alte Königin Hekabe (...) mit geradezu majestätischer Würde das Grauen des trojanischen Infernos. Konstanze Fischer gibt Hekabes verrückt gewordene Tochter Kassandra als visionäre Katastrophen-Künderin. Zur Nebenfrau Agamemnons erniedrigt, verstört sie mit aberwitziger Prophezeiung – auch die Griechen werden sterben – und mit sexistischer Anmache den abgesandten Schergen der Sieger. Mütterlich anrührend um ihren (und des gefallenen Hektor) kleinen Sohn besorgt, spielt Mira Huber Hekabes Schwiegertochter Andromache, die schändlich zur Sklavin des Achilles-Sohnes Neoptolemos ausbedungen wurde.

Alle drei Darstellerinnen, nicht nur Hektors Gemahlin, die sich zusammen mit ihrem Kind durch Suizid den Zumutungen der Griechen entzieht, haben auf unterschiedlichste Weise das Zeug zur großen Tragödin. Heidrun Schweda ist eine großartig traurige, energisch durchdringende Chor-Führerin, die den gefangenen Frauen (Pforzheimer Bürgerinnen) selbst in aussichtsloser Lage Halt zu bieten vermag. Die Griechenfürsten, die in den Anklagen der Troerinnen ständig gewärtig sind, erscheinen (außer Menelaos) nicht in der Trauer-Handlung, sondern schicken für die schmutzige Sklaventreiber-Arbeit ihren Boten vor, den die Pforzheimer Inszenierung interessanterweise dreigeteilt hat: Markus Löchner ist die blutverschmierte brutale Variante des Thaltybios, Jens Peter (in Zweitrolle) mit weißer Unschulds-Paradeuniform der scheinbar mitleidige, nur Befehle ausführende Adjutant. Der dritte Thaltybios, Bernhard Meindl, zeigt Gewissen und erschießt sich am Ende.

Mit dramaturgischem Gespür hat Regisseur Hametner die Helena-Menelaos-Szene ausgestaltet. Sie scheint aus den Bildern des Leidens herauszufallen, repräsentiert eine Gesellschaft heuchlerischer Opportunisten, die immer obsiegen und oben schwimmen. Sophie Lochmann stellt eine Helena der besonderen Art vor, eine verruchte Verführerin, eine Diva im silbrig glitzernden, durchsichtig hautengen Ballkleid, die alle Reize ihres gertenschlank schönen Körpers so betörend ausspielt, dass selbst Voyeure im Publikum auf ihre Kosten kommen. Obwohl von Hekabe als Hure gebrandmarkt und im einzigen großen Dialog des Stücks als Schuldige am Untergang Trojas überführt, verfällt Menelaos dem Charme seiner einstigen, von Paris aus Sparta nach Troja entführten Gattin erneut. Lars Fabian zeichnet den unwürdigen Spartaner-König als sebstgefällig-eitlen, oberflächlichen Larifari-Schnösel, der mit dem Champagner-Glas in der Hand im schicken schwarzen Party-Löwen-Anzug auf die Bühne stürmt. Er wird Helena nicht, wie zugesagt, töten, sondern als Sex-Objekt für sein Bett behalten.

Die Ausstatter (Bühne Giovanni de Paulis, Kostüme Erika Landertinger) lassen durchaus Konzentrationslager-Reminiszenzen aufscheinen und sorgen unaufdringlich für aktuelles Kriegs-Ambiente. So wird Andromache in einem IS-Kämpfer-Pickup mit Pritschen-Abschussrampe auf die Bühne gekarrt, und über der kriegszerstörten Stadt kreist eine moderne Drohne. Pforzheim bietet „Die Troerinnen“ in der Übersetzung und Bearbeitung von Walter Jens mit dem Titel „Die Frauen von Troja (Der Untergang)“. Der rhetorisch versierte Übersetzer lässt Poseidon das letzte Wort. Er spricht vor der Kulisse einer im wabernden Bühnenfeuer vergehenden Stadt die Quintessenz aus: „Ihr Narren! Menschen, die ihr glaubt, man könnte Städte niederbrennen und aus Gräbern Wüsten machen, ohne selbst zugrund zu gehen.“ Sie werden alle daran verrecken, alle.