Inhalt

Pforzheimer Zeitung

Montag, 21. September 2015

„Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen.“ So verfügte es der Autor Wolfgang Herrndorf in Erwartung des eigenen, unausweichlichen Krebstodes. In den letzten qualvollen Monaten seines Lebens, das er 2013 selbstbestimmt beendete, hatte er an einem Buch gearbeitet, das die innere Geschichte des „Müllmädchens“ Isa, einer Nebenheldin seines vielgelesenen Jugendromans „Tschick“ (2010), in wüsten Impressionen erzählte: „Bilder deiner großen Liebe“. Beide Romane, die Robert Koall szenisch bearbeitete, wurden nun im „Podium“ des Pforzheimer Theaters als Doppelpremiere aufgeführt. (...) 

Das zeigte sich schon in „Tschick“, in dem viel geredet und noch mehr gebrüllt wurde, ohne dass die papierene Erzählung dieser didaktischen Road-Novel dramatische Spannung entwickelt hätte. Der verklemmte Bürgersohn Maik, den Julian Culemann mit einer Mischung von guter Erziehung und pubertärem Trotz ausstattete, lässt sich von dem durchgeknallten Außenseiter Tschick, für den Henning Kallweit sämtliche Klischees eines aufsässigen Prolls aufbietet, zu einer Tour im geklauten Lada animieren, bei der sie allerlei Crashs, Abenteuer und Begegnungen (etwa auch mit der von Theresa Martini mal betont raubauzig, mal anrührend zart gespielten Isa) durchstehen, bis sie am Ende gereift und als Freunde in ihr altes Leben zurückkehren. May setzt diese Lehrfahrt mit hochtouriger Action und anarchischer Wildheit in Szene und fügt nur selten mit Momenten des Innehaltens sparsame Akzente ein. Der Zuschauer mochte sich wohl fragen, warum diese allzu jugendlich aufgekratzte Produktion im Abendspielplan des Theaters läuft.

Die Antwort folgt nach der ausgedehnten Pause, während der das „Podium“ komplett umgeräumt wird, so dass das Publikum nun auf der Bühnenfläche sitzt und auf die Besucherränge blickt, die vom Ausstatter Dirk Steffen Göpfert in eine stufenartig aufsteigende Müllhalde verwandelt wurden. Hier lebt die junge Isa, die aus der Psychiatrie abgehauen ist und sich nun ihren überschießenden Fantasien und surrealen Visionen hingibt. In ihren langen und bewusst konfus anmutenden Tiraden, in denen Theresa Martini neben einer enormen Kraftleistung auch eine bemerkenswerte Ausdrucksbreite abverlangt wird, entwickeln die „Bilder deiner großen Liebe“ ein Psychogramm von eindringlicher Wucht, in dem Jens Peter als „ein Mann“ weitgehend auf seine Rolle als Projektionsfigur reduziert ist und nur gelegentlich eigene Kontur gewinnt – etwa in der eindringlichen Geschichte vom rätselhaften Binnenschiffer.

Badische Neuste Nachrichten

Montag, 21. September 2015

„Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen“, hatte Wolfgang Herrndorf testamentarisch verfügt. Dann entschied sich der Schriftsteller um, kurz bevor er sich das Leben nahm. So erschien die unvollendete Fortsetzung seines viel gelesenen und hochgelobten Romans „Tschick“ unter dem Titel „Bilder einer großen Liebe“. Das Theater Pforzheim zeigt nun beide Stücke in Bühnenfassungen von Robert Koall, inszeniert von Alexander May.

Der Gegensatz macht den Abend spannend: Beide Stücke handeln wie Roadmovies von Menschen unterwegs. Aber „Tschick“, die Geschichte zweier vernachlässigter Jugendlicher, die in einem gestohlenen Lada Richtung Walachei aufbrechen, ist lebenszugewandt und voller Tempo. „Bilder deiner großen Liebe“ ist langsamer und düsterer: Isa, das aus „Tschick“ bekannte Mädchen von der Müllkippe, streift zu Fuß umher, vorzugsweise bei Nacht, wirkt trotz ihrer 14 Jahre seltsam lebensweise. Ihre Reise führt in eine zerklüftete Seelenlandschaft, sie setzt sich mit existenziellen Problemen, mit Verrücktheit und Tod auseinander. Es liegt nahe anzunehmen, dass der Autor eigene Sehnsüchte und Ängste auf die Figur projizierte. Die Pforzheimer Produktion fügt dementsprechend Passagen aus dem Blog „Arbeit und Struktur“ ein, in dem der an einem schweren Hirntumor erkrankte Herrndorf den Kampf des Ich gegen den Verfall schildert, dem Verlust der Sprache das Schreiben entgegensetzt. Die präzisen Beobachtungen und die verzweifelte Suche nach Halt im zweiten Stück machen den Abend ergreifend.

Als Isa findet Theresa Martini, die in „Tschick“ allzu exaltiert agiert, in „Bilder deiner großen Liebe“ im Wechsel zwischen hellen und dunklen Momenten zu überraschend klarer Strahlkraft. Jens Peter überzeugt als „ein Mann“, als Binnenschiffer, der angeblich Bankräuber war, und als notgeiler Lastwagenfahrer. In „Tschick“ spielt Julian Culemann“ glaubhaft den 14-jährigen Maik, Henning Kallweit zeigt als Tschick erst nach und nach, dass er reifer und souveräner ist als sein Freund. Die von Dirk Steffen Göpfert diametral gestalteten Bühnenbilder veranschaulichen die gegensätzlichen Richtungen der beiden Stücke: In „Tschick“ wachsen Orte und Gegenstände – Schultafel, Auto, Brombeerbüsche, Krankenhaus – quasi aus einer Schrankwand heraus. In „Bilder deiner großen Liebe“ stöbert Isa auf einem riesigen Müllberg nach dinglichen Entsprechungen ihrer inneren Geschichten.

Mühlacker Tagblatt

Samstag, 28. September 2015

(...) „Tschick“ ist ein sogenannter Bildungsroman, der von den Beziehungen und Unternehmungen des 14-jährigen Titelhelden und seines gleichaltrigen Schulfreunds Maik handelt. Tschick, der mit vollem Namen Anrej Tschichatschow heißt, ist ein russischer Spätaussiedler, der in die Klasse von Maik Klingenberg gekommen ist, den sie Psycho nennen. Beide sind Außenseiter und das verbindet sie.

Maik stammt aus einem wohlhabenden, aber zerrütteten Elternhaus. Seine Mutter hat Alkoholprobleme und muss wieder einmal in die „Beautyfarm“, sprich zur Entziehungskur. Sein Vater geht mit der Freundin in Urlaub und überlässt dem Sohn das Haus und 200 Euro.

Da fährt eines Tages Tschick mit einem gestohlenen russischen Lada-PKW vor und lädt Maik zu einer Fahrt in die rumänische Walachei ein, wo er seinen Großvater besuchen will. Maik, der enttäuscht ist, weil er, übrigens ebenso wie Tschick, nicht zur Geburtstagsparty der von ihm bewunderten, schönen Mitschülerin Tatjana Cosic eingeladen wurde, sagt zu und so geht es ab in die Ferne. Was die beiden außer Unfällen und der Begegnung mit der verwahrlosten Isa Schmidt auf einer Müllkippe sonst noch erleben, das ist der Inhalt der Geschichte. Dabei wird das Theaterstück nur von drei Personen bestritten. Ein Schauspieler verkörpert Tschick und Maiks Vater, ein anderer Maik und eine Schauspielerin tritt gleich in mehreren Rollen auf. Das bedeutet bei einer pausenlosen Spielzeit von rund 80 Minuten nicht nur häufiges Umziehen, sondern auch Wandlungsfähigkeit in der Darstellung und im Ausdruck bei der Charakterisierung der verschiedenen Personen.

Das Herkommen der Geschichte vom Roman ist von den nicht wenigen Monologen und den verbindenden Zwischentexten abzulesen, die einen nicht geringen Anteil an dem sprachlich zwischen Poesie und Derbheit im Ausdruck schwankenden Text und dem hinsichtlich der Aktionen fantasievollen Geschehen haben. Fantasievoll ist auch das Stichwort für die Pforzheimer Aufführung, was die Inszenierung von Alexander May und das Bühnenbild und die Kostüme von Dirk Steffen Göpfert betreffen. (...)

Ein schwarzer Ledersessel mit Stehlampe auf der linken Seite und ein weißer Schrank in der Mitte, hinter dem sich die Darsteller nicht nur umziehen konnten, in dem sich vielmehr auch noch der durch zwei Autositze markierte Lada, Brombeerbüsche und verschiedene Schläuche verbargen, das ist die Bühnenausstattung. In diesem Rahmen gaben die drei Darsteller ihren verschiedenen Rollen, mit sportlichem Einsatz und intensivem Spiel differenziertes Profil. Julian Culemann war der eher verträumte Maik, der gefallene Sohn aus gutem Haus. Draufgängerisch spielte Henning Kallweit den Tschick, vor allem laut war er als Maiks Vater. Die Breite ihrer schauspielerischen Möglichkeiten zeigte Theresa Martini als vom Trunk gezeichnete Mutter Maiks, als gestrenge Lehrerin, als fesche Krankenschwester, als exzentrische Sprachtherapeutin und vor allem als unkomplizierte, direkt zupackende Isa.