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Badische Neueste Nachrichten

Montag, 22. Februar 2016

400 Jahre ist William Shakespeare tot, und noch immer unterhält er gnadenlos, erklärt er die Welt ohne zu werten. Aus simplen Stoffen hat der Dramatiker hochkomplexe Stücke gestaltet, wie die Tragödie um „Hamlet“. Das Theater Pforzheim zeigt sie im Großen Haus in einer klugen kompakten Inszenierung von Alexander May. Ihr gegenüber stellt es im Podium die absurde Komödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard, die das Geschehen am dänischen Hof aus der Perspektive der beiden völlig überforderten Nebenfiguren schildert. Der Reiz des Doppelpacks: In beiden Produktionen spielen dieselben Darsteller in denselben Kostümen und mit denselben Bühnenbild-Versatzstücken.

Die Basis des auf knapp zweieinhalb Stunden komprimierten Pforzheimer „Hamlet“ bildet die klare deutsche Übersetzung von Frank Günther, die auf die gezielte Artistik von Shakespeares Sprache fokussiert. Demgegenüber tritt die Optik im Bühnenbild (Isabelle Kittnar) zurück: Weit hinten die dänische Flagge, davor ein schlichter graubrauner Bretterboden. Dieser bricht nach und nach auf. Begleitet von dumpfem Grollen und spitzem Knacken, wellt sich der Boden und stellen sich die Bretter hoch: Die Bretter bedeuten die Welt, und die ist aus den Fugen. (...) Robert Besta, ehemaliges Ensemblemitglied am Badischen Staatstheater, erlangt in der Titelrolle eine enorme Präsenz, überzeugt mit seiner stimmlichen Wandelbarkeit und seinem Spiel auf der Geige. Als sein Spiegelbild agiert präzise Theresa Martini. Den König Claudius gibt Tobias Bode mit glatter TV-Moderator-Attitüde, Joanne Gläsel bleibt als Königin Gertrud undurchschaubar hinter einer dunklen Sonnenbrille. Jula Zangger lässt Ophelia zwischen Kindlichkeit und Reife changieren; eine kurze Schattenszene vermittelt, dass sie freiwillig in den Tod geht. Hartmut Volle spielt ihren Vater, den Oberkämmerer Polonius, Julian Culemann ihren Bruder Laertes.

Kostümbildnerin Lorena Diaz Stephens hat sich auf die Farben Schwarz, Grau und Weiß beschränkt und die Männer mutig mit Röcken ausgestattet. Irritierend wirken allerdings die grauen Perücken, die in ihrer Struktur an 70er Jahre Badekappen erinnern und wie solche auf- und abgesetzt werden. „Hamlet“ in Pforzheim ist ein Politthriller, der weise auf explizite aktuelle Bezüge verzichtet und prototypisch zeigt, wie ein Einzelner auf der Suche nach Wahrheit und Vergeltung fanatisch die Existenz seiner Familie, ja des ganzen Staats zerstört.

Mord, Macht und Misstrauen, Intrigen und Illusionen – wer blickt da noch durch? Die Helden der Komödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ jedenfalls nicht. Hilflos lassen sie sich von den Ereignissen hin- und herwerfen wie das Schiff, das sie nach England bringen soll, von den Wellen. In der Inszenierung von Caroline Stolz, die tags darauf Premiere hatte, stellen Sergej Gößner als Rosenkranz und Henning Kallweit als Güldenstern wortklaubend, Münzen werfend und Schoko-Drink vom Discounter nuckelnd wahre Musterbeispiele der Inkompetenz zur Schau. Ebenso brillant agieren Markus Löchner, Jens Peter und Fredi Noël als Schauspieler, die über Blut, Liebe und Rhetorik sinnieren, während die übrigen Figuren sich durch die aus den Fugen geratene Bretterwelt kämpfen: König Claudius bleibt immer irgendwo hängen, Oberkämmerer Polonius stößt sich immer den Kopf, und Königin Gertrud stolpert immer wieder, was auch an ihrem Alkoholkonsum liegen dürfte. (...)

Pforzheimer Zeitung

Montag, 22. Februar 2016

Eine Kombination für Feinschmecker: Dem „Hamlet“ des Vortags folgte mit der gleichen Besetzung und Ausstattung als eine Art flapsiges Satyrspiel auf die hohe Tragödie die absurde Komödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard im Podium – eine kontrastreiche Paarung, die Vergnügen mit Nachdenklichkeit verbindet.

(...) Und tatsächlich, die beiden „Helden“ des Werkes, die im „Hamlet“ noch bloße Nebenfiguren waren und dort im Strudel des Dramas untergehen, treten hier in den Fokus des Geschehens. Aus den missbrauchten Handlangern, die in der Intrige des schuftigen Königs Claudius zunächst zu Helfershelfern und dann zu Opfern werden, macht Stoppard überforderte Täter, die freilich wiederum als Opfer enden.

Bis aber ihr Ende sie ereilt, mühen sie sich, der Fremdsteuerung ihrer Existenz zu entkommen. Wie die beiden Landstreicher in Samuel Becketts „Warten auf Godot“ vertreiben sie sich die Zeit der Ratlosigkeit mit allerlei Frage- und Ratespielen, absurden Ritualen sowie müßigen Übungen, dem Unentrinnbaren zu begegnen. Was aber mit ihnen geschieht, wird allemal durch den Verlauf der „Hamlet“-Handlung bestimmt. (...)  In der gewitzten Durchdringung der unterschiedlichen Spiel- und Stil-Ebenen liegt der hohe Reiz von Stoppards Stück, das den Betrachter zu intellektuellen Purzelbäumen mit vergnüglichem Erkenntnisgewinn verführt. In den flinken Dialogen offenbart diese Komödie einen virtuosen Sprachwitz. Da fallen wunderbare Sätze über Abgründe und Flausen des Theaterbetriebs, rabulistische Saltos zu seriösen Themen wie Tod, Glück oder Zufall, hintergründige Aperçus zu Spiel und Ernst, aber auch Albernheiten einer ins Kraut schießenden Lust an der Wort-Jonglage.

Caroline Stolz’ Regie fügt dem Werk und seinem Witz immer wieder noch weitere Gags und Extras hinzu, entfesselt mit Slapstick und klamaukigem Jux einen szenischen Wirbel, in dem manches feinere Detail der Vorlage zu versinken droht. Die beiden ausgezeichneten Protagonisten, Sergej Gößner als Rosenkranz und Henning Kallweit als Güldenstern, zeigen mit animierter Laune ein breites Spektrum von clownesker Posse bis elegischer Pose. Dem Publikum gefiel’s.

titel-kulturmagazin.net

Donnerstag, 24. März 2016

Der Todestag William Shakespeares jährt sich im April zum 400. Mal. Gerade deshalb liegt der Schwerpunkt des aktuellen Pforzheimer Theater-Spielplans auf den entsprechenden Stücken des Meisters der »ebenso wortgewaltigen wie zeitlos anmutenden Sprache«, wie Chefdramaturg Peter Oppermann das auf den ersten Seiten des Programmhefts zu Alexander Mays Inszenierung von ›Hamlet‹ (deutsch von Frank Günther) und ›Rosenkranz und Güldenstern sind tot‹ in der Inszenierung von Caroline Stolz (deutsch von Hanno Lunin) beschreibt. Eine Doppelinszenierung, mit verschiedener dramaturgischer und theatralischer Gestaltung aus unterschiedlichen Perspektiven der Figuren, rund um ein und dasselbe Thema, ist nicht gang und gäbe.

Bei einem Meister, bisher aber in Deutschland relativ unbedeutenden Regisseur des Absurden Theaters wie Tom Stoppards, ist alles drin – und das je nachdem, ob der Zuschauer eher Optimist oder Pessimist ist und sich damit einlassen kann auf die Welt der innersten Gefühle wie der inneren Leere und Sinnlosigkeit und der Frage nach dem Sinn des Lebens und des Weltschmerzes – und das Ganze dementsprechend anders wahrnimmt und damit umgeht. Das offenbart die Welt und Deutungsebene des Absurden gerade in der Pforzheimer Kombination von Tragödie und Komödie – bei ›Rosenkranz und Güldenstern sind tot‹ gerade durch die teilweise gestörte und unlogische Sprache sowie eines unlogischen Handlungsaufbaus und des Weglassens einer intentionalen Handlung. Gerade durch die häufige Typisierung der Figuren bleibt der Zuschauer mitunter auch ein wenig ratlos zurück. Die über das jeweilige Stück vermittelte Leere und vermeintliche Sinnlosigkeit verschafft dem Zuschauer zugleich aber weiteren Raum dafür, über die Betrachtung des Stückes und das daraus resultierende Nachdenken über sich selbst auf diese Fragen nach dem Sinn der eigenen Existenz und weiteren Fragen eine Antwort zu finden.

Einerseits ist da die zutiefst menschliche Ebene, die in allen Shakespeare-Stücken zum Tragen kommt: Es geht um Individualität, innere Leere und Sinnsuche, was gerade im Absurden Theater nach Samuel Beckett, Ionesco und Co. auch als Existenzialismus bezeichnet wird. Das sorgt gerade bei ›Rosenkranz und Güldenstern sind tot‹ sowohl für Empathie, aber auch Verwirrung des Publikums, wie gerade das anschließende Publikumsgespräch unter Beweis stellt. Warum zum Beispiel verharren Rosenkranz (souverän und bei allen komischen Einlagen stets authentisch: Sergej Gößner) und Güldenstern (stellenweise zu komisch und fast lächerlich: Henning Kallweit) auf einmal für eine gefühlte Ewigkeit wie Statuen, also schier bewegungslos, ineinander verkeilt, mit bestimmten und resoluten Gesichtern auf der Bühne? Warum genau dauert das Warten so lang und was soll es letztendlich bringen? »Warum also passiert nichts?«, fragt dann einer der Zuschauer. Schauspieler Markus Löchner, im betreffenden Stück in der Rolle des Schauspielers 1 gekonnt und bravourös zu sehen, dementiert das: Es passiere in dieser Wartezeit im Gegenteil viel, und zwar würden nahezu alle Lebens- und Schicksalsfragen behandelt, derer jeder Mensch zeit seines Lebens gewahr würde. Genau dieses Konzept steckt auch hinter ›Hamlet‹. (...)

Wenn auch ähnlich witzige Szenen wie schon im Stück ›Rosenkranz und Güldenstern sind tot‹ zwischen den Schauspielern im »Spiel im Spiel« des Stückes auftauchen, zum Beispiel wenn sich der eine Schauspieler im Frauenkleid (komödiantisch perfekt: Jens Peter) mit zwei Ballons Frauenbrüste anlegt und diese dann plötzlich platzen lässt oder er sich im Zeichen des Geschlechtsakts am anderen Schauspieler reibt (ebenfalls ein perfekter Comedian: Fredi Noël), ist klar: Wenn auch die beiden Stücke unterschiedliche Perspektiven der Figuren und Zugänge zum Thema aufweisen – wenn auch mit zum Großteil identischer Besetzung und ähnlichem Bühnenbild (gelungen: Isabelle Kittnar) und damit einerseits Komödie (›Rosenkranz und Güldenstern sind tot‹), andererseits Tragödie sind (›Hamlet‹) ist ihnen neben des beiderseitigen Todes der jeweiligen Protagonisten eines gewiss: Die Lebensfragen eines jeden, gerade die Frage nach dem Sinn der Existenz des jeweiligen Individuums, sind auch 400 Jahre nach Shakespeares Tod noch immer gegenwärtig und noch lange nicht geklärt … Beide Stücke im Podium (›Rosenkranz und Güldenstern sind tot‹) und im Großen Haus (›Hamlet‹) sind dementsprechend nicht nur gut besucht, sondern ernten nach der jeweiligen Aufführung auch einen tosenden Applaus des Publikums. Zu Recht!