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Das Abschiedsdinner - Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

Montag, 13. November 2017

Wenn Freunde nur noch lästig sind, muss man sie abservieren. Mit einem Abschiedsdinner zum Beispiel, bei dem der Nervende alles aufgetischt bekommt, was er mag, aber nicht weiß, dass dies zum letzten Mal passiert. Auf diese hinterhältige Weise wollen Pierre und Clotilde ihre Freunde Antoine und Bea loswerden. Doch es kommt anders als gedacht. In der französischen Beziehungskomödie „Das Abschiedsdinner“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, die im Podium des Theaters Premiere feierte, kommt es zur überraschenden (...) Kehrtwende.

Eigenbrötler Antoine kreuzt ohne seine Künstlerfreundin auf, durchschaut auch schon bald das falsche Spiel der Gastgeber. Just versucht er zu retten, was noch zu retten ist – mit der therapeutischen „Sockenmethode“: Um sich besser in den anderen hineinzuversetzen, werden die Klamotten getauscht. Dass dabei die letzten Hüllen fallen, zeigt Regisseur Christopher Haninger völlig ungeniert. Nackt lässt er die Schauspieler Lars Fabian (Antoine) und Bernhard Meindl (Pierre) vors Publikum treten und einander die Unterhosen tauschen. (...) Die Akteure leisten bereits ohne diesen freizügigen Akt viel Überzeugungsarbeit, stehen auf der kargen Parkettbühne als Wohnzimmer ohne Wände (Jörg Brombacher) im Dauerfokus und gestalten neben Sprachwitz und Gifteleien auch die stillen Momente mit Spannung.

(...) Von Anfang an gibt Sophie Lochmann die überlegene, moderne Ehefrau, elegant, überheblich, sarkastisch. Auch sie darf in sexy Unterwäsche am Publikum vorbeistolzieren. Ihr Mann, der Verleger Pierre, wirkt ihr gegenüber chaotisch, kriegt nicht mal seine Hose richtig angezogen. Bernhard Meindl spielt ihn mit viel körperlichem Einsatz, spricht schnell, viel und laut. Im afrikanischen Lieblingsoutfit seines Noch-Freundes tanzt er affektiert zu Sitar-Musik des „Jimi Hendrix von Bhutan“. Räucherstäbchen nebeln das Podium mit Zigarettenqualm ein. Als Antoine, der seinen Mantel gegen den müffelnden eines Obdachlosen getauscht hat, auftaucht, ist das ungleiche Trio perfekt. Da wird hinterm Rücken des anderen gelacht, da geraten plötzlich auch Pierre und Clotilde aneinander. Lars Fabian gibt einen depressiv-esoterischer Kauz in gelbem Jackett und brauner Cordhose (Kostüme: Mareile von Stritzky). Seit Ewigkeit ist er in Therapie, schreibt noch immer an seiner Doktorarbeit – und versucht sich am Ende mit Erdnüssen umzubringen. Spätestens seit der Wiederannäherung der Männer, die mit allerlei witzigen Wiederholungen des ersten Teils einhergeht, kippt die Inszenierung ins Rührselig-Kitschige. Antoine geht, Pierre erkennt in ihm den einzig wahren Freund – und richtet in seiner Verzweiflung eine Bücherschlammschlacht an. Antoine kommt zurück, sie versöhnen sich. Und Clotilde? Hat nach wie vor die Hosen an und entscheidet das „Abschiedsdinner“ zu ihren Gunsten. Die Premiere erhält viel Beifall.

Pforzheimer Kurier

Montag, 13. November 2017

Wie entfreundet man sich auf angemessene und elegante Weise. Eine Neuauflage des Knigge könnte auf das „Abschiedsdinner“ verweisen, das sich, seit die Komödie von Mathieu Delaporte und Alexandre de la Patellière vor zwei Jahren auch auf deutsche Bühnen fand, größter Beliebtheit erfreut. (...)

Wieder steht Clothilde und Pierre ein Essen bei Freunden bevor. Abzüglich aller gesellschaftlichen Verpflichtungen im Bekannten- und Freundeskreis, der Dienstreisen, Familienfeiern, Bar Mitzwas und Elternabende stehen ihnen, so hat Pierre ausgerechnet, nur 24 freie Abende zu Verfügung. Allein vier Prozent entfallen auf die Bertins. Warum also nicht der glänzenden Idee von Boris folgen und sich von jenen verabschieden, auf die man verzichten möchte, und sie ein letztes Mal zu einem großartigen Abschiedsdinner einladen. Tote Äste muss man abschneiden, wenn ein Baum nachwachsen soll. Wir werden zu Gärtnern unseres Glücks jubelt Pierre, und Clothilde macht ihrem Zorro tüchtig Feuer unterm Hintern, damit er bei Bea und Antoine seinem Vorhaben treu bleibt: sie eine humorlose Performerin, die die Dusche meidet, um Trinkwasser zu sparen, er ein seit zehn Jahren mit seiner Doktorarbeit befasster Egozentriker und seit 20 Jahren Dauerpatient beim ungarischen Analytiker. Pierre zündet Räucherkerzen an, wirft sich den Kaftan über, den er von Antoine geschenkt bekommen hat, wählt einen Wein aus dessen Geburtsjahrgang aus und legt Antoine geliebte Ragas vom „Jimi Hendrix von Bhutan“ auf.

Hat ansonsten Clothilde die Hosen an, trieft jetzt die Freude auf den Abend bei Bernhard Meindl aus jeder Pore, der den Pierre mit großer Gestik und selbstberauschender Rhetorik gibt. Eine Spur zu viel an ausgelassener Komödiantik, doch immer rechtzeitig eingefangen vom Regisseur Christopher Haninger, der das Kammerspiel auf Jörg Brombachers Wohnzimmerquadrat so streng austariert hat wie die spartanische Ausstattung. Da sitzen die Pointen, ist das Kräftespiel präzise ausbalanciert, kommt die Analyse-Sitzung ohne Klamauk und Peinlichkeit aus. (...)

Mit durchgedrücktem Rücken, unfehlbarer Haltung und in sich ruhend wie eine Sphinx beschaut sich Sophie Lochmann das Vorhaben, wirft fast unbewegt ihre sarkastischen Kommentare ein, spitzt genüsslich die Lippen dazu, lächelt sardonisch, funkelt mit den Augen und lässt sich vom Kampf der Männer nicht ins Abseits drängen. Antoine, der ohne Bea kommt, erblickt den Jahrgangswein und erkennt den Sinn des Abends, seiner Henkersmahlzeit, schleicht sich davon – und kehrt zum Entsetzen des bereits triumphierenden Paares zurück, um die Freundschaft zu retten. Antoine, den Lars Fabian so rührend schusselig und hilfsbedürftig, so haltlos empathisch und offen gibt, ist in alle Stufen der Kommunikationsprozesse eingeweiht. Er schlägt die „Sockenmethode“ vor. Man solle sich in die Haut des anderen versetzen und den Abend nochmals nachspielen. Vor dem Seelenstrip steht der Kleidertausch. Aller Klamotten inklusive Socken und Slips entledigt (Kostüme: Mariele von Stritzky) stehen sich Pierre und Antoine nackt gegenüber. Die folgende Abrechnung bringt eine überraschende Erkenntnis, die sich die Pforzheimer Theaterbesucher ebenso wenig wie das Spiel der drei glänzend disponierten Schauspieler entgehen lassen sollten.