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Pforzheimer Zeitung

Montag, 25. Januar 2016

Nein, die Geschichte geht leider nicht gut aus. Die Suche nach dem Glück schlägt fehl, und das Liebespaar, das eben noch von einer blühenden Zukunft träumte, trennt sich. Am Ende des ereignisreichen Tages in einem armseligen New Yorker Wohnblock stehen Tod und zerborstene Hoffnungen.

Und doch ist Kurt Weills „amerikanische Oper“, die er 1947 als realistische Milieustudie nach der Vorlage eines Romans von Elmer Rice schrieb und die unter dem neutralen Titel „Street Scene“ Einblick in das Alltagsleben einfacher Menschen gewährt, ein großer Wurf. (...)

So ist denn „Street Scene“ eine bisweilen verstörende, aber immer faszinierende Mischung höchst unterschiedlicher Stile und Strömungen, wie Weill sie auch als europäisches Erbe in die Neue Welt mitgebracht hat. Da besingt die unglücklich verheiratete Anna Maurrant ganz im Tone einer Puccini-Heldin ihre Verzweiflung. Ihr eifersüchtiger Ehemann Frank, der sie schließlich gar umbringt, äußert sich in emotionalen Eruptionen von veristischer Wucht. Das virtuose, ironisch pointierte „Eiskrem-Sextett“, das die Vorzüge von Vanille-Eis und damit des American Way of Life preist, erinnert an schmissige Belcanto-Ensembles. Der Song des Hausmeisters zitiert dagegen Elemente des Spirituals, hübsche Kinderszenen und der Jubel einer munteren Highschool-Absolventin sind dem amerikanischen Alltag abgelauscht, das fetzige Tanzduett eines beschwipsten Pärchens bringt eine heiße Jitterbug -Einlage ins Spiel, und in den schwärmerischen Liebesduetten von Sam und Rose, in denen die beiden den Aufbruch in eine bessere Welt beschwören, klingt die lyrische Emphase der Operette an. 

(...) Die Komposition stellt aber auch an das Orchester der Badischen Philharmonie höchst anspruchsvolle Aufgaben. Dirigent Markus Huber blättert die Farbpalette von empfindsamer Zartheit zu greller Disharmonie, von unverblümter Härte zu sensibler Feinheit, von komödiantischer Drastik zu dramatischem Nachdruck und bisweilen wohl auch melodramatischem Pathos mit spannungsvollem Ausdruck, mitunter leider auch mit allzu lärmender Lust am Fortissimo auf.

Der Regie von Thomas Münstermann, die das Stück in der Entstehungszeit belässt, gelingt es meist überzeugend, die bunten Bilder der großen Ensembles und detailfrohen Chorauftritte durch eindringliche Führung der Solisten zu unterbrechen, was den Protagonisten Raum zur Entfaltung ihrer Gefühle lässt.

Im Ensemble ragen vor allem Anna-Maria Kalesidis als anrührende Anna Maurrant, Cornelius Burger als ihr düster leidender Mann Frank, der strahlende Tenor Johannes Strauß als herausragender Sam und Dorin Rahardja als überzeugende Rose heraus. Janne Geest und Johannes Blattner als wirbelnde Jitterbug-Partner in ihrer spritzigen „Ginger & Fred“-Einlage, Lilian Huynen als drastische Plaudertasche Emma, Edward Lee als drollig aufgeregter Jungvater Daniel, Kwonsoo Jeon als beherzt singender Eis-Fan Lillo und Danielle Rohr als liebenswert begeisterte Schülerin Jennie setzen nachdrückliche Akzente.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 25. Januar 2016

Hitchcock machte aus solch einem Stoff einen Thriller, Kurt Weill hatte bereits 1947 die Fenster zum Hof auf eine ganze Straßenseite geöffnet und diesen erweiterten Blickwinkel seiner amerikanischen Oper „Street Scene“ zu Grunde gelegt. Die Maurants, die Kaplans, die Fiorentinos, die Olsens, die Familie Jones und Hildebrand wohnen in einen Mietshaus. Kein Familienzwist, keine Hänselei der Kinder, kein Rendezvous der jungen Leute bleibt unbeachtet, tückisch belauert und kommentiert von den Frauen Fiorentino, Jones und Olsen. Klatsch und Tratsch in New York. (...) Es verleiht den gut zwanzig Nummern der Partitur eine leitmotivische Stringenz, ähnlich der atmosphärischen Musik, für die er den Begriff „Mood Music“ verwendete, eine Mischung aus Sprechen und Singen, oft melodramatisch mit Musik unterlegt, das die Sprache so natürlich wie möglich in Gesang überführt, dabei Muster der Oper wie des Broadways verwendet von der Arie à la Puccini, einem Schlaflied, Duetten, einem Quartett und Sextett, Ensembles und einer Tanznummer bis zu Swing und Blues. (...)

Nachdem er zu Beginn der Spielzeit Bernsteins „Romeo und Julia“-Musical zur Chefsache erklärt hatte, spazierte Thomas Münstermann nun vom New Yorker Westen an die East Side, wo Elmer Rice seine mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete „Street Scene“ ansiedelte, und lässt uns Weills Oper als packendes Musiktheater entdecken. Bei Weill stimmt alles, die Verbindung von europäischer Theateravantgarde und amerikanischem Unterhaltungstheater, vor allem das Timing, das den Zuschauer in der spannenden dreistündigen Aufführung Anteil an den kleinen und großen Geschichten nehmen lässt, die im Drama der Mrs. Maurant kulminieren, die durch eine Beziehung mit dem oberflächlichen Sankey aus ihrer lieblosen Ehe auszubrechen versucht. Maurrant überrascht die beiden, erschießt den Nebenbuhler, verletzt seine Frau lebensgefährlich und wird inhaftiert.

Auch in Thomas Münstermanns Inszenierung stimmt alles. Jan Hendrik Neidert hat die Straße von der bröckelnden East End-Ranzigkeit befreit und ihr weißen Revue-Glanz überzogen, hinter dem sich in den engen Mietwohnungen Abgründe auftun. Münstermann hat von den in der Hitze stöhnenden Nachbarinnen über die ausgelassenen Kinder, von der Freude über ein Stipendium bis zur Geburt eines Babys, alles gleichermaßen detailliert ausgestaltet. Alles besitzt oftmals eine liebenswerte Unschärfe, etwa im Eiscreme-Sextett, und fasziniert in der ziemlich guten Tanznummer, die Janne Geest und Johannes Blattner als Mae Jones und Dick McGann) bei ihrem „Dusslig und behext“-Duett (gesungen wird die deutsche Übersetzung von Weills Assistentin Lys Simonette) hinlegen. Es gibt viele solcher Episoden, die das patente Ensemblespiel des Pforzheimer Musiktheaters unterstreichen: das garstige Duett der Kindermädchen Alena Klein und Manuela Wagner, die paar Zeilen, die Marie Näher als Mary Hildebrand inmitten ihrer Spielkameraden singt, die Blues-Nummer des Hausmeisters Henry (Brian Garner), das dumpfe Liebesbekenntnis von Cornelius Burger als Frank Maurrant.

Zusammengeschweißt wird diese sehr sehenswerte Aufführung von Markus Huber und der Badischen Philharmonie, die Kurt Weills hoch komplizierte Anforderungen mühelos erfüllen. Überragend ist Anna-Maria Kalesidis, welche die Kittelschürzen-Primadonna Anna Maurrant, der Weill die vokale Allüre einer Tosca anvertraut, mit großer, schlanker und klarer Stimme und farbigem Ton sang, dabei anrührend im schlichten und wahrhaftigen Ausdruck. Während der Mutter der Ausbruch nicht gelingt, verlässt die erwachsene Tochter Rose, die Dorin Rahardja mit Operettenglitter und starkem Vibrato gab, die Straße. Dem von Johannes Strauß mit verzehrender tenoraler Leidenschaft gesungenen Sam hätte man ein Happy End mit seiner Rose gewünscht.