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Pforzheimer Zeitung

Montag, 21. September 2015

Abigaille nimmt keine Rücksicht – nicht auf Vater oder Schwester. Und wer ihrem Machtwillen in den Weg kommt, wird hinweggefegt. Sie allein will die Herrscherin Babels sein. Aus ihren Träumen, ihrer Herrschsucht hat sie einen Turm gebaut. Er prägt das Bühnenbild der Eröffnungspremiere von Verdis Oper „Nabucco“ am Theater Pforzheim über weite Teile. Kleidung befestigt ihn, lässt ihn in den Himmel ragen. Aber auf der Rückseite, da ist nichts. Hohl ist Abigailles Macht – und gebaut auf Verrat. Deshalb muss sie scheitern – in fallenden Mauern und zuckenden Blitzen. Bildgewaltig ist sie, diese Inszenierung, präzise gedacht dazu, sängerisch höchst beeindruckend – aber manchmal ohne den letzten dramaturgischen Feinschliff.

Doch die gesteckten Ziele zur neuen Saison hat das Theater am Freitagabend bravourös erfüllt. Neu ist der Intendant Thomas Münstermann, neu sein Leitungsteam Guido Markowitz, Alexander May und Caroline Stolz, das „Nabucco“ gemeinschaftlich inszeniert hat. Neu sind an diesem Abend vor allem die, auf die es ankommt – die Sänger. Aus allen Teilen der Welt haben sie ihren Weg nach Pforzheim gefunden. Sie sollen eine Gemeinschaft werden, mit der das Theater seine Zukunft bestreiten kann. Nicht mit Sängergästen auf gepackten Koffern will Münstermann arbeiten, sondern mit einem Ensemble, in dem die verschiedensten Menschen, Stimmen und Geschichten zu einem Ganzen verbunden sind.

Wie gut dieser Plan aufgegangen ist, zeigt „Nabucco“. Denn abseits der Wendungen der Geschichte um das babylonische Exil der Juden, mit ihren Hohepriestern und Götzenbildern ist das Werk um genau dieses Thema gruppiert. Abigaille wird nicht von dem Dokument gefällt, das ihre illegitime Herkunft bezeugt und sie zur Sklaventochter macht. Was sie zum Fallen bringt, ist ihr Anspruch allein zu sein. Allein dort oben auf dem wackligen Turm – und die Masse zu ihren Füßen. Dass die Gemeinschaft siegt, weht durch jede Szene dieser Oper.

Passend bestimmt der Chor das Geschehen über weite Teile, ihm gehört mit dem bekannten „Va, pensiero“ die Melodie, die in Erinnerung bleibt, und die in Pforzheim Gegenstand einer besonderen Idee wird, die endgültig beweist: Münstermann forciert die Gemeinschaft – und auch das Publikum gehört dazu. Zusammen mit Chor und Extrachor stehen musikalische Laien auf der Bühne, aus Pforzheim, der Region oder von noch weiter her. Sie haben ihre Kostüme abgelegt, stehen in Unterwäsche da. Sie sind ganz sie selbst, soll das heißen. Größeren Effekt aber bewirkt das Folgende. Kaum ist die weltberühmte Melodie verklungen, bevölkern die Sänger den Zuschauerraum. Ein Vorhang fährt herunter, auf ihm der italienische Text. Mitsingen soll das Publikum, und so erklingt der Freiheitschor von überall, von hinten, von vorne und mittendrin – und aus Hunderten von Kehlen. (...)

Die sängerische Gestaltung aber überzeugt vollkommen. Anna-Maria Kalesdis ist eine Abigaille von durchdringender Boshaftigkeit. Mit Stimme und Spiel erweckt sie die Machthungrige beeindruckend zum Leben. Mit seiner variablen Bariton-Stimme gestaltet Ivan Krutikov die Rolle des Nabucco in all ihren Farben und Spielarten – von der Hybris des Herrschers über die Angst des Verstoßenen hin zum geläuterten Gläubigen. Mit seinem satten Tenor beeindruckt Kwonsoo Jeon als Ismael, der auch im lautesten Tutti noch dezent durchzuklingen weiß. Zurückgenommen erscheint manchmal Danielle Rohr als Fenena, die erst im letzten Akt – auch handlungsbedingt – hervortreten darf. Dort aber lässt sie durchklingen, dass sich hinter der Vorsicht eine präzise Stärke verbirgt, die auf den Ausbruch förmlich lauert.

Die Gestaltung der bläserbetonten Partitur gelingt der Badischen Philharmonie unter Markus Huber frisch, sicher und plastisch. Einzelne Gesten hätten – gerade in der Lautstärke – mehr Exzentrik und Extreme vertragen. Insgesamt aber ein starker Auftritt des Pforzheimer Orchesters, besonders von Solo-Flöte und Cello. Aber am Ende sind es keine einzelnen Leistungen, die diesen Abend in stehenden Ovationen und Jubel ausklingen lassen, sondern die Anstrengung einer Gemeinschaft. Sie haben auf der Bühne nicht nur Abigailles Turm zu Fall gebracht, sondern davor auch eine These unter Beweis gestellt: dass Ensemble-Theater auch heutzutage funktionieren kann – und gespannt macht auf mehr.

Badische Neueste Nachrichten

Montag, 21. September 2015

In Giuseppe Verdis „Nabucco“ mischt sich das Politische mit dem Familiären, der Machtkampf mit dem Religiösen. Zum Saisonauftakt des Theaters Pforzheim nimmt sich nun ein vierköpfiges Regieteam des populären Werkes an, an dessen Spitze der neue Intendant des Hauses, Thomas Münstermann steht, der gemeinsam mit Ballettdirektor Guido Markowitz, und den Künstlerischen Direktoren Alexander May und Caroline Stolz eine etwas uneinheitliche Inszenierung auf die Bühne bringt. Münstermann war schon in den 1990er Jahren Oberspielleiter des Musiktheaters in Pforzheim. Damals stand er für an- und aufregende Regiearbeiten, überraschend, oft unterhaltsam, manchmal provokant, die viel Stoff für Diskussionen boten. Als Rückkehrer gilt der neue Intendant nun vielen als Hoffnungsträger.

Bei aller Uneinheitlichkeit der Inszenierung gelingen in Pforzheim manch überzeugende Bildwirkungen: Dirk Steffens hat ein Bühnenbild geschaffen, das sich langsam zur Gegenwart wandelt: Die bedrohten Juden im Tempel von Jerusalem agieren sehr stilisiert in einem dunkel-bedrückenden Einheitsraum, die Kostüme von Ruth Groß stehen hier für eine unbestimmte Vergangenheit, wandeln sich bis zur Fastgegenwart der wundersamen Errettung der Hebräer zur heutigen Alltagskleidung. Dazwischen liegen einige beeindruckende Momente wie die der zwischen riesigen beweglichen Kleiderwänden gefangenen Abigail, die, ebenso machtlüstern wie liebestoll, erkennen muss, dass sie als Tochter einer Sklavin nicht legitimiert ist, das Erbe ihres brutalen Vaters Nabucco, des Königs von Babylon, anzutreten. Was ihren Hass auf die Halbschwester Fenea – von Danielle Rohr mit leichtem Sopran und gelegentlich Intonationstrübungen gesungen –noch verstärkt, zumal die ihr den geliebten Ismael (Kwonsoo Jeons geschmeidig-lyrischer Tenor lässt durch seine dynamische Kultur aufhorchen) weggeschnappt hat. Nachdem es Abigail gelingt, das belastende Dokument ihrer Herkunft an sich zu bringen und ihren Vater von der Macht zu trennen, thront sie auf einem aus den schon bekannten Kleidungsstücken gebildeten Kegel, der an die Bildsprache von frühen Robert- Wilson-Inszenierungen erinnert.

Immer wenn diese Sicht auf „Nabucco“ die Einzelpersonen in den Fokus rückt, gewinnt sie an Dichte und Spannung. Die Abigail von Anna-Maria Kalesidis wird facettenreich in ihrer Machtgier, aber auch ihrer von Sadismus überspielten Schwäche gezeigt. Die Sopranistin stellt sich den immensen Anforderungen der Partie ansprechend, mit überzeugend-virtuosen Koloraturen und differenziertem Ausdruck. Zacharias, der Hohepriester der Juden, der Gegenspieler des größenwahnsinnigen Nabucco, wird in Pforzheim nicht undifferenziert, aber schon fast zu positiv gezeichnet. Am Ende dann zeigt er das wahre Gesicht des Fanatikers, als er ausholt, um den unterlegenen Baalpriester (Cornelius Burger) zu töten. Aleksandar Stefanoski singt den Zacharias mit viel Aplomb, aber auch beachtlich differenziertem Bass.

Ivan Krutikovs Nabucco gewinnt erst allmählich an gestalterischem Format. Intensiv wird sein Gesang erst, als er, der die Hybris besitzt, sich als Gott verehren zu lassen, dafür mit Wahnsinn gestraft wird. Dann wirkt er wie eine Figur aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, die sich auf einem LSD-Trip befindet. Dass er durch die Hinwendung zum Gott der Juden „geheilt“ wird und seine Tochter Fenea nebst den Hebräern vor der Ermordung durch Abigail rettet, wird von Krutikov auch darstellerisch überzeugend gestaltet. Rollendeckend singen Johannes Strauß als Abdallo und Franziska Tiedtke als Anna, die Schwester Zacharias.

(...) Neben dem Solistenensemble sind auch Pforzheims Generalmusikdirektor Markus Huber und die im Laufe des Abends konzentrierter und auch angemessen klangschön agierende Badische Philharmonie Pforzheim Garanten einer überzeugenden Premiere. Huber setzt auf eine markante und kraftvolle, die lyrischen Momente geschickt einbindende Sicht, die mit großem Beifall bedacht wird.

Die deutsche Bühne online

Montag, 21. September 2015

Wohin geht die Reise mit Thomas Münstermann? Jedenfalls versteht es der frisch gebackene Intendant am Pforzheimer Stadttheater, die Eröffnung seiner ersten Spielzeit in der badenwürttembergischen Schmuck- und Goldstadt als „bürgerbeteiligtes“ Ereignis zu inszenieren. In Gemeinschaftsregie mit seinen Spartendirektoren Guido Markowitz (Ballett), Alexander May (Schauspiel) und Caroline Stolz (Oper) bringt er Giuseppe Verdis „Nabucco“ zur Aufführung, ein Musikdrama, das seit seiner Uraufführung 1842 an der Mailänder Scala nicht nur in Italien Furore machte – vor allem wegen des Gefangenenchors „an den Ufern des Euphrat“, wo die Juden als Sklaven Babylons zur Arbeit gezwungen werden.

In Pforzheim machen nicht nur die „zuständigen“ Theaterensembles, sondern Sangeslustige aus dem ganzen Haus, ja sogar engagierte Chor- und Einzelsänger aus der Region beim „Gefangenenchor“-Event mit, bilden einen gewaltigen „Bürgerchor“. Der strömt, nachdem der „normale“ Durchgang mit Chor, Extrachor und Kinderchor pianissimo verdämmert und der jubelnde Publikumsapplaus abgeflaut ist, auf die Bühne. An der Scala hatten rasende Zuhörer erstmals 1986 bei Riccardo Mutis Einstand ein spontanes „bis!“ – wie die italienischen Opernfreunde Wiederholungen nennen – erzwungen, was Theatergeschichte geschrieben hat. Zusammen mit seiner Chorleiterin Salome Tendies hat Münstermann dagegen alles genau durchgeplant. Zuerst sprechen Schauspieler an der Rampe in allerhand Sprachen den Text des Chorliedes (“Va, pensiero, sull'ali dorate“ / Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln), so dass es zu einer babylonischen Sprachverwirrung kommt. Dann geht das Licht im Zuschauerraum an, die nunmehr 180 Choristen verteilen sich über die seitlich zu den Rängen aufsteigenden Gänge. (...)

Dabei ist die Gesamtinszenierung von durchwachsener Qualität. Generalmusikdirektor Markus Huber sorgt zwar am Pult seiner Badischen Philharmonie für Italianità ohne rohes Geschmetter. Doch schon in der Ouvertüre zeigen sich die Grenzen des Orchesters: ein Spannungsbogen fehlt, die Musik zerfällt in einzelne Teile. Und das Finale des ersten Aktes gerät zum schrill lärmenden Tableau. Bühnenbildner Dirk Steffen Göpfert präsentiert anfangs eine mit schwarzen Wandelementen ausgekleidete Tempelhalle, an deren Rückwand Zacharias, der Hohepriester der Juden, statuarisch posiert, während die um ihn gruppierten, mit übergroßen Gesetzesbüchern hantierenden jüdischen Jungfrauen, Soldaten und Leviten in zunächst historisierenden Kostümen (Ruth Groß) ihren Leidens-Chor anstimmen. (...) 

Glanzlichter setzen neue Vokalsolisten des Ensembles, da hat Pforzheim gut eingekauft. Ivan Krutikov singt als Nabucco mit leuchtend-klangschönem Bariton. Je länger der Abend voranschreitet, desto besser findet er in seine Rolle. Dem Wahnsinn verfallen erklärt er sich zum Gott, eine Hybris, die ein durchschlagender Rotlichtblitz bestraft. Der gleichzeitige Orchesterblitz bleibt allerdings fahl. Des Herrschers Wahnsinns-Outfit mit Zottelhaar und Haarhörnchen gleicht einem wild gewordenen Waldschrat. An die Spitze einer durch Intrigen vergifteten Dreiecks-Liebesgeschichte setzt sich die machtgeile Abigail, Bastard-Tochter Nabuccos. Anna-Maria Kalesidis bewältigt die als Killerpartie verschriene Rolle mit Bravour. Ihr Mezzosopran kommt besonders gut in den Kantilenen ihrer Auftritte zur Geltung. Ihre Belcanto-Szene, das melancholische Erinnerungslied an bessere Zeiten („Anch'io dischiuso un giorno“ / Auch ich öffnete einst mein Herz) ist große Oper. In höchster Erregung ausgeformte Koloraturen meistert die Solistin mit Geschick und ist eine Sänger-Darstellerin, die rasen, toben und Rache schreien kann. Als legale Nabucco-Tochter Fenena, die wie Abigail den jüdischen Feldherrn Ismael liebt und ihm zuliebe zum jüdischen Glauben übertritt, agiert die Sopranistin Danielle Rohr zart und bescheiden. Kwonsoo Jeon gibt Ismael mit allzu forciertem Tenor. Aleksandar Stefanoski als Zacharias wirkt mit Bühnenpräsenz als tröstende Autorität der Juden und singt mit sonorem Bass, der allerdings in ganz tiefen Lagen seine Mühe hat.

Die augenscheinliche Anstrengung, mit der das Pforzheimer Theater die Produktion stemmt, verdient Respekt. Manche Regisseure machen um „Nabucco“ einen großen Bogen – wegen der verwickelten Handlung und des zwielichtigen Happyends, wegen des enormen Personenaufwands und nicht zuletzt, weil sie der „Gefangenenchor“-Schlager nervt. Aber Verdis Opern-Genieblitz findet immer wieder begeisterte Theatermacher, auch in Pforzheim.

Der Opernfreund.de

Mittwoch, 23. September 2015

Ein künstlerisches Statement des gesamten neuen Leitungsteams des Pforzheimer Theaters stellt die Neuproduktion von Verdis „Nabucco“ dar. Hier war nicht nur ein Regisseur am Werk, sondern gleich vier. Intendant Thomas Münstermann hat zusammen mit seinen übrigen Spartendirektoren Caroline Stolz (Oper), Alexander May (Schauspiel) und Guido Markowitz (Ballett) Hand angelegt und eine überzeugende, klug durchdachte und gleichermaßen konventionelle wie moderne Elemente aufweisende Inszenierung geschaffen, für die Dirk Steffen Göpfert das dunkel ausgeleuchtete, nüchterne und zunehmend zeitgenössischer werdende Bühnenbild und Ruth Groß die im Lauf des Abends ebenfalls immer moderner werdenden Kostüme beisteuerten und die für jeden Geschmack etwas bereit hielt - ein guter Kompromiss, um weder traditionell noch zeitgenössisch eingestellte Gemüter bereits zu Beginn der neuen Spielzeit zu verstören. Der Erfolg gab ihnen Recht.

Der Grundgedanke des Regieteams besteht darin, dass die Geschichte um die babylonische Gefangenschaft der Israeliten und die Hybris des Babylonierkönigs Nabucco eigentlich zeitlos ist. (...) Was Verdi hier abhandelt, kann überall verkommen. Dies wird vom Regieteam dadurch versinnbildlicht, dass es den stark im Zentrum der Handlung stehenden Chor gleich in vier Sprachen singen lässt: Italienisch, deutsch, hebräisch und persisch. Zuerst einmal wird auf diese Weise ein großes Gefälle zwischen Herrschenden und Beherrschten, Herren und Gefangenen deutlich. Diese gleichsam babylonische Sprachverwirrung soll gleichzeitig aber auch auf die derzeitigen vielfachen Krisenherde aufmerksam machen, zu denen neben Nahost in jüngster Zeit ja auch das von der Flüchtlingskrise heimgesuchte Deutschland gehört - ein intelligenter Schachzug der vier Regisseure, der deutlich macht, dass die politischen Krisen der Welt uns näher sind, als wir vielleicht wahrhaben wollen, und uns ganz schnell erreichen können. Alle und jeder sind hier betroffen.

Dieser Aspekt kommt in erster Linie beim Gefangenenchor „Va pensiero“ zum Ausdruck, für den sich das Regieteam einen echten Coup de Theatre hat einfallen lassen: Zuerst wird der erste Satz des Textes in verschiedenen Sprachen gesprochen. Dann folgt der Chor. Dieser setzt sich nicht nur aus dem Opernchor und Extrachor des Theaters Pforzheim zusammen. Auch zahlreiche Chöre aus der Region sind hier vertreten. Insgesamt sind es cirka 150 Sänger/innen, die dieses bekannteste Stück aus Verdis Oper zu Gehör bringen. (...) Ganz ihr eigenes Wesen aufzeigend, das an nichts Äußeres gebunden ist, verteilen sich die Choristen über die ganze Bühne und den Zuschauerraum, der in Brecht’scher Art und Weise gekonnt in das Spiel einbezogen wird. Bravo!

Hier wurde ein echtes Gemeinschaftserlebnis in Szene gesetzt. Und auf einmal sind die Mitglieder des Chores zu Individuen mutiert. Aus dem Kollektiv des Anfangs sind nun unterscheidbare Personen geworden, die soeben einen Zeitsprung vollführt haben. Darin liegt, wie gesagt, die Zeitlosigkeit des Geschehens und der behandelten Konflikte begründet. Mit dem Wandel der Zeiten geht aber eine Änderung der Bewegungsqualitäten einher. Die stilisierten Bewegungen des Anfangs weichen im Lauf des Abends zunehmend einer mehr individualisierten Bewegungssprache, der zuerst gepflegte Formalismus weicht überzeugendem psychologischem Realismus.

Dieser kommt in besonders starkem Maße in den zwischenmenschlichen Beziehungen zum Ausdruck, die vom Regieteam eindringlich herausgearbeitet werden. Hier wird der Fokus stark auf die innere Handlung gelegt, was dem Stück gut tut. Nachhaltig prallen die verschiedensten Emotionen aufeinander und erfährt die Personenregie eine einrucksvolle Intensivierung. Die Regisseure können mit Sängern umgehen, das muss man sagen. Ihre führende Hand wurde in erster Linie in den Wahnsinnszenen Nabuccos und den Auftritten der machthungrigen Abigail offenkundig, die im dritten Akt zwischen regelrechten Kleiderwänden auf einem leibhaftigen, glockenförmigen und ebenfalls mit Kostümen versehenen Turm von Babel sitzt. Hier wurde von den Sängern/innen sehr intensiv und lebhaft agiert.

Gesungen wurde dabei ganz phantastisch. Da hat Intendant Münstermann wahrlich ein fabelhaftes neues Ensemble für das kleine Theater Pforzheim gewonnen. Mit hellem, klangvollem und kultiviert geführtem nuancenreichem Bariton sang Ivan Krutikov einen eindringlichen Nabucco. Darstellerisch ganz groß zeigte sich Anna-Maria Kalesidis in der facettenreichen Aufzeigung der verschiedenen Befindlichkeiten der Abigail. Ihre extreme Machtgier, aber auch die große Verlustangst hat sie hervorragend vermittelt. Auch gesanglich war sie mit ihrem durch sämtliche Register gut fokussierten, flexiblen und koloraturgewandten Sopran sehr überzeugend. Ein vielleicht etwas zu sympathischer Zacharias, dessen ausgeprägter Fanatismus sich erst gegen Ende offenbarte, war Aleksandar Stefanoski, der seinem Part mit markantem, volltönendem Bass auch stimmlich voll gerecht wurde. An das hohe Niveau seiner Kollegen/innen vermochte der den Ismael mit frischem, bestens verankertem und nuancenreichem Tenor singende Adam Sanchez nahtlos anzuknüpfen. Mit warmer, leichter und gut fundierter Tongebung stattete Danielle Rohr die Fenena aus. Und von Franziska Tiedtkes vollstimmiger Anna hätte man gerne mehr gehört. Solide gab Leandro Natalicio die Rolle des Hohen Priesters des Baal. Nur über dünnes Stimmmaterial verfügte dagegen der Abdallo von Steffen Fichtner. Ein Extralob gebührt den von Salome Tendies famos einstudierten Chören, die ihre Sache ganz ausgezeichnet machten.

Voll ins Zeug legten sich GMD Markus Huber und die prägnant und konzentriert aufspielende Badische Philharmonie Pforzheim. Da wurde mit ungeheurem Esprit, markant und mitreißend musiziert und auch mit schönen Differenzierungen aufgewartet. Die Abgrenzung von äußerst kraftvoll genommenen Passagen von mehr innig und schlicht anmutenden Stellen gelang vorbildlich. Fulminante musikalische Tableaus des gesamten Orchesters wechselten eindrucksvoll mit warmen, emotional angehauchten Phrasen. Darüber hinaus atmete Hubers eindringliches, von schöner Italianita geprägtes Dirigat großen Ausdrucksgehalt. Fazit: Ein in jeder Beziehung exzellenter Auftakt der neuen Pforzheimer Ära. Der Besuch der Aufführung ist sehr zu empfehlen.

Mühlacker Tagblatt

Mittwoch, 23. September 2015

(...) In Pforzheim standen jetzt über hundert Sänger, in unterschiedlichen Funktionen im Theater Tätige, aber auch von auswärts, auf und neben der Bühne und sangen den zunächst in verschiedenen Sprachen angekündigten Chor sozusagen als Höhepunkt der Aufführung. Dabei war dieser Chor ursprünglich integrierender Bestandteil der Oper „Nabucco“ und kein Solitär als Show-Element. (...)

„Jerusalem“, „Der Frevler“, „Die Prophezeiung“ und „Das zerbrochene Götzenbild“, diese Akt-Überschriften in der deutschen Übersetzung von Kurt Honolka, die auf Zwischenvorhänge projiziert wurden und die schon das Original des Librettos von Temistocle Solera enthält, deuten den Gang der Handlung an. Es ist die Geschichte des jüdischen Volkes, das von den Babyloniern besiegt und gefangen genommen wird und zum Schluss seine Freiheit durch seinen ungebrochenen Glauben an Gott wiederbekommt. Parallel dazu verläuft die Liebesgeschichte, in die Fenena und Abigail, Nabuccos legitime und illegitime Tochter, und der jüdische Prinz Ismael verstrickt sind. Richtig verstanden, müsste man dieses Werk als politisch-realistisches Musiktheater inszenieren. In Pforzheim hörte und sah sich das allerdings anders an. (...)

Für das Bühnenbild zeichnete der neue Ausstattungsleiter Dirk Steffen Göpfert verantwortlich, für die Kostüme Ruth Groß. Schwarze Wände wechselten mit bunten, mit Kleidern behangenen, sich drehenden Wänden ab. Dann gab es noch einen riesigen Drahtesel Nabuccos zu bewundern, und Abigail war zuweilen auf der Spitze einer weit in die Höhe der Bühne hineinragenden, dicken Stoffpuppe platziert. Die Kostüme bewegten sich zwischen stilisierten, in Schwarz und Weiß gehalten, über fast clowneske bunte bis hin zu Alltagskleidung von heute.

Die musikalische Leitung hatte Generalmusikdirektor Markus Huber, der die Musik des „geborenen Opernrealisten“, mit der „Schlagkraft der Melodik wie der dramatischen Charakteristik des frühen Verdi“, durch die Badische Philharmonie Pforzheim zuweilen etwas pathetisch zum Klingen brachte. Gesungen wurde zumeist mehr laut als schön. Mit Aplomb, viel Kraft, aber einer wenig differenzierenden, rauen Stentorstimme spielte und sang der Charakterbariton Ivan Krutikov die Titelpartie. Dagegen überzeugte Aleksandar Stefonoski in der für einen Bass ziemlich hoch geschriebenen Rolle des Hohepriesters Zacharias sowohl spielerisch als auch stimmlich. Mit dramatisch-expressivem Sopran und intensivem Spiel wurde Anna-Maria Kalesidis ihrer Aufgabe als Abigail gerecht. Ein wenig fad und steif verkörperte die Mezzosopranistin Danielle Rohr die Fenena.

Blass blieb der weder heldenhafte noch lyrische Tenor Kwonsoo Jeon als Ismael. Bescheiden hielt sich die Sopranistin Franziska Tiedtke in der Rolle der mitfühlenden Anna im Hintergrund. Als Hoher Priester des Baal profilierte sich der in jeder Beziehung auftrumpfende Bass-Bariton Cornelius Burger. Abdallo, den Diener Nabuccos, gab der Tenor Johannes Strauß in der angeblich vom Formalismus zum Realismus sich wandelnden Aufführung, in der Kleider aus- und in den Bühnenturm hochgezogen wurden und die Darsteller dann in Unterwäsche dastanden.